Alter Flugplatz Karlsruhe: Das Gelände zwischen Neureut-Heide, Nordstadt, Hardtwaldsiedlung und Nordweststadt wird für zwei Jahre offizielles Projekt für biologische Vielfalt der UN-Dekade im Sonderwettbewerb „Soziale Natur – Natur für alle“. Silbergras ist eine klassische Pflanze der Sandrasen. | Foto: Patricia Klatt

„Natur für alle“

Alter Flugplatz Karlsruhe: Ein Lebensraum für Spezialisten

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Von Patricia Klatt

Der Alte Flugplatz in Karlsruhe ist für zwei Jahre offizielles Projekt für biologische Vielfalt der UN-Dekade im Sonderwettbewerb „Soziale Natur – Natur für alle“. „Wir haben diese Auszeichnung als ein vorbildliches Projekt an der Schnittstelle von Natur und sozialen Fragen bekommen“, erklärt Ulrike Rohde vom Umweltamt der Stadt. Wir – damit sei ein geradezu außergewöhnliches Netzwerk aus ganz vielen Mitstreitern gemeint, die sich alle in diesem Naturschutzgebiet (NSG) „Alter Flugplatz“ engagieren würden. „Privatleute, Vereine, Studenten oder auch die Polizei, ich kenne so eine große Beteiligung eigentlich von keinem anderen Projekt“, betont Rohde.

Wo einst Rekruten schwitzten

Auf den sandigen Flächen, dem „Großen Exerzierplatz“, haben vor 200 Jahren Rekruten auf Geheiß Großherzogs Ludwigs I. ihre Übungen absolviert – und dabei dürfte im Sommer der Schweiß in Strömen geflossen sein, denn Schatten gibt es hier nicht. Im frühen 19. Jahrhundert wurde auf dem Exerzierplatz ein Ankerplatz für Zeppeline eingerichtet, ein Flughafen entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Flugplatz an die Amerikaner über, die ihn 1993 der Stadt Karlsruhe übergaben. Einzigartige Sand- und Magerrasen haben sich dort entwickelt.

Extreme Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen sind eine einzige Herausforderung. Ein Boden, der im Sommer bis zu 60 Grad heiß werden kann, um in der Nacht wieder stark abzukühlen, der den Regen nicht speichern kann und dessen Oberfläche stark austrocknet – das halten nur wenige aus. Deswegen lebt dort eine sehr spezielle Tier- und Pflanzenwelt. Der der Sandlaufkäfer etwa, der mit seinen langen Beinen Abstand vom heißen Boden hält. Oder die Heideschnecke, die an Pflanzen-stängeln hochkriecht und dann ihr Schneckenhaus zum Schutz vor Hitze schließt.

Beizjagd im Naturschutzgebiet

Auch Besonderheiten wie das Sandglöckchen haben sich an die Bedingungen angepasst, andere Pflanzen trotzen der Hitze durch Behaarung oder dicke Blätter, was allerdings weder Weidetiere noch Kaninchen besonders beeindruckt. Letztere werden durch die Beizjagd mit Habichten in Grenzen gehalten, „das ist aus Naturschutzgründen notwendig, zum einen, um die dortige Pflanzenwelt zu erhalten, zum anderen soll ein übermäßiges Durchwühlen des Sandbodens durch die Tiere verhindert werden. Weiter können wir mit der Jagd der Ausbreitung von Kaninchenerkrankungen wie Myxomatose oder der China-Seuche entgegenwirken“, erklärt Andreas Kolb.

Seit 40 Jahren sind Falkner im Einsatz

Kolb ist Förster aus Hockenheim und für das falknerische Engagement auf dem Flugplatz zuständig. Die Falkner seien seit 40 Jahren dort aktiv. Als der Flugplatz noch militärisch genutzt wurde, habe das hohe Ansprüche an Falkner und Vogel gestellt, sagt Kolb. Momentan jagen sieben Falkner von Oktober bis Mitte Februar drei- bis viermal in der Woche, „das erfordert auch angesichts der vielen Besucher eine gute Kommunikation. Den Bewohnern des benachbarten Altersheimes scheint die Jagd mit den Habichten jedenfalls zu gefallen, man schaut uns von den Balkonen regelmäßig zu“, so Kolb. Auch die Schafe, Ziegen und Esel des Storchenhofs Dettenheim halten die Fläche offen, „ohne die Beweidung würde am Alten Flugplatz alles zuwachsen“, sagt Ulrike Rohde.

Alter Flugplatz ist eine wichtige Frischluftschneise

Im Hinblick auf die Klimaveränderung sei der Alte Flugplatz als Frischluftschneise für die Stadt ebenfalls unverzichtbar, wie alle anderen stadtnahen Naturschutz- und Grünflächen übrigens auch. Insgesamt habe sie nur positive Rückmeldungen hinsichtlich der neuen Auszeichnung des Flugplatzes bekommen, zeigt sich Ulrike Rohde zufrieden. Und sie hofft, dass sich auch in diesem Jahr die Besucher wieder einsichtig zeigen würden, dass sie auf den Wegen bleiben, ihre Hunde anleinen und die Weidetiere auf keinen Fall füttern würden.

Der Alte Flugplatz Karlsruhe hat eine Fläche von rund 70 Hektar und ist seit 2010 als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Auf den Sand- und Magerrasen haben zahlreiche seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum gefunden. Mehr als 90 Vogelarten, über 500 Insektenarten und mehr als 300 Farn- und Blütenpflanzenarten wurden dort bisher entdeckt.  Mehr Infos gibt es hier.