NIcht laut und lärmend geschieht das großartige Ereignis, sondern in aller Stille: An Weihnachten sind die "Heilige" und die "Stille Nacht" untrennbar miteinander verbunden. Aber im Rest des Jahres hat es die Stille schwer, einen Platz im Leben zu finden. | Foto: ©Romolo Tavani – stock.adobe.com

Die Stille der „Stillen Nacht“

Absolute Ruhe

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Das berühmte Weihnachtslied erklang vor 199 Jahren zum ersten Mal. An Heiligabend 1818 stimmten die beiden Urheber in der Kirche des österreichischen Örtchens Oberndorf ihr Werk an. Von Organist Franz Gruber stammte die Melodie. Der Text lag schon seit zwei Jahren in der Schublade von Pfarrer Josef Mohr. Er verfasste sein Gedicht „Stille Nacht“während seiner Zeit in Mariapfarr im Lungau. Das getragene Lied gefiel bereits bei der Uraufführung im salzburgischen Oberndorf. Eine reisefreudige Sängerfamilie aus dem Tiroler Zillertal importierte es in andere Länder. Der Siegeszug war ab etwa 1830 nicht mehr aufzuhalten, in 300 Sprachen soll der Text inzwischen übersetzt sein.

Vor 199 Jahren wurde das berühmte Weihnachslied „Stille Nacht“ zum ersten Mal gesungen. Ein Pfarrer verband im Text die religöse Dimension untrennbar mit der Stille. | Foto: Rebel - stock.adobe.com

Stille hat eine religiöse Dimension

Noch heute ist die romantische Vorstellung einer „Weißen Weihnacht“, dazu noch in den Bergen, untrennbar mit dem Lied verbunden. Dessen erste Worte bringen eine religiöse Dimension, die Heiligkeit der Nacht, in engster Verbindung mit der Stille.
Mit viel Aktivität, Musik und Druck steuern unsere modernen Gesellschaften auf das große Fest zu. Doch das zentrale Geschehen der Weihnacht, die Geburt Jesu, vollzieht sich möglichst leise. Jedenfalls nicht als lautes Großereignis, wie sonst die meisten angeblich wichtige Dinge der Welt. Sondern in stiller Nacht.

Leise rieselt der Neuschnee – und macht die Welt stiller

Im Wunsch nach „Weißer Weihnacht“ steckt wohl auch noch die Idee, die Besonderheit dieses Abends zu verstärken. Inklusive ihrer Stille.Wenn der Schnee leise rieselt, haben wir das Gefühl, dass es im Freien leiser ist als sonst. Tatsächlich wirkt lockerer Neuschnee schalldämpfend. Die übereinander liegenden Flocken bergen Hohlräume, die Schall absorbieren und in ganz wenig Wärmeenergie umwandeln. Pappiger oder verklumpter Schnee hat diese Wirkung nicht.
Über ein Maximum an Stille zu Gott zu finden – das ist eine Idee, die viele Religionen haben und in mönchischen Lebensweisen umsetzen. Der deutsche Regisseur Philipp Gröning drehte einen Dokumentarfilm über das Leben im Mutterkloster des christlichen Kartäuserordens in den französischen Alpen. 19 Jahre nach dem ersten Kontakt durfte Gröning ein halbes Jahr die Mönche begleiten. Er nannte seinen beeindrucken Film von 2005 „Die große Stille“. Es ist anstrengend, still zu sitzen und sich die ruhigen Bilder eines weltabgewandten Lebens anzuschauen.

Rückzugsräume im Alltag

Die verweltlichte, entspannende Wohltat von höchster Ruhe wird durch „Räume der Stille“ im Europa- oder Vierordtbad Karlsruhe dokumentiert. Rückzugsgebiete als Kontrast zur lauten Badewelt bieten diese säkularen Tempel der Stille. Wobei solche Rückzüge einiges an Einübung in das Ungewohnte erfordern. Ebenso wie das Kraftschöpfen aus Geräuscharmut, durch einen nächtlichen Spaziergang unterm Sternenhimmel oder den Marsch durch einsamen Wald.

Stille kann höllisch sein

Manche schwärmen, dass sie in solcher Einsamkeit ihre Sinne schärfen. „Aber für Menschen mit psychischen Problemen oder Krankheiten wie Depression ist gerade diese Stille besonders bedrohlich. Weil im Kopf keine Ruhe herrscht, sondern die bedrückenden Gedanken unablässig und noch stärker hervortreten“, sagt der Durlacher Psychologe und Therapeut Hans Biewer.
Absolute Ruhe kann himmlisch oder höllisch sein – je nachdem, wie sie empfunden wird. Dass der Mensch im Schlaf Ruhe und Stille zur Erholung benötigt, ist dennoch biologisch unbestritten. Und wer sich wach zurückziehen kann – in einer stillen Stunde, die vielleicht nur zwanzig Minuten dauert –, tut sich etwas Gutes. Tagsüber kann eine den Kopf „abschaltende Wirkung“ sogar mit Geräuschen erzeugt werden. Sich ganz in angenehme Tätigkeiten versenken, wie Putzen, Musizieren oder Sport allein und in Mannschaften, kann ebenfalls etwas Meditatives haben. Und ist höchst gesund.

Stille-Wegweiser eines Abenteurers

Vom norwegischen Abenteurer Erling Kagge – er war am Nord- und Südpol sowie auf dem Mount Everest – ist vor wenigen Wochen ein feines schmales Buch auf Deutsch erschienen: „Stille. Ein Wegweiser.“ (Insel Verlag, 14 Euro). Darin schreibt er: „Die interessanteste Stille ist diejenige, die in mir ist. Daher suche ich nicht mehr nach der absoluten Stille um mich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille, die ich selbst schaffe.“ Kagge hat freilich das Privileg, die vielfältigen Erfahrungen von Naturstille in sein Stadtleben von Oslo übertragen zu können.

Ein Musikstück aus lauter Pausen

Stille und Pause sind in der Musik untrennbar miteinander verbunden. Und das sei für Ausführende, zumal Laien, eine Herausforderung: die Stille als Freund der Musiker zu verstehen, sagt Dominik Axtmann. Der katholische Kantor für die Pfarreien West-Nord in Karlsruhe betont: „Stille heißt nicht, dass keine Spannung oder Energie vorhanden ist.“ Das sollten auch Gottesdienstbesucher bedenken, wenn sie mit liturgischen Pausen konfrontiert werden. Wobei schon eine Minute vielen als zu lang erscheint. Musik ermöglicht den starken Laut-Leise-Kontrast, wie bei Orgelwerken von Max Reger mit dem vierfachen Piano bis zum vierfachen Forte. Es gibt zudem Musik, die nur aus Pausen besteht: John Cages Stück 4’33’’ von 1952. Ein Dirigent steht vor dem Orchester und leitet es. Doch kein Ton erklingt. Vier Minuten und 33 Sekunden lang.

Am Ende jubeln die Engel doch noch laut

Solche Ruhe wirkt jedoch nur mit „Nachhall“, bei Rückkehr zu Lauten mit Stärke. Selbst die „Stille Nacht“ endet gar nicht still: In der sechsten Strophe heißt es: „Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja“. Dieser Engelsjubel „tönt von Fern und Nah“. Und außerdem „laut“.

Laute Nächte

Es ist schwer, Stille im öffentlichen Leben direkt zu „erzeugen“. Eine andauernde „Stille Nacht“ ist in besiedelten Gebieten nicht selbstverständlich. Immerhin können Verwaltungen vom Bundesland über Kreise bis hin zu Städten und Gemeinden das Gegenteil bekämpfen, also den Lärm.
Wie laut der Lärm im Vergleich ist, das beurteilt man per Schalldruckpegel, der in der Einheit Dezibel, dB, angegeben wird. Und meist noch mit einem (A) ergänzt, das für eine bestimmte Schalldruckkurve steht. Bei Autorennen kann ein Lärm von 130 dB entstehen. Normale häusliche Geräusche werden mit 40-45 dB angegeben. Eine Steigerung um 10 Dezibel bedeutet eine Verdoppelung des Lärms. Eine Dauerbelastung von 60 bis 80 dB gilt als gesundheitsschädlich.

Lärmmessungen in Achern und Karlsruhe

Die baden-württembergische Landesanstalt für Umweltschutz misst ständig den Lärm an der Acherner Rheintalbahn und in der Karlsruher Reinhold-Frank-Straße. Die Ergebnisse für 2016 besagen, dass an der Bahn in Achern die Nacht keineswegs stiller ist als der Tag. Die Züge erzeugen ab 22 Uhr einen durchschnittlichen Lärm von 75 dB. Tagsüber beträgt der Wert 74 dB. Karlsruhes Nadelöhr Rheinhold-Frank-Straße wurden im Vorjahr durchschnittlich 61,1 dB gemessen, tagsüber 66,1 dB. Leiser wurde es mit den Jahren nicht. Alle Ergebnisse, auch laufende von 2017, finden sich im Internet unter der Adresse www.lubw.baden-wuerttemberg.de; dann das Thema Lärm anklicken.

Hier ist es ganz offiziell still: In Karlsruhe-Knielingen wurde 1954 eine Straße „Stiller Winkel“ genannt. Es handelt sich um eine elipsenförmige Sackgasse, die von der lauteren Sudetenstraße abzweigt. | Foto: Liebscher

Gut hat’s, wer im „Stillen Winkel“ wohnt

Die Stadt Karlsruhe hat 2012 einen Lärmaktionsplan herausgebracht, der zehn Hotspots auflistet. Das sind Straßen, die nachts mit mehr als 60 dB beschallt werden und man etwas tun sollte. Schön, dass es im Gegenzug einen beständigen Stillen Winkel in Karlsruhe gibt. So heißt eine 1954 angelegte, ellipsenförmige Sackgasse in Knielingen. Sie geht von der Sudetenstraße ab. Theoretisch könnte man im Stillen Winkel gut Kartrennen veranstalten und die Zuschauer auf der Grünfläche in der Mitte platzieren. Aber wer will schon wirklich die Stillwinkler mit solchem Lärm belästigen?