BNN-Redakteurin als Bettlerin in der Kaiserstraße: Die Blicke der Menschen sind manchmal verstohlen, manchmal neugierig und manchmal abschätzig. Die meisten Passanten laufen aber achtlos vorbei. | Foto: jodo

Betteln als Selbsterfahrung

Als wäre ich unsichtbar…

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Ich spüre die Blicke. Ich sehe ihre Gesichter nicht, aber ich weiß, dass sie auf mich herabschauen, während ich auf dem kalten Pflaster kniee, die Isomatte ausbreite und alte Zeitungen drauflege. Ich bin ihnen im Weg, sie müssen einen Bogen um mich machen. Scham steigt in mir auf. In diesem Moment würde ich mich am liebsten in meinem alten, übergroßen Männerparka ganz tief verkriechen. Als mein „Lager“ endlich gerichtet ist, setze ich mich erleichtert hin. Ich bin nicht mehr im Weg, kein lästiges Hindernis mehr.

Perspektivwechsel

Am Vormittag saß ich noch im warmen Redaktionszimmer in Neureut, am Mittag harre ich auf dem kalten Boden in der Kaiserstraße aus. Ich bettle. Ich möchte erfahren, wie es sich anfühlt, eine von denen zu sein, an denen man sonst vorbeigeht. Wie reagieren die Menschen? Werden sie mir Geld geben? Muss ich mir beleidigende Sprüche anhören? Wird jemand fragen, woher ich komme und warum ich auf der Straße sitze und bettle?

Die Hände in die Fleecedecke vergraben

Es regnet leicht. Sogar ein kurzes Donnergrollen war eben zu hören. Mein Platz hat ein schmales Vordach. Zum Glück, falls es richtig schüttet. Die Leute im Mobilfunkladen, an dessen Schaufenster ich gelehnt sitze, waren sehr freundlich. Klar könne ich da meine Isomatte hinlegen! An dieser Stelle sitze oft eine Frau mit Hund. Ich weiß genau, wen sie meinen. Ich bin etliche Male an ihr vorbeigelaufen, manchmal habe ich ihr einen Euro ins Kästchen geworfen. Jetzt sitze ich an ihrem Platz. Die graue Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, die Hände in die Fleecedecke vergraben. Ein Windstoß bläst das Pappschächtelchen, das ich vor mich gestellt habe, mehrmals weg. Ich krieche hinterher. Ein paar Münzen würden es sicher beschweren – aber die Schachtel ist leer.

Die Kaiserstraße ist voll und hektisch

Von der Ritterstraße wehen Klarinettentöne herüber. Jemand spielt „Stille Nacht, heilige Nacht“. Still oder besinnlich ist hier nichts. Es ist Mittagszeit. Die Kaiserstraße ist voll und hektisch, und jede neue Straßenbahn, die an der Haltestelle Herrenstraße hält, spuckt neue Menschen aus. Viele tragen volle Einkaufstaschen, manche große Pakete, die in weihnachtliches Papier eingewickelt sind. An einem hat sich bereits die rote Schleife gelöst. Schüler und Mütter mit Kinderwagen eilen vorbei, Rentner ziehen Trolleys hinter sich. Angestellte hasten aus der Mittagspause zurück ins Büro, das Smartphone in der einen Hand, den Coffee-to-go-Becher in der anderen. Einer läuft über meine graue Decke, er merkt es nicht einmal. Ein Jack-Russell-Terrier in einem gesteppten Mäntelchen schnüffelt im Vorbeigehen an der Pappschachtel. Drin gibt’s nichts für ihn. Für mich auch nicht. Der Klarinettist spielt „Jingle Bells“.

Störenfried in der Glitzeridylle

Ich sitze stumm da und schaue auf den Strom der Passanten, der an mir vorbeifließt. Die meisten beachten mich gar nicht. Als wäre ich unsichtbar, eins geworden mit der Glaswand, an der ich lehne. Ich sehe sie wohl, schnappe Wortfetzen ihrer Unterhaltungen auf, höre ihr Lachen. Manchmal guckt jemand verstohlen zu mir rüber, sobald ich aber den Blick erwidere, dreht sich der andere meist verschämt weg. Sehr wohl registriere ich auch die abwertenden Blicke, gar manche angewiderte Gesichter. Ich bin der lästige, hässliche Störenfried in der glitzernden und glühweinduftenden Vorweihnachtsidylle, der vielleicht das schlechte Gewissen kurz aufrüttelt, das man zusammen mit unangenehmen Gedanken am liebsten schnell wieder abschütteln möchte.

Mit zwei Euro kann man schon so viel Gutes tun.

„Darf ich Ihnen einen heißen Kaffee schenken?“ Ich schaue überrascht zur Seite und blicke in das Gesicht eines jungen Mannes. Er ist in die Hocke gegangen. Er lächelt und hält mir einen Kaffeebecher hin. Er mache das immer wieder mal spontan, erzählt er. Er habe keine Berührungsängste, er unterhalte sich auch gerne. „Ich arbeite in der Gastronomie in der Innenstadt und kenne die Menschen, die hier regelmäßig betteln. Die Frau mit dem Hund, der junge Mann im Rollstuhl, der seine Beine verloren hat, der Mann, der immer eine Hundeskulptur aus Sand formt… Ich verdiene selbst nicht viel, aber mit zwei Euro kann man schon so viel Gutes tun.“

Zwei Münzen landen in der Pappschachtel

Kaum ist der junge Mann weg, landen die ersten Geldstücke in meiner Pappschachtel. Eine Frau hat zwei 20-Cent-Münzen hineingeworfen. Ein älteres Paar nähert sich, der Mann bückt sich schnell im Vorbeigehen und wirft einen Euro rein. Sein Gesicht hat er abgewendet. Das Paar eilt weiter. Ich rufe „Danke“ hinterher. Die meisten, die mir Geld geben, vermeiden Blickkontakt.

Lange passiert nichts, dann fallen die ersten Münzen in die kleine Pappschachtel. | Foto: jodo

Der Klarinettist hat seinen Standort gewechselt. Er steht mir nun gegenüber, auf der anderen Straßenseite beim Musikhaus Schlaile. Er wird von einem Akkordeonspieler begleitet. Kurze Verschnaufpause, dann legen sich beide wieder ins Zeug. „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Jingle Bells“, „Feliz Navidad“. Und das Ganze von vorne, immer und immer wieder. In Dauerschleife. Wie oft ich dieses Weihnachtslieder-Trio heute schon gehört habe, kann ich nicht zählen. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren.

Käsekringel oder einen Euro?

„Wollen Sie einen Käsekringel oder einen Euro?“, fragt eine Frau. Ich blicke überrascht nach oben. Die Stimme klingt freundlich, sie schaut mich offen und erwartungsvoll an. Es ist das erste mal seit dem Mann mit dem Kaffee, das mich jemand anspricht. Und das war vor einer gefühlten Ewigkeit. Fast zeitgleich bleibt eine Mutter mit ihrer Tochter stehen, kramt in der Handtasche und legt einen Fünf-Euro-Schein in die Pappschachtel. Sie hätte Mitleid, sagt sie als ich sie anspreche. „Es hat mich berührt, eine Frau auf der Straße sitzen zu sehen, die in meinem Alter sein könnte“, sagt sie.

Wieder tritt jemand auf die Fleecedecke

Meine Beine sind eingeschlafen. Der Hintern tut weh. Ich versuche meine Sitzposition zu ändern. Wieder tritt jemand auf meine Fleecedecke. Ein Bekannter läuft quer über die Kaiserstraße und bleibt am Schaufenster des benachbarten Juweliers stehen. Ich rufe seinen Namen. Einmal, zweimal, dreimal. Er schaut sich irritiert um. Ich sehe sein erstauntes Gesicht, er sieht mich nicht. Normalerweise begegnen wir uns auf Augenhöhe. Aber jetzt, er da oben, ich da unten auf dem Boden… Ich rufe noch einmal. Er geht weg.

Der Rücken schmerzt, die Beine sind taub

Ich habe keine Ahnung wie spät es ist, merke nur, dass das Tageslicht etwas abgenommen hat. In der Pappschachtel liegen 14,47 Euro. Als ich nach über drei Stunden aufstehe und die Isoliermatte zusammenrolle, tut mir gefühlt alles weh. Die Schultern sind verspannt, der Rücken schmerzt, die Beine sind taub, die Füße eiskalt. Wie halten es die Menschen bloß den ganzen Tag auf dem kalten Pflaster aus, frage ich mich, während ich langsam die Kaiserstraße lang laufe. Ich werde mich gleich ins Auto setzen und zurück in die warme Redaktion fahren. Mich später unter eine heiße Dusche stellen und abends ins warme Bett legen. Viele von denen, die auf der Straße sitzen, können das nicht…

Das Geld bekommen Bettler

Das Geld (14,47 Euro), das die Menschen in meine Pappschachtel geworfen haben, spende ich den Bettlern in der Kaiserstraße.

Am Straßenrand zu sitzen und einen Becher oder eine Pappschachtel aufzustellen ist kein Straftatbestand. Solange es sich um so genanntes „stummes Betteln “ handelt, kann man sich prinzipiell überall hinsetzen. Die Straße ist öffentlicher Raum, dort gilt der Gemeingebrauch. Verboten sind dagegen gewerbsmäßiges Betteln und sogenannte „aggressive Bettelei“ – also wenn Bettler etwa Passanten den Weg versperren und sie nötigen, sie willentlich anrempeln oder beleidigen. Darauf weist das Karlsruher Ordnungs- und Bürgeramt hin.
Auch Kinder oder Tiere dürfen nicht eingesetzt werden, um zusätzlich Mitleid zu erregen. Mit regelmäßigen Kontrollen geht die Stadt auch gegen  „Bettelbanden“ in der Innenstadt vor. Gegen aggressive Bettler werde ein Platzverweis ausgesprochen, im wiederholten Fall kann es auch ein Aufenthaltsverbot geben.
Wenn die Mitarbeiter der Stadt eine bettelnde Frau mit Säugling oder Kleinkind sehen, wie es schon in der Vergangenheit vorkam, wird nach Angaben des Ordnungsamtes sofort der Soziale Dienst informiert. Nicht jeder Mensch, der auf der Straße bettelt, ist obdachlos.
Was die Bettler und die wohnungslosen Menschen aber eint ist die Armut. Trotz aller Bemühungen der Stadt steigt die Zahl der wohnungslosen Menschen in Karlsruhe. In den vergangenen Jahren hat sie sich laut Jörg Mauter vom Vorstand der Sozialpädagogischen Alternativen (Sozpädal) von 300 auf nahezu 600 Personen verdoppelt.
Geschätzt 550 Menschen (Männer, Frauen, Familien mit Kindern) sind aktuell obdachrechtlich untergebracht. Dazu kommen überwiegend junge Erwachsene, die sich selbst durchschlagen und beispielsweise bei bei Freunden und Bekannten für einige Zeit unterkommen.
Dazu kommt eine Dunkelziffer von Menschen, die ohne Unterstützung der Stadt auf der Straße leben. Die Stadt Karlsruhe arbeitet bei der Armutsbekämpfung eng mit den freien Trägern der Wohnungslosenhilfe wie der Caritas, Diakonie und „Sozpädal“ zusammen.