DAS GEBÄUDE WIRD GROSS – und soll dennoch von der nahen A 5 aus nicht auffallen: dm-Chef Erich Harsch auf dem Dach der künftigen dm-Zentrale in Karlsruhe. | Foto: jodo

Auf Baustellentour mit Harsch

Allerhand Kurioses „Am dm-Platz 1“

„Schuhgröße 41, bitte.“ Erich Harsch, Chef des Drogeriemarktfilialisten dm, zieht die gelben Gummistiefel an und krempelt die Enden der schwarzen Anzughose rein. Warnweste an, Bauhelm auf, dann marschiert er mit Journalisten über die Großbaustelle in Karlsruhe-Durlach: Ab Sommer 2019 will der deutsche Branchenprimus dort mit 1 800 Mitarbeitern einziehen, die bislang noch auf sieben Standorte in der Fächerstadt verteilt sind.

Es staubt auf der Baustelle, Arbeiter flechten Bewehrungseisen, Bagger beißen ins Erdreich – und doch wird das hier keine 08/15-Konzernzentrale. Die Außenwände sind in geschwungener Form gehalten, dazu passend die acht wabenförmigen Innenhöfe. Gegenüber des künftigen Eingangs mit der Adresse „Am dm-Platz 1“ werden große Teile des Parkhauses begrünt, samt Streuobstwiese. Tobias Rößler, bei dm Projektleiter für den über 120 Millionen Euro teuren Neubau, nimmt einen alten Ziegelstein in die Hand. Der ist tatsächlich recycelt. Damit wird ein Teil der Fassade verkleidet. 10 000 Quadratmeter Recyclingsteine brauche man dafür.

dm-Chef: Ich brauche keine Statussymbole

Auf die Frage, wo denn sein Büro sein werde, deutet dm-Chef Harsch auf die erste der vier Etagen. „Es wird aber erneut ein kleines Büro“, sagt er. „Ich brauche keine Statussymbole.“

Eine gute Stunde zuvor hat er in einem dm-Konferenzraum am anderen Ende der Stadt eher nebenbei die Zahlen der ersten Hälfte des Geschäftsjahrs 2017/18 (31. März) genannt: Der Konzern ist erneut vor allem im Ausland gewachsen. Er kommt nun auf 5,348 Milliarden Euro Umsatz – ein Plus von 5,2 Prozent. 59 359 (zuvor: 56 522) Mitarbeiter gibt es, die vor allem in den 3 512 (3 404) Filialen arbeiten.

„Langhaarmädchen“ zwischen Eigen- und Industriemarken

Die Unternehmensphilosophie oder der kuriose Neubau – das Anders-sein-als-Andere kommt offenbar bei den Kunden an. Die wollen laut Harsch „Buntheit, Vielfalt, interessante Abwechslung“ in den Regalen. Die Zeiten, in denen dort nur Produkte angeboten wurden, die es auch bei der Konkurrenz gibt, „sind ein bisschen vorbei“. Und so lanciert dm aus Sicht von Branchenkennern geschickt Marken, die zwischen Eigenmarken und Industriemarken einzustufen sind – und vor allem ein junges Publikum ansprechen.
Aktuelles Beispiel: Zwei junge Friseurinnen, Ramona (Mona) Mayr und Julia Schindelmann, touren mit einem kultigen ausrangierten US-Schulbus durch Deutschland – und sind längst dank Internet selbst Kult. dm unterstützt die Jungunternehmerinnen mit ihrer Marke „Langhaarmädchen“, hat von ihnen 16 Pflegeprodukte exklusiv im Sortiment.

Devotionalien aus dem dm-Markt

Dank Kooperationen mit Internetstars wie Mrs Bella, Dagi Bee oder Bianca („Bibi“) Heinicke war dm bereits in der Vergangenheit gut im Gespräch – und im Geschäft. Da flehten Teenager schon mal Filialmitarbeiterinnen an, damit sie ihnen ausgediente „Bibi“-Aufsteller als Devotionalien fürs heimische Jugendzimmer geben.

Die Marke dm bleibt so frisch, auch weil der Drogeriemarktkonzern traditionell dank perfektionierter IT-Analysemethoden weiß, was die Kunden wollen. Mittlerweile sind im IT-Tochterunternehmen Filiadata 750 Mitarbeiter beschäftigt. dm ist einer der größten IT-Arbeitgeber in der Fächerstadt, Tendenz steigend.
Zugelegt hat dm auch mit seinen Auslandsmärkten: (Nord-)Italien ist seit Ende 2017 als 13. dm-Land dabei. Mittlerweile gibt es dort sieben Filialen, bis Ende des Kalenderjahres sind 35 geplant.

Bis dahin wird auch der Innenausbau der künftigen Karlsruher dm-Zentrale fortgeschritten sein. Während viele Mitarbeiter den benachbarten Turmberg im Blick haben werden, soll sich die Zentrale in die Landschaft recht dezent einfügen – ohne spektakulär dem Autofahrer auf der A 5 aufzufallen. Auch das ist für einen Branchenführer ungewöhnlich.