Beim Regenbogenfrühstück des Vereins Schwung im Karlsruher Schlosspark zeigen queere Menschen gemeinsam Flagge. | Foto: jodo

Was sagen die Vertreter?

Queere Comunity in Karlsruhe: „Akzeptanz gibt es nur durch Sichtbarkeit“

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Karlsruhe feiert sich als weltoffene und tolerante Stadt. Dennoch machten homophobe Äußerung von Sicherheitspersonal Schlagzeilen. Und wie bewertet die queere Community selbst die Lage in Karlsruhe? Die BNN haben sich bei einigen Vertretern queerer Organisationen umgehört – die zeichnen ein positives Bild der Fächerstadt.

Hand in Hand mit seinem Partner über den Marktplatz laufen – für heterosexuelle Paare selbstverständlich, Homosexuelle müssen jedoch mit abwertenden Blicken rechnen. Ende Mai sorgte die Meldung über homophobe Bemerkungen von Sicherheitsmitarbeitern in Straßenbahnen für Empörung.

Insgesamt aber zeichnet die LSBT-Gemeinde (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle / Transgender) ein positives Bild der Fächerstadt. Aber auch die Abkürzung LSBT ist inzwischen erweiterbar. Zusammenfassen kann man die verschiedenen sexuellen Orientierungen und sexuelle Identitäten besser unter dem Begriff „queer“. Einst ein Schimpfwort für Schwule und Lesben, hat die Community ihn positiv konnotiert und für sich als Bezeichnung beansprucht.

Wenn wir uns verstecken oder unsere Homosexualität nicht offen leben, werden wir nie anerkannt, nie akzeptiert

Verstecken ist für kaum jemanden eine Option. „Akzeptanz gibt es nur durch Sichtbarkeit“, sagt Verena Lany. Die junge Frau singt im lesbischen Chor Weibrations und geht auch sonst offen mit ihrer Sexualität um. „Wenn wir uns verstecken oder unsere Homosexualität nicht offen leben, werden wir nie anerkannt, nie akzeptiert. Andere Homosexuelle haben es dadurch kein bisschen einfacher.“ Mit ihrer Partnerin bewegt sie sich offen in der Stadt und tauscht auch Zärtlichkeiten aus. Dass da mal der ein oder andere Spruch kommt, verkraftet sie.

Mancher verzichtet bewusst auf öffentliche Intimität

Karsten Kremer ist einer der Organisatoren des Christopher-Street-Days (CSD) in Karlsruhe. Seit 2011 gibt es jährlich die weltberühmte queere Parade auch in der Fächerstadt. Auch Kremer verheimlicht seine Homosexualität nicht. Auf Zärtlichkeiten mit seinem Mann verzichtet er aber in der Öffentlichkeit. Weniger aus Angst, als vielmehr aus dem Wunsch heraus, unnötige Auseinandersetzungen zu vermeiden, wie er sagt. „Das Thema gesellschaftliche Akzeptanz ist nach wie vor ein Dauerbrenner“, so Kremer.

Viele seiner Freunde sind selbst queer, Kremer ist mit verschiedenen queeren Vereinen und Organisationen in Kontakt. „Man lebt natürlich immer ein bisschen in seiner Blase“, räumt er ein. Gleichzeitig sei die Vernetzung in der Community aber wichtig, um sich gegenseitig einen geschützten Raum zu bieten. Auch für Verena Lany ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. „Sich einmal nicht outen zu müssen, ist ein tolles Gefühl.“

Vieles wurde erreicht – aber nicht alles

In Zeiten von Ehe für alle und drittem Geschlecht scheinen manche zu glauben, dass für die queere Community bereits alles erreicht ist. Und tatsächlich beschreiben viele Betroffene die Entwicklungen der vergangenen Jahre als positiv. Viele bringen das auch mit dem Amtsantritt von Oberbürgermeister Frank Mentrup und der grünen Landesregierung in Verbindung. Mentrup übernahm selbst ein Jahr lang die Schirmherrschaft für den CSD und ist gern gesehener Gast auf queeren Veranstaltungen.

Das Thema Outing spielt eine wichtige Rolle

Dass Themen wie Homo-, Bi- oder Transsexualität aber auch immer noch mit Ängsten und Vorurteilen belastet sind, erlebt Eli Steiner in ihrer Arbeit im queeren Jugendtreff La Vie. Die 55-jährige Sozialarbeiterin betreut dort gemeinsam mit zwei Kollegen Jugendliche zwischen zwölf und 21 Jahren, die nicht in die binäre, streng nach Männern und Frauen sortierte, Gesellschaft passen. Besonders das Thema Outing gegenüber Familie, Freunden und sozialem Umfeld spielt eine wichtige Rolle.

In der Regel wird das Outing heute vom Gegenüber als Wertschätzung empfunden, da man etwas Privates von sich erzählt

Karsten Kremer outete sich im Jahr 2003 im Alter von 24 Jahren vergleichsweise spät. Das erste Outing war für ihn ein großer Schritt, eher ein Offenbaren. Danach wurde es leichter. „Man macht es sich viel bewusster, wenn man es tatsächlich ausspricht.“ Mit einem Mal ist es aber nicht getan, vielmehr sei das Outing eine Phase, die niemals endet, meint Patrik Spieß. Er ist Vorstand im schwulen Chor Schrillmänner. „In der Regel wird das Outing heute vom Gegenüber als Wertschätzung empfunden, da man etwas Privates von sich erzählt“, sagt er. Es komme aber auch vor, dass das Gegenüber kaum Notiz davon nehme.

Auch Karsten Kremer hat den Eindruck, dass viele Menschen weitaus entspannter reagieren, als ursprünglich gedacht. Für die queere Community nehme das ein Stück weit auch den Druck. Er hat aber auch erlebt, dass Menschen mit einem Outing nicht umgehen konnten. Als er seine Homosexualität in seiner Karlsruher Studentenverbindung öffentlich machte, traten einige ältere Mitglieder aus Protest aus. „Am besten wäre es, wenn Homosexualität für die Menschen einfach eine Lebensform unter vielen wäre“, sagt Christine von den Weibrations. Auch sie kennt die Angst, auf Ablehnung zu stoßen.

Darstellung und Wahrnehmung queerer Menschen ändert sich

Für die meisten Menschen aber gehören queere Paare heute selbstverständlich ins Stadtbild. Auch in der Popkultur werde die queere Community ein immer selbstverständlicherer Teil der Darstellung, freut sich Patrik Spieß. Nicht mehr nur als tragische oder klischeehaft-komödiantische Nebendarsteller, sondern als Charaktere, bei denen die Sexualität nicht mehr im Vordergrund steht, stellt er fest.

Das Internet hat vieles verändert

Aber auch durch das Internet habe sich der Umgang mit und unter queeren Menschen verändert. „Wo man sich früher allein fühlte, kann man heute durch das Internet viel schneller feststellen, dass es noch andere Menschen gibt, die ähnlich ticken wie man selbst“, erklärt Eli Steiner. Auch die Partnersuche erhalte so neue Impulse.

Dennoch müsse die Community weiter präsent und sichtbar sein, betont Daniel Schniz. Der 47-Jährige ist Vorstandsmitglied beim Verein Schwung– Schwule Bewegung Karlsruhe, der unter anderem auch das Regenbogenfrühstück im Schlosspark organisiert. Auch heute gelte es noch, Flagge zu zeigen, meint Schniz – nicht nur schrill und bunt wie beim CSD, sondern auch ganz normal. „Trotz aller Fortschritte gibt es immer noch Leute, die glauben, dass sie keine Homosexuelle kennen“, so Schniz. Am Ende kann man aber nur das, was man kennt, auch als selbstverständlichen Teil der eigenen Welt begreifen.