Alt werden mit HIV ist mit heutigen Therapien kein Problem mehr. Stigmatisierung und Diskriminierung werden für HIV-positive Menschen im Alter aber wieder stärker zum Thema.
Alt werden mit HIV ist mit heutigen Therapien kein Problem mehr. Stigmatisierung und Diskriminierung werden für HIV-positive Menschen im Alter aber wieder stärker zum Thema. | Foto: jodo

Besondere Herausforderung

Alt werden mit HIV: Die Aids-Hilfe Karlsruhe baut Kontakte zu Pflegeheimen auf

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Die Zahl der Neuansteckungen mit HIV sinkt in Deutschland stetig, trotzdem steigt die Zahl der HIV-positiven Menschen weiter. Denn aufgrund der Fortschritte der Medizin können immer mehr Menschen mit dem Virus alt werden. Das Thema erreicht nun auch die Pflegeeinrichtungen. Die Aids-Hilfe Karlsruhe hat deshalb verstärkt Kontakte zu Pflegeheimen aufgebaut.

Früher war es eine furchterregende Seuche. Heute ist HIV eine behandelbare chronische Krankheit, mit der man alt werden kann. So alt, dass viele irgendwann auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen sind. In einer ohnehin schwierigen Lebensphase kommen auf HIV-positive Menschen besondere Herausforderungen zu. Die Aids-Hilfe Karlsruhe will deshalb verstärkt auf Pflegeeinrichtungen zugehen.

Mit Medikamenten können Betroffenen normal leben

Petra Axamit und Matthias Tures haben vielen Betroffenen beim Älterwerden zugeschaut. Das ist gut, sagen sie, denn noch in den 90er Jahren konnten sie den meisten nur beim Sterben zusehen. In der Aids-Hilfe Karlsruhe bieten sie neben anonymen Tests und individueller Beratung unter anderem Gruppentreffen für Männer und Frauen an, begleiten ihre Klienten über viele Jahre hinweg.

„Viele haben gar nicht damit gerechnet, dass sie mit den verbesserten Therapiemöglichkeiten jetzt alt werden können“, erklärt Axamit. Mit Medikamenten könnten Betroffene heute sehr gut und ganz normal leben, wofür alle sehr dankbar seien.

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Die Zahl der Neuansteckungen mit HIV sinkt in Deutschland stetig: 2018 haben sich nach Erhebungen des Robert-Koch-Instituts etwa 2.400 Personen in Deutschland (oder Personen deutscher Herkunft im Ausland) angesteckt – 100 weniger als im Vorjahr. Trotzdem steigt die Zahl der HIV-positiven Menschen weiter, denn immer mehr Menschen können mit dem Virus alt werden.

Er hatte sich schon aufs Sterben eingestellt

Matthias Tures, Aids-Hilfe Karlsruhe

Axamit erzählt von einer Frau, die sich ins Leben zurückgekämpft hat. „Sie kann heute ihr Glück kaum fassen, dass sie ihr Kind großwerden sieht.“ Tures weiß von einem Mann, der in den 90er Jahren in Rente ging – damals war eine positive HIV-Diagnose allein schon Grund für die Erwerbsunfähigkeit.

„Der Mann hatte sich schon aufs Sterben eingestellt.“ Heute, mehr als 20 Jahre nach dem vermeintlichen Todesurteil, lebt er immer noch. „Er jobbt jetzt, weil die Rente ja nur sehr gering ist“, sagt Tures.

Durch niedrige Rentenansprüche gerieten viele Überlebende im Alter in eine finanzielle Notlage, erklärt Axamit. Ein Leben mit HIV, aber in Armut: Diese Perspektive habe bei einem Klienten Depressionen ausgelöst. Einsamkeit sei ebenfalls bei vielen ein Thema, vor allem bei den älteren Menschen, die etwa zwei Drittel der Klienten bei der Aids-Hilfe Karlsruhe ausmachen.

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Ängste, Stigmatisierung und Diskriminierung werden im Alter wieder verstärkt zum Thema, wenn Betroffene auf Hilfe angewiesen sind: Werde ich im Heim aufgenommen? Erfahren meine Mitbewohner von der Diagnose? Wie reagieren sie? Gerade schwule Männer gerieten im Alter unter doppelten Druck: Sie verheimlichten sowohl ihre Lebensweise als auch ihre HIV-Infektion.

Die Zahl der Neuansteckungen mit HIV sinkt

„Das kann schwierig werden, wenn ein Mitbewohner fragt, was man früher beruflich so gemacht hat“, erklärt Tures: denn die Entkriminalisierung von Homosexualität begann in Deutschland erst ab den 70er Jahren – manch ein schwuler Senior hat eine Gefängnis-Vergangenheit.

„Es darf und soll keiner erfahren“, erklärt Tures mit Verweis auf die Schweigepflicht. Doch im Pflegealltag sei das nicht immer zu gewährleisten. Etwa durch die Vergabe von Tabletten wüsste das Pflegepersonal schnell Bescheid. Das könne Ängste bei den Mitarbeitern auslösen. „Viele wissen nicht, dass eine Infektion mit HIV gar nicht möglich ist, wenn die Viruslast durch die Medikamente entsprechend niedrig ist.“ Das sei aber eine wichtige Botschaft für alle, die im Krankenhaus oder in der Pflege arbeiten.

Verstärkt Kontakt zu Pflegeheimen

Seit die Klienten älter werden, hat die Aids-Hilfe Karlsruhe deshalb verstärkt Kontakte zu Karlsruher Pflegeheimen aufgebaut. Seit etwa zwei Jahren steige der Bedarf an Aufklärung, so Tures. 2020 wolle man noch stärker auch Krankenhäuser und Pflegedienste ansprechen.

Seit den 90er Jahren habe sich da viel getan: „Früher hatten vor allem christliche Einrichtungen Hemmungen, es gab quasi keine Pflegedienste, die Menschen mit HIV pflegen wollten.“ Dabei war die Situation der Betroffenen damals dramatischer als heute, weiß Hardy Denis, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Kap.

Schon in der Gründungsphase 1998 habe er einige HIV-positive Menschen in der Pflege gehabt, auch Aidskranke. „Wir waren schon damals sehr aktiv, hatten überlegt, HIV als Schwerpunkt einzuführen.“ Es habe sich gezeigt, dass in Karlsruhe der Bedarf doch nicht so hoch war.

Prävention und Aufklärung sind wichtig

„Die meisten, die ich im Lauf der Zeit kennengelernt habe, waren homosexuell. Die wurden in der Partnerschaft versorgt“, sagt Denis. Sein Pflegedienst sei häufiger bei heterosexuellen Paaren zum Einsatz gekommen, deren Familien mit dem Thema nicht umgehen konnten. „Der Umgang damals war stigmatisierender“, sagt er, „Verwandte sagten oft: Du bist ja selbst schuld, wärst’ halt nicht nach Thailand in Urlaub gefahren.“

Für ihn und seine Mitarbeiter sei es schon wichtig zu wissen, ob ein Patient HIV-positiv sei. Es gebe regelmäßige Aufklärungsveranstaltungen in seiner Firma. Hemmungen verflüchtigten sich dann schnell. Etwa 300 Patienten versorgt Kap täglich.

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In den letzten 20 Jahren waren darunter etwa zehn HIV-positive Personen. „Das Thema tangiert einen im Alltag selten“, sagt Denis. „Weil die Medikation so toll ist, dass man mit den furchtbaren Nebenerscheinungen der Aidserkrankung nicht mehr in Berührung kommt.“ Allerdings nur, wenn die Betroffenen um ihre Infektion wissen und sich behandeln lassen.

„Ich merke, dass das Thema bei jungen Leuten total im Hintergrund ist: ,Geschützter Sex, warum?‘“ Deshalb sollte auch die Aids-Hilfe noch besser unterstützt werden, findet Denis. „Das Thema ist heute nicht mehr so präsent. Man sieht es den Leuten nicht an, und die Vorsicht sinkt. Das macht mir Angst. Deshalb sind Prävention und Aufklärung so wichtig.“