Ihre Freude hat Julia von Hiller, die Chefin der Badischen Landesbibliothek, an Blättern aus einem 1910 erschienen Werk zur Modegeschichte. | Foto: abw

Badische Landesbibliothek

Alles aus und über Baden – vom Kochbüchlein bis zum „Millionending“

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Für Mode in gedruckter Form begeistert sich die Julia von Hiller, die Chefin der Badischen Landesbibliothek, derzeit besonders. Die Institution in Karlsruhe plant für 2021 nämlich eine Ausstellung über Schnittmusterbücher. Aber auch sonst erwirbt die Landesbibliothek regelmäßig historische Schriftstücke. Die Palette reicht dabei von der überaus wertvollen Donaueschinger Wigalois-Handschrift aus dem Jahr 1420 bis zum billigen Ratgeber-Heftchen für fleißige Hausfrauen.

Die Rückkehr des Artus-Ritters – das war ein „Millionending“. Mehr verrät die Chefin der Badischen Landesbibliothek nicht über den Kaufpreis für die vor einigen Wochen aus Privatbesitz erworbene Wigalois-Handschrift. Der reich illustrierte Artus-Roman, um 1420 in Hagenau entstanden, zierte einst die Fürstlich-Fürstenbergische Hofbibliothek in Donaueschingen. Er gilt als „nationales Kulturdenkmal von exzeptionellen Wert“. „Und er gehört hierher“, sagt Julia Freifrau Hiller von Gaertringen. Daher sei die Badische Landesbibliothek (BLB) den Förderern aus Staat und Wirtschaft auch „unendlich dankbar“ dafür, dass sie den Kauf des Wigalois ermöglichten. Aus eigenen Mitteln hätte die BLB das nicht vermocht.

Der Wigalois gehört hierher, betont Julia von Hiller. Aber was gehört eigentlich in die Badische Landesbibliothek, die aus der Büchersammlung der badischen Markgrafen und Großherzöge hervorgegangen ist?

Eine Illustration aus dem „Millionending“: Die Donaueschinger Wigalois-Handschrift gilt als nationales Kulturdenkmal. Sie erzählt die Geschichte des Artus-Ritters Wigalois, der hier einen ungastlichen Wirt im Lanzenstechen besiegt. | Foto: Badische Landesbibliothek

2,6 Millionen Medien

Das Angebot der Institution in Karlsruhe umfasst heute zirka 2,6 Millionen Medien aus allen Fachgebieten – und es werden immer mehr. Dafür sorgt nicht zuletzt das „Pflichtexemplargesetz“, wonach von jedem in Baden-Württemberg verlegten Druckwerk je ein Exemplar an die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe und ihr württembergisches Pendant in Stuttgart abzuliefern ist. Zweck der Übung ist es, die gesamte Medienproduktion des Landes für künftige Generationen aufzubewahren.

Publikationen aus und über Baden

Dabei hat die BLB freilich nicht nur Neuerscheinungen im Blick. Ihre wichtigste regionale Aufgabe – Publikationen aus und über Baden zu sammeln und für die Öffentlichkeit bereit zu stellen – betreibt sie auch mit Blick auf die Vergangenheit. Ihr Augenmerk gilt dabei nicht ausschließlich Handschriften aus ehemaligen Kloster- und Hofbibliotheken. Und nicht nur den schriftlichen Nachlässen von Persönlichkeiten aus dem badischen Kulturleben. Stetig erwirbt die Landesbibliothek auch alte Druckschriften.

Der Bestand hat Lücken

Nicht wertvoll, aber „made in Baden“: Im frühen 20. Jahrhundert erschienen diese Ratgeber-Heftchen der Mannheimer Sunlicht-Gesellschaft. | Foto: abw

Hoch im Kurs stehen „Badensien“. Literatur über Baden zählt dazu ebenso wie  historische Karten vom Oberrheingebiet oder Musikdrucke aus Baden. Daneben können auch Bücher, die auf dem ersten Blick nichts mit der Region zu tun haben – Romane etwa – für die BLB interessant sein, weil sie in Baden gedruckt wurden. Denn der historische Bestand der Landesbibliothek weist trotz ständiger Ergänzungen Lücken auf. Zumal die BLB noch heute an den Folgen einer Bombennacht im September 1942 knabbert. Bei dem Luftangriff auf Karlsruhe wurden mit dem Sammlungsgebäude 367.000 Bände zerstört. Das entsprach 98 Prozent des damaligen Bibliotheksbestandes. (Mehr dazu unten im Exkurs I)

Anspruch und Wirklichkeit

Gemessen an ihrem heutigen Auftrag müsste die BLB eigentlich alles, was je im badischen Landesteil gedruckt wurde, besitzen. Aber wie sieht es tatsächlich aus?

In Zusammenhang mit einem bundesweiten Programm zur Rettung von Bibliotheksgut, das auf säurehaltigem Papier gedruckt wurde, hat es die BLB für den Zeitraum von 1851 bis 1990 einmal ausgezählt. Rund 350.000 Titel wurden in jenen 140 Jahren in Baden gedruckt. „Davon besitzen wir 65 Prozent“, sagt Julia von Hiller. „Für den davor liegenden Zeitraum mit säurefreiem Papier haben wir keine Zahl“. Nachkaufen aus der Zeit vor 1850 könne man aber ohnehin nur in Einzelfällen – „und wenn, dann teuer.“

Julia von Hiller schlägt die eindrucksvolle Amman-Bibel von Sigmund Feyerabend aus dem Jahr 1569 auf: Die Landesbibliothek hat das berühmte Buch für ihre Bibelsammlung erworben. | Foto: abw

Vom Büchlein für 3,50 Euro bis zum „Millionending“

Den Markt behält die Landesbibliothek stets im Auge. Wenn sie in Antiquariaten, bei Auktionen oder auch mal aus Privatbesitz kauft, dann gezielt und aufgrund sachlicher Recherche. Und zwar auch dann, wenn es sich um ein Bändchen aus dem 19. Jahrhundert handelt, das gerade mal 3,50 Euro kostet. Für den Erwerb von Sammlungsgegenständen von besonderen Wert stehen der BLB neben eigenen Mitteln jährlich 17.220 Euro aus dem vom Wissenschaftsministerium geführten Zentralfonds zur Verfügung.

Bei hochpreisigem Schriftgut kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Geht es um regional relevante Stücke oder gar um solche im Rang von nationalen Kulturgut, kann Julia von Hiller Sondermittel bei der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg beziehungsweise der Kulturstiftung der Länder beantragen. Letztere hat sich zuletzt auch am Ankauf der Wigalois-Handschrift beteiligt. Die Badische Bibliotheksgesellschaft, der Verein der Freunde der BLB, fördert gelegentlich ebenfalls Anschaffungen.

Geschenke? Ja gerne – aber nur, wenn es passt

„Gerne nehmen wir auch etwas geschenkt“,  schmunzelt Julia von Hiller. Dafür revanchiert sich die Landesbibliothek dann mit einer Spendenquittung. Allerdings könne die BLB nicht jeden alten Schmöker übernehmen, der bei einer Haushaltsauflösung entdeckt wird. Willkommen ist, was Lücken im BLB-Bestand schließt, Sammlungen ergänzt oder für bevorstehende Ausstellungen gesucht wird. Auf diese Weise sind badische Kochbücher ebenso in die BLB gelangt wie historische Bibeln. Auch das komplette Archiv eines 1965 liquidierten Kinderbuchverlags aus Baden-Baden war eine Schenkung. Derzeit hofft Julia von Hiller vor allem auf alte Schnittmusterbücher aus der Zeit vor „Burda Moden“. Denn zu diesem Thema ist für 2021 eine Ausstellung geplant.

„Wir machen etwas daraus“

Was der Bibliotheksdirektorin wichtig ist: „Wir erwerben historische Schriften nicht, um sie zu haben, wir machen etwas daraus“. Neuerwerbungen würden – unabhängig vom Anschaffungspreis – stets öffentlich präsentiert: im Original und/oder auf Dauer als Digitalisat. So kann man sich online in Ratgeber-Heftchen vertiefen, die das Mannheimer Sunlicht-Institut im frühen 20. Jahrhundert für fleißige Hausfrauen auf den Markt brachte. Oder die Blumenzeichnungen der „Flora Kuppenheimensis“ aus dem Jahr 1809 betrachten. Und nicht zuletzt kann man im „Wigalois“ blättern – das „Millionending“ findet sich jetzt ebenfalls in den digitalen Sammlungen der BLB.

 

Exkurs I: Die Folgen einer Bombennacht

In der Nacht vom 2. auf den 3. September 1942 erfolgte ein Luftangriff auf die Karlsruher Innenstadt. Dabei brannte das Sammlungsgebäude der Badischen Landesbibliothek – es befand sich damals am Friedrichsplatz – bis auf die Grundmauern nieder. Mit ihm zerstört wurden 367.000 Bände, darunter auch Kostbarkeiten wie Drucke aus dem 16. Jahrhundert und historische Atlanten. Totalschaden erlitt zudem die 69.000 Bände umfassende Sammlung des badischen Regionalschrifttums. Insgesamt büßte die BLB 98 Prozent ihres damaligen Bestandes ein.

Was blieb? Die mittelalterlichen Handschriften sowie die wertvollsten Frühdrucke waren zum Glück zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgelagert worden und blieben erhalten. In Karlsruhe haben nur etwa 3.000 Bände die Bombennacht überstanden – sowie die Bücher, die zum Zeitpunkt des Luftangriffs verliehen waren.

Der Zettelkatalog: Überstanden hat den Feuersturm zudem der in einem Keller untergebrachte Zettelkatalog mit über 300.000 Titelkarten. Der historische Katalog weist den Bestand der BLB bis zu ihrer Zerstörung 1942 nach. Beim heutigen Erwerb historischer Bücher gilt: Wenn ein angebotenes Werk in der einstigen Hofbibliothek vorhanden war, bewertet die BLB das Beschaffungsinteresse höher als in anderen Fällen.

Exkurs II: Die Wigalois-Handschrift

Illustration aus der Donaueschinger Wigalois-Handschrift: Königin Larie setzt Wigalois die Krone ihres Reiches auf. | Foto: Badische Landesbibliothek

Der Roman: Um 1215 erzählte der Dichter Wirnt von Grafenberg in einem mittelhochdeutschen Versroman die Geschichte von Wigalois, der am Hof des Königs Artus zum Ritter ausgebildet wird. Von dort bricht er auf, um das Reich Korntin von einem Usurpator zu befreien und der rechtmäßigen Königin Larie zurückzugeben.

Die Handschrift: Sie entstand um 1420 im elsässischen Hagenau in der Werkstatt des Diebold Lauber. Die herausragende Bedeutung der Handschrift gründet auf ihrer lebhaften Illustration.

Schicksal einer Handschrift: Der „Wigalois“ fand wohl schon im 15. Jahrhundert einen adligen Käufer am Oberrhein. Im 18. Jahrhundert gehörte die Handschrift dann zum Grundstock der berühmten Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen. Im Jahr 1993 hat das Land Baden-Württemberg die Donaueschinger Handschriftensammlung erworben. Doch zu diesem Zeitpunkt war der „Wigalois“ bereits an einen Privatmann verkauft.

Die Rückkehr des Artus-Ritters: Ende 2018 kaufte die Badische Landesbibliothek den „Wigalois“ mit Unterstützung der Ernst-von-Siemens- Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Wüstenrot Stiftung zurück. Der Artus-Ritter kehrte nach Baden zurück. In die Landesbibliothek in Karlsruhe.

Hier geht’s zu den Abenteuern des Wigalois.