Die 1970er-Jahre hattens in sich.
Crazy Seventies – blumige Klamotten und sexuelle Revolution prägten das Lebensgefühl der 1970er-Jahre. Zudem formierte sich die neue Frauenbewegung. | Foto: ©Alexander Wurditsch - adobe stock.com

Zur Ausstellung im ZKM

Als die Frauen aufmüpfig wurden

1968 flogen Tomaten. Doch so richtig in Schwung kam die „neue Frauenbewegung“ erst in den verrückten 1970er-Jahren. Aus dieser Zeit stammen auch die über 400 Kunstwerke in der Ausstellung Feministische Avantgarde, die noch bis 8. Mai im Karlsruher ZKM zu sehen ist. Viele der Themen, die Künstlerinnen damals oft mit vollem Körpereinsatz angingen, bewegen bis heute. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle #MeToo-Debatte.

Ganz anders als bei den Spießern der Vätergeneration?

Das legendäre Jahr 1968. Es geht darum, die Hochschulen zu reformieren, die Gesellschaft umzugestalten, die Welt zu retten. Frauen dürfen dabei sein, zuhören, zustimmen und Kaffee kochen. Gerne im Minirock oder Hippiekleid – man ist ja ganz anders drauf als die verklemmten Spießer der Vätergeneration.

Bitte keine Frauenprobleme…

Nur sollen die Mädels bitte nicht mit Frauenproblemen kommen. Ihre kleinbürgerlichen Anliegen sind doch nur ein „Nebenwiderspruch“ im großen Kampf gegen das Kapital und das Establishment. Die Aktivistin Helke Sander aber will die Lösung des Themas „Frauenunterdrückung“ nicht auf die Zeit nach der Revolution vertagen. Bei der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds in Frankfurt bügeln die Genossen die einzige Rednerin allerdings mit unnachahmlicher Arroganz ab. Eine Studentin bewirft den Wortführer daraufhin mit Tomaten …

Eine Karlsruherin allein unter Männern

Das legendäre Jahr 1968. Im April sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Von je- her war der Frauenanteil im Parlament des Südweststaats bescheiden. Diesmal aber schafft es nur noch eine in den Landtag – die Karlsruher Sozialdemokratin Hanne Landgraf (1914-2005). Der Anteil weiblicher Abgeordneter liegt bei erbärmlichen 0,8 Prozent.

In den 1970er-Jahren ist die Geduld am Ende

Nach den Tomatenwürfen von Frankfurt bilden sich vielerorts Weiberräte – junge Frauen haben keine Lust mehr, ihre Anliegen von allwissenden Kommilitonen kleinreden zu lassen. So richtig am Ende ist die Geduld dann in den 1970ern. Die von Alice Schwarzer initiierte Kampagne „Wir haben abgetrieben“ macht Tausenden anderen Mut, emanzipatorische Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Die „neue Frauenbewegung“

Die „neue Frauenbewegung“ bittet nicht, sie verlangt mehr Selbstbestimmungsrechte, Mitwirkungsmöglichkeiten und Freiräume. Zum großen Thema wird zudem die alltägliche Gewalt gegen Frauen. Das Ende der Bescheidenheit behagt nicht jedem. Mancher befürchtet, dass die „Emanzen“ nichts anderes im Sinn haben, als das Fundament der Gesellschaft zu untergraben. Und den kleinen Unterschied ein für alle Mal zu stutzen.

Der Landesfrauenrat als Lobby

In Baden-Württemberg bilden die Wahlen von 1968 den „Gründungsfunken“ für den Landesfrauenrat. Frauenverbände und Frauengruppen gemischter Organisationen schließen sich zusammen, um als überparteiliche und überkonfessionelle Lobby der weiblichen Bevölkerung zu wirken. Ein wichtiges Ziel ist es, den Frauenanteil auf allen parlamentarischen Ebenen zu erhöhen.

Berührungsängste

Es gibt Berührungsängste zwischen „etablierten“ und „autonomen“ Frauen. Vor allem konservative Verbände stehen den „radikalen“ Forderungen der Feministinnen skeptisch gegenüben. Doch dort, wo es unverkennbar „Schnittmengen“ gibt, kommt es – zunächst sporadisch – zur Zusammenarbeit.

Gemeinsam wurden sie stark

Beide Seiten profitieren davon. Ende der 1970er Jahre werden in Baden-Württemberg erste autonome Frauenhäuser eröffnet. Die erste kommunale Frauenbeauftragte nimmt 1985 in Freiburg die Arbeit auf. 1986 folgen Stuttgart, Karlsruhe und Pforzheim. Frauenthemen finden Eingang in Forschung und Lehre. Mit dem „Gender Mainstreaming“ wird schließlich ein Politikkonzept geschaffen, das es Frauen und Männern ermöglichen soll, gleichberechtigt miteinander zu leben.

… und wieder mucken Frauen auf

Und doch: 50 Jahre nach dem legendären 1968 mucken erneut Frauen auf. In Baden-Württemberg fordern sie die im Koalitionsvertrag versprochene frauenfreundliche Änderung des Landtagswahlrechts ein. Und die #MeToo-Debatte sorgt täglich für neue Aufreger. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund lohnt sich auch ein Besuch im Karlsruher ZKM. Dort ist derzeit Feministische Avantgarde angesagt.

Feministische Avantgarde im ZKM

Provokativ und radikal, poetisch und ironisch – noch bis 8. Mai zeigt das ZKM über 400 Kunstwerke, die Frauen in den 1970er-Jahren schufen. Auch viele Künstlerinnen hatten damals die Nase voll. Hausfrau und Mutter im bürgerlichen Leben, Muse und Modell in der Sphäre der Kunst – sie wollten die überkommenen Rollenzuweisungen nicht mehr einfach hinnehmen. Und die Darstellung von Weiblichkeit nicht länger der Deutungshoheit männlicher Kollegen überlassen.

Voller Körpereinsatz

Das Aufbrechen stereotyper Frauenbilder, die Entdeckung der eigenen Sexualität, Gewalt gegen Frauen und das Diktat der Schönheit – das beschäftigte die Feministische Avantgarde. Die Malerei war männlich dominiert, daher setzten die Pionierinnen bevorzugt auf Fotografie und Film, Performances und Aktionen. Oft unter vollem Körpereinsatz. So hängte sich Birgit Jürgenssen einen Herd wie eine Küchenschürze um. Ein Klassiker ist die Aktion „Tapp- und Tastkino“. Valie Export forderte am Münchener Stachus Passanten auf, in einem vor ihren Oberkörper geschnallten Kasten ihre Brüste zu begrapschen.

Muss Kunst weh tun?

Einige Künstlerinnen gingen mit selbstverletzenden Aktionen an die Grenzen des Erträglichen. Muss Kunst weh tun? „Den Werken der Feministischen Avantgarde ist gemeinsam, dass sie aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus entstanden sind“, sagt Gabriele Schor. Sie hat den Begriff „Feministische Avantgarde“ geprägt. Und sie ist die Gründungsdirektorin der Sammlung Verbund, Wien, aus der die im ZKM gezeigten Werke stammen. Werke, von denen viele erschreckend aktuell anmuten.

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien: bis 8. April 2018 im ZKM Karlsruhe. Hier gibt es weitere Infos.