Sie kam mit verkürzten Armen und Beinen auf die Welt. Stefanie Ritzmanns Mutter hatte das Beruhigungsmittel Contergan genommen. Anders als andere behinderte Kinder wurde "Steffi" nicht von den Eltern liebevoll aufgenommen. Sie war abgeschoben und musste sich ein erstaunliches Leben lang durchschlagen. Nun schrieb sie ihre Geschichte in einem Mutmachbuch auf. | Foto: Andrea Faby

Stefanie Ritzmann nun Autorin

Abgeschoben und durchgekämpft

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Als Treffpunkt schlägt Stefanie Ritzmann ihr Stammlokal vor. Ein angesagtes Wirtshaus im Karlsruher Kreativpark Alter Schlachthof. Dort muss die Rollstuhlfahrerin keinen Hinter- oder gar Kellereingang benutzen, „wie in so vielen öffentlichen Gebäuden. Ich war ja in der Cézanne-Ausstellung. Dort klingeln und warten wir am Hintereingang. Bei denkmalgeschützten Gebäuden ist eine Barrierefreiheit oft schwer durchzusetzen“, erzählt die 57-Jährige langjährige Vertreterin der Interessen behinderter Menschen.
Sie  war 2003 Mitbegründerin des Karlsruher Behindertenbeirats und leitete ihn zehn Jahre.

Engagierte Interessenvertretung

Im Rathaus West mit der Sozialbehörde kann man sich auch mit Handicaps bewegen, bei Haltestellen wird auf erhöhte Bahnsteige gesetzt statt auf einzelne Lifte, die kaputt gehen können – all das hat Stefanie Ritzmann mitinitiiert. Auf ihre persönliche ruhige, sachliche Art. „In vielen Dingen sind auch bei unserer Interessenvertretung Kompromisse angesagt.“ Die Frau mit den ganz kurzen Armen hat in Karlsruhe eine enorme Reichweite und ist bekannt. Auch für ihren trockenen Humor und ihr Selbstbewusstsein – beispielsweise, wenn Nicht-Behinderte wieder einmal merkwürdig denken.

Nicht-Behinderte denken manchmal komisch

Ritzmann, gelernte Bürokauffrau, war Angestellte im Schreibbüro der Stadtverwaltung. Als eine Mitarbeiterin fürs Zimmer der Behindertenkoordinatorin gesucht wurde, dachte man an die Frau im Rollstuhl. Weil das „optisch“ so schön passe. Ritzmann sagte spontan „Nein. Ich will in keine optische Schublade“ gesteckt werden.“

Leben mit vielen schwierigen Phasen

„Karlsruhe ist mir zur Heimat geworden“, sagt die mit ihrem Mann, einem Schreiner, 1985 von Bremen in den Südwesten gekommene Frau. Sie trennte sich 1992 und wurde geschieden. „Ich sagte mir, ich schaffe es allein, aber es war sehr schwer“. Auch diese, zudem arbeitslose Phase, beschreibt sie eindrücklich in ihrer, zusammen mit Beate Rygiert verfassten, Lebensgeschichte „Weglaufen? Geht nicht.“ Nach und nach fand Ritzmann wieder zum tiefen Glauben, sie war lange Lektorin in St. Stephan. Heute lebt sie in einer passenden Wohnung. Mit Küche in der richtigen Höhe und einer befahrbaren Dusche.

„Drücke alle Daumen, die ich nicht habe“

Zu Hause hat sie ein kleines Fahrzeug und für draußen den Elektrorollstuhl mit einer Reichweite von 25 Kilometern hin und zurück. „Ich fahre im Sommer gern in den Zoo und das ganze Jahr ins Kino oder zu Freunden.“ Sie kann außerdem in der Stadt wie andere auf den Busdienst für Behinderte, mit einer bestimmten Anzahl kostenloser Fahrten, zurückgreifen. Immer im Mai geht es mit einer Freundin nach Oberstdorf. Trotz aller Einschränkungen ist das „Contergankind“ froh, wie sich alles bis heute gefügt hat. Sie sagt zu anderen gern: „Ich drücke ihnen alle Daumen, die ich nicht habe.“

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In Osnabrück wurde Stefanie Ritzmann 1960 geboren. Die Eltern ließen ihre Tochter mit verstümmelten Armen und Beinen im Heim aufwachsen. Sie machte den Hauptschulabschluss und absolvierte eine Lehre als Bürokauffrau. Sie heiratete und zog 1985 nach Karlsruhe. 13 Jahre arbeitete Ritzmann in der Stadtverwaltung. Sie  war Mitbegründerin  des Behindertenbeirat und  zehn Jahre dessen Vorsitzende. 2014 erhielt sie den Verdienstorden von Baden-Württemberg.

 

Als Contergankind geboren

„Für ein Kind wie mich war kein Platz in der Welt meiner Eltern. Rund zwei Wochen nach meiner Geburt brachte man mich in ein Säuglingsheim. ’Nach Hause’ kam ich Zeit meines Lebens nur zu Besuch.“ Was war passiert, dass die Lebensgeschichte einer heute 57-jährigen Frau aus Deutschland so beginnen muss? Warum haben ihre 21-jährige Mutter und der 24-jährige Vater, ein Unternehmersohn aus Ibbenbüren, das erstes Kind abgeschoben? Ihre Stefanie kam mit viel zu kurzen Armen in einem Osnabrücker Krankenhaus auf die Welt, sie hatte weder Ellenbogen noch Daumen. Beide Beine waren zudem zu kurz, das rechte Bein erwies sich als länger, die Füße waren nach innen gedreht.

Von den Eltern abgeschoben

Und lange dachte man, sie hätte keine Hüfte. Eine Arzt erklärte, dieses Mädchen werde nicht lange lebensfähig sein. Negative Prognosen begleiteten Stefanie Ritzmann weiter. Sie werde nie arbeiten können. „Du bist ein hoffnungsloser Fall“, hörte sie vom Vater. Er verbot ihr die Berufsausbildung. Eine Behinderte konnte nur passiv sein, ohne Perspektive eines „normalen“ Lebens. Nur Opfer eben. Sie war auch eines. Allerdings das Opfer eines Pharma-Skandals.

Pharma-Skandal um rezeptfreies Schlafmittel Contergan

Zwischen 1957 und 1961 nahmen etliche Frauen das rezeptfreie Medikament „Contergan“ gegen Schwangerschaftsbeschwerden. Ein Schlaf- und Beruhigungsmittel, dessen Substanz Thalidomid den Embryo schädigt. Kinder wurden tot oder mit verstümmelten Gliedmaßen geboren. 1968 begann das Strafverfahren gegen leitende Mitarbeiter des Herstellers Grünenthal, zwei Jahre später wurde es eingestellt. (Entschädigungszahlungen durch Firma und den Staat kamen in Gang. Deren Höhe und das Verhalten gegenüber Betroffenen sind Gegenstand von anhaltenden, auch traurigen, juristischen Kontroversen.)

Weltweit 10 000 Betroffene

Die Karlsruherin Stefanie Ritzmann war eines von 5000, nach anderen Angaben auch 7000 deutschen und weltweit mindestens 10 000 Contergankindern. Viele von ihnen wurden schon damals sehr liebevoll von ihren Familien aufgenommen. Und haben dank dieser Unterstützung ihren Weg gemacht.
Viele leben allerdings nicht mehr. Denn ihre Körper werden durch die Beeinträchtigungen stärker beansprucht. Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur sind Folgeschäden, die auch Ritzmann begleiten. Und alle Kämpfe um Autonomie waren mit schmerzlichen Rückschlägen verbunden.

Mutmachbuch „Weglaufen? Geht nicht!“

Doch  die jetzt vorgelegte Bilanz von 57 Jahren schlägt ganz andere Töne an. Die Erinnerungen erscheinen am 22. Februar unter dem Titel „Weglaufen? Geht nicht!“ und sind ein „Mutmachbuch“ geworden. Denn  Ritzmann sagt: „Ich persönlich finde,  uns Contergan-Menschen musste es geben, damit sich auf dieser Welt etwas ändert – für Behinderte im täglichen Leben, für das Umdenken von Menschen.“ Die Bedeutung von Inklusion und kritische Betrachtung von pharmazeutischen Experimenten gehört ebenfalls zu den Botschaften, die sich aus ihren Erfahrungen ergeben.

Mitleidsgeld und „halber Mensch“

Das behinderte Kind wurde aus dem Säuglingsheim nur an Weihnachten nach Hause geholt – wo inzwischen zwei Geschwister ohne Einschränkungen aufwuchsen. Die Mutter konnte ihrer Problem-Tochter keine Zärtlichkeit schenken, nur die Omi ging unbefangen mit der etwas anderen Enkelin um. Und die nicht verwandte Gisela kümmerte sich um das Problemkind mit dem hübschen Gesicht. In kurzen exemplarischen Episoden blickt Ritzmann auf ihre Kindheit und Jugend. Dafür besuchte sie das Kinderheim Sendenhorst eir andere Aufenthaltsorte wieder und sprach mit den Menschen dort. Die eigene Geschichte besser zu verstehen und aufzuarbeiten, war ein Ziel. Sie in einem Buch zu veröffentlichen ein Traum.

Zusammenarbeit mit Beate Rygiert

Dazu rief Ritzmann die Autorin, Filmemacherin und Malerin Beate Rygiert an, die bereits andere „Schicksale“ aufgezeichnet hat. Die Frauen verstanden sich gleich gut. Aus den Erzählungen entstand eine berührender Rückblick in einfacher Sprache. Da berichtet das „Contergankind“ , wie es von Fremden Kleingeld aus Mitleid zugesteckt bekam, wie es als „halber Mensch“ bezeichnet wurde und wie es sich durchsetzte, in Hannover eine Ausbildung zu beginnen.

Mit dem Ehemann einst nach Karlsruhe

Die junge Frau mit kurzen Armen schaffte den Führerschein und besaß später auch ein spezielles Auto. Sie spielte in einem Posaunenchor und erlebte die erste und zweite Liebe. Sie lernte ihren Freund kennen, der mit einer Orthese die ungleich langen Beine ausglich. Er wurde ihr Ehemann. Die beiden zogen in seine Heimat Karlsruhe. Allerdings fand Stefan Ritzmann erst nach acht Jahren eine Arbeitsstelle – weil sie mutig auf die Benachteiligung Behinderter aufmerksam machte und damit Bürgermeister Norbert Vöhringer beeindruckte.

Mutige Bilanz eines Schalttagskinds

Ob depressive Phasen nach Trennung und Scheidung oder das anstrengende Engagement für Contergangeschädigte und andere Menschen mit Behinderung: Ritzmann beweist Mut, ihre Gefühle herauszuarbeiten. Ihr Schicksal ist nicht pathetisch, sondern sympathisch wiedergegeben. Erstaunlich, wie sich sogar später mit dem Vater versöhnen konnte. Auf eine ganz besondere Weise. Denn die am 29. Februar, dem vierjährlichen Schalttag, geborene Frau ist ein außergewöhnlicher Mensch. Der mit diesem Buch den Lesenden Mut macht: Wenn ich es schaffe in diesem Leben, dann schafft ihr es auch.

Stefanie Ritzmann und Beate Rygiert: Weglaufen? Geht nicht! Das Buch erscheint am 22. Februar mit 268 Seiten und 24 Schwarz-weiß-Fotos im Verlag Klöpfer & Meyer,. Auch als E-Book erhältlich. Buchvorstellung  mit Moderator Jo Frühwirt am 2. März, um 19 Uhr im Veranstaltungsraum Turmbergterrasse Durlach.