Der deutsche Astronaut Alexander Gerst und seine Kollegen, der Russe Sergej Prokopjew und die US-Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor starten an diesem Mittwoch zur ISS. Foto: dpa
Der deutsche Astronaut Alexander Gerst und seine Kollegen, der Russe Sergej Prokopjew und die US-Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor starten an diesem Mittwoch zur ISS. | Foto: dpa

Start ins All

„Gerst ist ein absoluter Vorbild-Astronaut“

Jetzt gilt’s: Alexander Gerst startet an diesem Mittwoch vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur ins All – und die ganze Welt fiebert mit. Auch für Sigmar Wittig ist es etwas ganz Besonderes. Der ehemalige Rektor der Universität Karlsruhe war von 2002 bis 2007 auch Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und kennt Gerst gut.

Brüssel, 1958. Die Weltausstellung zieht Millionen Menschen in ihren Bann. Auch Sigmar Wittig. Der damalige Gymnasiast hat etwas Geld zusammengespart und reist in die belgische Hauptstadt. Kurze Zeit später steht er mitten im russischen Pavillon und hört einige Signale des ersten künstlichen Erdsatelliten auf einer Umlaufbahn. „Sputnik hat mich damals total fasziniert“, verrät Wittig jetzt bei seinem BNN-Redaktionsbesuch. Für die Welt war es der Beginn der Raumfahrt. Für den mittlerweile 78-Jährigen ein Ereignis, das seine spätere Karriere prägen sollte.

Appell beim BNN-Besuch: Für Sigmar Wittig ist die bemannte Raumfahrt nicht wegzudenken. | Foto: Hora

Wenn Wittig nun über Alexander Gerst und dessen zweite Mission im All spricht, scheint es, als hätte der frühere Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt nichts dagegen, einfach spontan mitzufliegen. Darauf angesprochen, muss der zweifache Familienvater lachen. „In meinem Alter?“ Dann wird er aber wieder ernst. „Ganz ehrlich“, sagt Wittig, „früher hätte ich mir das durchaus vorstellen können“.

Vor Parabelflügen, bei denen Schwerelosigkeit simuliert wird, sei er immer aufgeregt gewesen. „In der Luft war das dann aber sofort wieder vergessen.“ Bei den anderen sei es immer genau andersherum gewesen. Das All und Wittig hätten also gut gepasst.

Rückkehr ins All: Für Alexander Gerst ist es bereits die zweite Weltraum-Mission. | Foto: Alexander Gerst/ESA/NASA/dpa

Bevor es für Alexander Gerst und seine beiden Begleiter an diesem Mittwoch zum zweiten Mal soweit ist, wird er noch einige Gespräche mit den Experten führen, vermutet Wittig. „Alles natürlich aus einer Quarantäne-Zone heraus“, erklärt der Experte. Denn es sollen ja keine Krankheiten mit auf die ISS genommen werden.

Wittig kennt Alexander Gerst persönlich

Wittig kennt Gerst, der an der Uni Karlsruhe studiert hat, auch persönlich gut und weiß, dass sich der 42-Jährige sehr konzentriert auf seine Mission und die zahlreichen Experimente (die BNN berichteten) vorbereitet hat. „Er hat über Jahre trainiert, ist ein ausgezeichneter Kommunikator und sehr erfahren. Daher eignet er sich besonders gut für diese Aufgabe.“ Auch Deutschlands erster Mann im All, Sigmund Jähn, ist vom Erfolg der bevorstehenden Weltraummission von Gerst als Kommandant der Internationalen Raumstation überzeugt. „Das wird sicher was, er ist ja ein guter Mann“, sagte Jähn zuletzt.

Halte die bemannte Raumfahrt für existenziell

Auch in Zukunft ist die bemannte Raumfahrt aus Wittigs Sicht nicht wegzudenken. „Es gibt zwar immer wieder Leute, die den Aufwand als zu groß kritisieren“, meint der Forscher, „ich halte sie aber für existenziell“. Der Mensch sei notwendig, um Beurteilungen einzubringen. Neben dem kulturellen Ereignis und den wissenschaftlichen Errungenschaften trage sie zudem auch zur Völkerverständigung bei.

Dass es aufgrund der angespannten politischen Situation zwischen Berlin und Moskau zu Problemen mit den russischen Raumfahrt-Kollegen kommen könnte, glaubt Wittig indes nicht. „Unsere Kontakte war schon immer hervorragend“, lobt der 78-Jährige, der noch immer im Rat der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) sitzt. Daran werde sich auch jetzt nichts ändern.

Wie geht es weiter mit der ISS?

Ungeklärt ist hingegen noch die Zukunft der ISS. Die Finanzierung ist bis 2024 gesichert, derzeit laufen Verhandlungen über eine mögliche Verlängerung. Aber auch eine Privatisierung scheint nicht ausgeschlossen. „Ich glaube, dass man doch einen Weg finden wird, das Ganze weiterzuführen“, sagt Wittig. Allerdings müssten die Europäer dann künftig wohl tiefer in die Tasche greifen. „Und da wird es einige Länder geben, die sich dagegen sperren werden“, ist Wittig überzeugt.

Wenn Gerst jetzt mit der Kraft von mehr als 20 Millionen PS zu seiner Weltraummission aufbricht, wird Wittig in Norwegen bei einem Termin sein. „Aber irgendwie werde ich mir den Start schon anschauen“, ist er sich sicher. Bei dem Gedanken an die Sojus-Rakete und den Start beginnen seine Augen zu leuchten. So ähnlich muss es 1958 in Brüssel gewesen sein.

Die zentrale Veranstaltung zum Start der Mission „Horizons“ findet an diesem Mittwoch im Zeiss-Großplanetarium Berlin statt. Dabei werden Astronauten, Wissenschaftler und Raumfahrtexperten über Details der Mission berichten. Auf Youtube gibt es von 12 bis 13.30 Uhr eine Live-Übertragung.
Das Launch-Event der Esa wird zudem in andere Planetarien bundesweit übertragen. In Baden-Württemberg gibt es Veranstaltungen in Albstadt-Ebingen, Freiburg, Heidelberg, Heilbronn, Laupheim, Mannheim, Oberkochen, Reutlingen und Stuttgart. Im TV überträgt n-tv den Start ab 12.30 Uhr.