Vor dem Umbau herrscht auf der Kaiserstraße Ost in der Corona-Zeit Ruhe. Doch dies wird sich bald ändern. Der Nusselt-Hörsaal wird abgerissen, rechts daneben das türkisfarbene Institutsgebäude der Maschinenbauer.
Vor dem Umbau herrscht auf der Kaiserstraße Ost in der Corona-Zeit Ruhe. Doch dies wird sich bald ändern. Der Nusselt-Hörsaal wird abgerissen, rechts daneben das türkisfarbene Institutsgebäude der Maschinenbauer. | Foto: jodo

Nusselt-Hörsaal verschwindet

Abrisse am KIT in Karlsruhe behindern Fußgänger und Radfahrer

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Karlsruhe will sich auch nach Vollendung der Kombilösung weiter umbauen. Wenn die Bahnen Ende 2021 durch den U-Strab-Tunnel düsen, können oberirdisch im Zentralabschnitt zwischen Europaplatz und Berliner Platz die Schienen herausgerissen und Abschnitt für Abschnitt edle Granitplatten wie jetzt auf dem Marktplatz verlegt werden.

Doch auch weiter im Osten soll nach dem Willen der Zukunftsplaner von Stadt und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) der Karlsruher Zentralschlauch ein attraktiveres Aussehen bekommen.

Gar kein Autoverkehr mehr vom Durlacher Tor zum Berliner Platz. Und neben einer Spur für Radler, so breit wie heute ein Fahrstreifen für Autos, darf sich das KIT mit einer Vorfläche ausdehnen.

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Es geht um die Strategie, KIT und Stadt miteinander besser zu verzahnen. Diese Zukunftsmusik wird wohl erst um 2025 angestimmt. Doch sie steht schon in der kommunalen Partitur beim von Bund und Land subventionierten Sanierungsprogramm Innenstadt Ost mit einem Gesamtvolumen von 92 Millionen Euro.

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Davon will man aber auch die Neugestaltung des Kronenplatzes, vielleicht mit einer neuen Stadtbibliothek, und das neue Pflaster für den Marktplatz und die Fußgängerzone Kaiserstraße vom Marktplatz bis zum Kronenplatz bezahlen.

Doppelter Abriss an der Kaiserstraße

Mit zwei Maßnahmen aber, die in dieses Konzept passen, wird jetzt schon begonnen – und beide behindern die Bürger in der östlichen Kaiserstraße, ob Fußgänger, Radler oder Autofahrer, vorübergehend stark:

Erstens reißt das KIT den ob seiner kühnen Beton-Architektur berühmten Nusselt-Hörsaal ab. Es füllt dann die Lücke in der nördlichen Kaiserstraßenfront einen Steinwurf von seiner Urzelle, dem Hauptgebäude der Technischen Hochschule aus dem 19. Jahrhundert, mit dem Neubau für das Lern- und Anwendungszentrum Mechatronik (LAZ).

Nusselt-Hörsaal
ENDE FÜR DEN BETONWÜRFEL auf Stelzen: Nach 60 Jahren verschwindet der Nusselt-Hörsaal der Maschinenbauer wieder aus der Karlsruher Architektur-Landschaft und macht einem Neubau für das Lern- und Anwendungszentrum Mechatronik Platz. | Foto: jodo

Die Baustelle wird nach Angaben der Stadt die Fahrbahn und den Gehweg auf der Nordseite der Kaiserstraße komplett beanspruchen. Fußgänger, Radler und Autofahrer müssen also auf Umwege ausweichen.

Und zweitens bricht Karlsruhes Nahverkehrskonzern in diesem Frühling die provisorische Haltestelle „KIT/Campus Süd“ auf der Kaiserstraße zwischen KIT und Fasanenstraße ab. Die Bahnsteige verschwinden über ein Jahr nach ihrer Funktionslosigkeit durch die Inbetriebnahme der oberirdischen Stationen auf dem Deckel der U-Strab-Haltestelle am Durlacher Tor.

Oben sollen weniger Bahnen rollen

Sieben Jahre hatten sie die Stationen am Durlacher Tor ersetzt. Dort erhält die Kaiserstraße dann im Zwischenschritt erst mal wieder ihr altes Aussehen wie vor dem Bau der U-Strab. Allerdings werden dort 2022 nur noch die Straßenbahnen zweier Linien oberirdisch rollen, während darunter sieben Linien durch die U-Strab-Röhre fahren.

Die Veränderung an der Kaiserstraße gehört zum Masterplan für die Entwicklung des Campus Süd.

Monika Landgraf, Pressesprecherin des KIT

„Die Veränderung an der Kaiserstraße gehört zum Masterplan für die Entwicklung des Campus Süd“, bestätigt KIT-Pressesprecherin Monika Landgraf. Die Überlegungen für eine Öffnung des KIT an der Kaiserstraße seien nicht abgeschlossen.

Das LAZ aber wird 2021 konkret: Schon sind die Bäume hinter dem Zaun zur Kaiserstraße abgeholzt. „Die Bauarbeiten haben begonnen“, betont Landgraf. Bald stehe dort ein Bauzaun, und im Sommer werde der Nusselt-Saal abgebrochen. „Mit dem Neubau wird im März 2021 begonnen“, berichtet Landgraf.

„Für den Umbau der östlichen Kaiserstraße liegt der konkrete Zeitplan noch nicht vor, das dürfte jedoch erst am Ende der Sanierungslaufzeit bis 2030 liegen“, erklärt Helga Riedel, Pressesprecherin der Stadt. Bislang gibt es dafür nur eine Planungsvariante.

Man beabsichtigt, die Straße so umzugestalten, dass die Autos Richtung Durlacher Tor wie beim Kolpingplatz auch auf den Schienen fahren. Dafür sind laut Riedel aufwändige Genehmigungsverfahren von allein schon mehreren Jahren Dauer nötig.

Architekturkapsel hat gelitten

Zunächst verschwindet mit dem Nusselt-Hörsaal ein besonderer Betonbau. Klaus Arnold hat ihn 1960 gebaut. Generationen von Maschinenbauern haben dort wissbegierig den Dozenten zugehört. Auf Stelzen hängt er förmlich wie eine gelandete Mondfähre über dem Campus.

An seinen Außenwänden ist Beton abgeplatzt: Diese Architekturkapsel hat unter der Erdatmosphäre mächtig gelitten. Schon vor elf Jahren hatte das Bauordnungsamt der Stadt den Hörsaal mit 266 Sitzen und 26 Notsitzen ohne Schreibbrett wegen Baufälligkeit gesperrt.

Wilhelm Nusselt war ein deutscher Physiker, der mit seinen Forschungen zur Wärmeübertragung Weltruf errang. Von 1920 bis 1925 lehrte Nusselt als Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.