Zum Warnstreik versammelten sich am Freitagmorgen im Bahndepot der Verkehrsbetriebe Karlsruhe einige Hundert Personen. | Foto: Jörg Donecker

Warnstreik in Karlsruhe

800 Beschäftigte legen Arbeit nieder

 

„Einer muss den Job ja machen“, schallt Udo Lindenbergs Stimme aus Lautsprechern über den Innenhof des Bahndepots der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK). Einige Hundert Menschen in gelben Warnwesten und weißen Plastik-Capes versammeln sich dort am frühen Morgen zum Warnstreik der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Pfeifen werden verteilt und schon benutzt, klappernde Plastikhände tragen zur Geräuschkulisse bei. Bei drei Grad Celsius und Nieselregen wärmen sich die Streikenden mit Kaffee auf, bevor der Demonstrationszug sich gegen 9 Uhr in Richtung Mendelssohnplatz aufmacht.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat für diesen Freitag zum Streik aufgerufen. Gut die Hälfte der städtischen Kindergärten bleibt geschlossen, Bahnen der VBK stehen größtenteils im Depot, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Auch der Müll in der Fächerstadt wird an diesem Tag nicht abgeholt. „Die Karlsruher haben es da ja noch relativ gut, da die Bahnen der AVG noch fahren“, meint Amely Poll, stellvertretende Verdi-Bezirksgeschäftsführerin Mittelbaden-Nordschwarzwald.

Die Forderung der Gewerkschaft lautet: „Gute Arbeit braucht gute Leute.“ Öffentliche Dienstleistungen wie Personennahverkehr, Straßenreinigung und Grünanlagenpflege, die Arbeit in sozialen Einrichtungen sowie die Versorgung mit Energie und Wasser sorgten dafür, dass der soziale Rechtsstaat funktioniere. Die Menschen, die in diesen Gebieten arbeiten, sollen am wirtschaftlichen Wachstum teilhaben. „2017 wurde ein Rekordüberschuss von 38,4 Milliarden Euro erzielt“, so Poll. Deshalb fordert Verdi unter anderem sechs Prozent mehr Gehalt für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, mindestens aber 200 Euro mehr pro Monat. Die Entgelte der Auszubildenden und Praktikanten sollen um 100 Euro pro Monat steigen.

„Wir wollen mehr Anerkennung“, sagt eine Erzieherin aus Grötzingen, „wir sind keine Spieltanten, sondern machen einen wichtigen Job. Wir arbeiten am Menschen, legen die Basis für die Gesellschaft. Aber wir produzieren halt nix, was man später verkaufen kann.“ In anderen Ländern würden Erzieher besser bezahlt, der ganze Berufsstand genieße ein viel höheres Ansehen. Einem Mitarbeiter der VBK geht es vor allem um mehr Gehalt. „Wir machen einen richtigen Drecksjob, mit immer weniger Leuten“, schimpft er. Der Druck auf Arbeitnehmer werde zudem in der gesamten Gesellschaft immer größer: „Früher hatten es alle an der Bandscheibe, jetzt rennen sie zum Psychiater. Und irgendwann werden wir alle zu Robotern.“

Auch vom Mühlburger Tor aus strömen die Streikenden in Richtung der Verdi-Zentrale am Mendelssohnplatz, insgesamt 800 Beschäftigte zählt die Gewerkschaft an diesem Tag. Auf der Treppe, die in das Neubaugebiet Südstadt-Ost führt, heizt Thorsten Dossow die Stimmung weiter an: Das städtische Amt für Abfallwirtschaft (AfA) habe seinen Mitarbeitern angedroht, am Samstag Extraschichten machen zu müssen, wenn sie streiken. „Das ist eine Schweinerei“, ruft der Verdi-Geschäftsführer des Bezirks Mittelbaden-Nordschwarzwald der pfeifenden Menge zu.

 

„Wir halten den öffentlichen Dienst am Laufen“, sagt Dieter Bürk, Personalrat der Stadtverwaltung Karlsruhe. Er sei froh und stolz, dass auch mehrere Hundert Erzieher und Sozialarbeiter der Fächerstadt an diesem Tag dabei seien. „Wenn man hört, dass kein Geld vorhanden ist, dann ist das eine Lüge“, sagt er. Auch in Karlsruhe habe es 2016 Überschüsse im zweistelligen Millionenbereich gegeben. „Der öffentliche Dienst muss attraktiver werden. Und zwar durch höheres Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen“, fordert Bürk.

Die Auswirkungen des Streiks auf die Bahnpendler schätzt man bei den VBK gering ein: 110 Bahnen und ein Großteil der 55 Busse seien stehen geblieben, erklärt eine Sprecherin. Durch die Bahnen der AVG und den Notverkehr auf sieben Buslinien habe man aber einiges auffangen können. In den städtischen Kindergärten und Horten streiken an diesem Tag etwa 260 Mitarbeiter, so Ilona Simon, Abteilungsleiterin der städtischen Kindertageseinrichtungen. „Die meisten Eltern zeigen Verständnis und wissen, dass die Erzieher zu den schlechter bezahlten Berufen gehören.“ Sie hoffe, dass weitere Streiks ausbleiben. „Sonst sinkt die Akzeptanz sicher.“

Den nächsten Streik haben die Verdi-Vertreter bereits angekündigt: Am 10. April soll in der Fächerstadt erneut die Arbeit niedergelegt werden.