GIBT JEDEM KLANG SEINE ZEIT: Marc David Ferrum studiert in Karlsruhe Komposition bei Markus Hechtle und Wolfgang Rihm. Mit seinen Klängen und Szenen zum Gedicht „Jabberwocky“ überzeugte er in Berlin. | Foto: Bernadette Fink

1. Preis für Marc David Ferrum

Albtraum für Alice

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Komponiert mit Zucker

Mandeln brennen, Zuckerfondant zu Orchideen formen und dazu BigFM anschalten. So kann Marc David Ferrum abschalten. „Drei Minuten mit vier Akkorden, das macht Stimmung. Leichte Nahrung“, sagt der Gewinner des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschulwettbewerbs im Fach Komposition, dem wichtigsten deutschen Preis für sein Fach. Marc David Ferrum ist pragmatisch. Ehrlich, geerdet. Hauptmieter in seiner Wohngemeinschaft in Karlsruhe. Bäckt gern Torten. Groß, schlank, braune Augen, charmantes Lächeln, Baseballmütze – verkehrtrum. Weil seine Haare zum Friseur müssen, erklärt er. Die Küche ist neu eingerichtet, mit Ikea-Möbeln, aber sehr stilvoll. Mit derselben geschmackssicheren Klarheit wie sein Zimmer. Weder möchtegern-philosophisches Geschwätz über zeitgenössische Musik mag der junge Mann aus einem 7 000-Seelen-Dorf bei Nürtingen, noch die Unsicherheit, die ihm nach eigenen Befürchtungen gewiss wäre, wenn er das bleibt, was er gerade ist: Komponist.

Krasse Klänge am Küchentisch

„22 Jahre alt, Komponist, Künstler oder einfach nur einer dieser ominösen ,Kreativen‘“ beschreibt Ferrum auf seiner Website, was seinesgleichen im Sinne der Karriereleiter vielleicht eher unter den Teppich kehren würde: ein breites Interesse. Wenn Ferrum sich dann aber über die Partitur beugt, mit deren Aufführung er die Jury in Berlin überzeugte, und mit Lippen, Mundhöhle, Rachen, Hals, Nase und Stimmbändern die beiden ersten Seiten „vorsingt“, traut man seinen Ohren kaum. Marc David Ferrum entführt am Küchentisch seiner WG ganz nebenbei in einen schier unendlichen Klangkosmos, um den ihn so manch professioneller Sänger beneiden würde. BigFM? Plötzlich undenkbar!

Faszinierende Fehler

Besonders ernst hatten die Eltern seinen Drang zur Musik zunächst nicht genommen, was ihn nicht wundert: „Ich war ein Kind, das alle fünf Minuten was anderes machen wollte.“ Den Weg von der Blockflöte über die Klarinette im Musikverein bis hin zur großen Liebe, dem Fagott, ging Ferrum mit aller Neugier allein. Erst als er zu Huse einen fein ausgearbeiteten Finanzplan aus den Einnahmen beim Bäcker und Zeitungaustragen und den Kosten des Instrumentalunterrichts auf den Tisch legte, fand er offene Ohren für die Unterstützung der Eltern auf seinem Weg zum Abitur im Leistungsfach Musik. Die Musikschule Nürtingen hatte Ferrum die Tür zur Neuen Musik geöffnet. Und er entdeckte: Fehler bei der Bewegung etwa der Klappen eines Fagotts werden zu Multiphonic-Klängen, von denen es viele gibt. Ferrum notierte sie in Tabellen. Die Lehrerin wurde aufmerksam auf seine neugierigen Ohren. So wie vor drei Jahren an der Hochschule für Musik Karlsruhe Markus Hechtle und Wolfgang Rihm, bei denen Ferrum heute studiert. Ums Haar hätte er Innenarchitektur studiert, weil er dachte, für ein Musikstudium müsse man Klavier und Partiturspiel beherrschen. Stimmt nicht.

Mangelware Zeit

Acht Werke hat Ferrum bisher komponiert, die er veröffentlicht wissen will. Mehr nicht. Er brauche viel Zeit, sagt Ferrum. Auch für ihn gelte, was einmal der Komponist Brian Ferneyhough bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik zu einem Schüler sagte, der seine Partitur vorlegte und sie nicht erklären konnte: „Du musst doch wissen was du da tust. Du kannst nicht einfach so schreiben. Du bist nicht Rihm!“ Ferrum lacht. „Die Leute funktionieren nicht wie Rihm, der permanent produziert. Ich am wenigsten“, sagt er. „Ich brauche viel Zeit, und das ist ein Problem vor allem wegen meines Stundenplans und den Kursen, die ich besuchen muss. Eine Stunde Pause genügt nicht, um mich wieder in die Materie einzufinden und weitermachen zu können.“ Und das Weitermachen dauere Stunden, Tage. „Manchmal sitze ich ewig vor nur einem Takt. Am nächsten Tag frage ich mich, was ich getan habe und streiche ihn. Dann ist ein Tag weg“, sagt Ferrum, der sich auch als Tutor seiner Kompositionsklasse engagiert. „Komponieren ist nicht so romantisch wie man es sich vorstellt. Es ist oft ein Kampf, der Monate dauert.“

Zehn Minuten im Albtraum

Schwierig war für ihn auch das Wettbewerbs-Motto – Mendelssohns Sommernachtstraum. Romantik, Motto: Beides mag Ferrum nicht. „Da gehen bei mir die Scheuklappen runter“, sagt er. Aber die geforderte Besetzung Streichquartett und Gesang traf den Nerv seiner Faszination dafür, was Instrumente an Klangmöglichkeiten bieten. Zudem konnte er endlich mit einem Text arbeiten, der ihn lange schon reizte: das Gedicht „Jabberwocky“ von Lewis Carroll habe ihn inspiriert, lautmalerisch vorzugehen. Der Text handelt von Ungeheuern, also wurde aus dem Sommernachtstraum bei Ferrum ein Albtraum, der „Summernightmare“. Er dauert zehn Minuten.

Took his oder to kiss?

Ferrum spielt mit der Klanglichkeit der Worte. Aus „He Took His“ wird „To Kiss“. Die Sängerin ist kostümiert, eine ins Jetzt geholte „Alice im Wunderland“. Der Bogen eines Streichers wird inszenatorisch zum Schwert, das am Hals der Sängerin an den Stimmbändern streicht, ihr bildhaft das Genick bricht. Das musiktheatralische Element seiner Komposition habe die Jury überzeugt. Ferrum musste mit eigenem Ensemble anreisen, das Stück wurde in Berlin hörend bewertet. „Das ist super“, findet Ferrum. Denn nur anhand einer Partitur könne man ein Stück nicht wirklich beurteilen. In der Tat muss man hören, wie Streicher durch den Seagull-Effekt rutschen und Intervalle zu flimmern beginnen. Wie die Stimmgabel auf eine falsche Tonfährte lockt. Dass das Wort „brilling“ mit sehr vielen „rrrrrr“ wie Glitter klingt. Der Künstlername ist kein Zufall: Ferrum mag Metalle wie Gold, Silber, Eisen (lateinisch „ferrum“), die glänzen wie die Sneaker, an denen man diesen Komponisten mit dem Sinn fürs Ästhetische erkennt.