Adrian
Am Schreibtisch geht der 14-jährige Adrian mit seinem Vater Aufgaben durch. Es ist das letzte Schuljahr des Heranwachsenden mit inklusivem Unterricht. | Foto: jodo

Gescheiterte Inklusion

Adrians Schul-Odyssee in Karlsruhe

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Der 14-Jährige Adrian aus dem Karlsruher Stadtteil Knielingen hat trotz Trisomie 21 sieben Schuljahre lang mit Gleichaltrigen gelernt. Er interessiert sich für französische und englische Begriffe, mag Musik und Religion. Jetzt allerdings endet sein inklusiver Bildungsweg.

Typisch Pubertät?

Turbulent war das zurückliegende Schuljahr für den 14-jährigen Adrian, seine Geschwister und Eltern im Neubaugebiet Knielingen 2.0. Der charmante Jugendliche kann multiplizieren und führt ein Aufgabenheft. Sein Schreibtisch sieht ordentlicher aus als bei vielen Gleichaltrigen. Der Vater Matthias Schmidt und die Mutter Helga Alcaide Ramón achten allerdings auch besonders darauf. Fördern und fordern, das ist für Adrians Entwicklung besonders wichtig, auch wenn der jüngste Sohn – typisch Pubertät – mal unwirsch reagiert.

Gemeinsames Lernen beginnt im Kindergarten

Im Kindergarten lernt der Junge, den sein angeborener Gendefekt im Wissenserwerb einschränkt, gemeinsam mit Nachbarskindern. Auch die Grundschuljahre an der Werner-von-Siemens-Schule beschreiben die Eltern als „sehr gute Zeit“. Den nächsten Abschnitt in Adrians Schulkarriere geht die Familie optimistisch an.

Kompliziertes Puzzle

Doch für Adrians Eltern wird es immer schwieriger, guten inklusiven Unterricht zu finden.
Für Kinder wie Adrian gibt es ein großes, kompliziertes Puzzle aus begleitenden Elementen. Dazu gehören Schulbegleiter, runde Tische mit Lehrern und Fachleuten für Inklusion etwa im Staatlichen Schulamt Karlsruhe, Tagebücher und Kalenderblätter, die zwischen Eltern und Schule hin und her gehen. In Karlsruhe sind außerdem das „Forum Inklusion“ der Stadt und der Verein „Eltern und Freunde für Inklusion“ (EFI) von Bedeutung.

Lücken und Tücken

Wer ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat, lernt Chancen und Risiken, Lücken und Tücken dieses Systems kennen.

Irgendwann war Schluss

„Je älter Adrian wurde, desto seltener sind wir anderen Familien in gleicher Situation begegnet, deren Kinder noch inklusiv unterrichtet wurden. Irgendwann war Schluss“, erzählt Adrians Mutter Helga Alcaide Ramón. Für ihren fröhlichen, kontaktfreudigen Adrian beginnt „eine Odyssee“.

Eine Odyssee beginnt

Nach Probewochen an zwei Schulen gelingt noch ein gutes Jahr in einer Kombi-Klasse für die Stufen fünf und sechs. Ein engagierter Schulbegleiter bleibt über das übliche Maß hinaus weitere zwölf Monate. Dann aber folgen mehrere Wechsel in kurzer Zeit. Einmal wird ein 17-Jähriger als Schulbegleiter bestellt, mehrere Male kommt gar kein Begleiter.

Unruhe wird zum Problem

Adrian braucht eine verlässliche Bezugsperson mit gelassener Autorität an seiner Seite. Inzwischen besucht Adrian die Drais-Gemeinschaftsschule in Mühlburg. „Zieldifferent“ unterrichtet werden soll er dort – also gemäß seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen. Das sagt das Staatliche Schulamt Karlsruhe zum Schuljahresbeginn für die Sekundarstufe I zu. Doch der 14-Jährige knirscht mit den Zähnen – das stört. Wird es im Klassenzimmer lebhaft, lässt sich Adrian ablenken und stiftet seinerseits weitere Unruhe. Die Bauarbeiten sind zusätzlich laut und vermindern die verfügbaren Räume. Bisher ist er gern zur Schule gegangen, nun wirkt er demotiviert.

Brief an die Kultusministerin

Im Herbst 2018 schreiben die Eltern Kultusministerin Susanne Eisenmann in Stuttgart an.

Inklusion nicht nur eine leere Hülle

„In der augenblicklichen Situation sehen wir das von der UNO verfügte Prinzip der Inklusion zur Gänze in Frage gestellt“, heißt es da. Es brauche„verlässliche Randbedingungen“, damit „das Wort Inklusion nicht nur eine leere Hülle bleibt“.

Die Eltern geben auf

Im Mai 2019 geben die Eltern ihr Bemühen um inklusiven Unterricht auf. „Adrian war nicht mehr Teil des Ganzen“, schildert die Mutter ihren Eindruck von den letzten Monaten an der Drais-Schule.

Alle Beteiligten werden allein gelassen

Das will Helga Alcaide Ramón bewusst nicht als Vorwurf verstanden wissen: „Es werden doch alle Beteiligten allein gelassen.“

Schulleiterin steht zur Inklusion

Heike Willamowski leitet die Drais-Schule. „Wir als Gemeinschaftsschule stehen auf jeden Fall zur Inklusion“, betont sie, „obwohl wir bisher damit sehr wenig Erfahrung haben.“ Adrian sei das erste Schulkind mit geistiger Behinderung gewesen, dafür habe es keine Vorbereitungszeit gegeben.

Exotenstatus

Im Rückblick sagt die Schulleiterin aber: „Das Kernproblem war, dass er der Einzige mit diesem Förderbedarf war.“ So habe sich ein „Exotenstatus“ ergeben – und es habe ein „altersgerechter Austausch“ gefehlt, trotz „williger“ Gleichaltriger.

Kochen und Einkaufen als alltagstaugliche Angebote

„Mehrere Kinder mit diesem Förderbedarf gemeinsam zu unterrichten, hätten wir sehr begrüßt“, sagt Willamowski. Adrian habe man aber an alltagsbezogenen Angeboten teilnehmen lassen im für ihn anstrengenden Ganztagsprogramm. Kochen und schnippeln mit den Mitschülern, auch Einkaufen gehört dazu.

Guter Probelauf an der Hardtwaldschule

Adrian absolviert schließlich einige Probetage in der Hardtwaldschule in Neureut-Kirchfeld, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Es läuft gut an. Nach den Sommerferien wird Adrian in der Hardtwaldschule weiter lernen.