Alwin Vater war einer der besten Radsportler seiner Zeit | Foto: pr

Im späten 19. Jahrhundert

Alwin Vater aus Karlsruhe war einer der ersten großen Radsportler

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Obwohl er zahlreiche Radrennen gewann und ein erfolgreiches Unternehmen führte, ist Alwin Vater in seiner Heimatstadt Karlsruhe kaum bekannt. Deshalb hat sich die BNN auf Spurensuche begeben und zahlreiche bislang noch unveröffentlichte Fakten über den Pionier des organisierten Radrennsports zusammen getragen.

Fahrradfahren lernte Alwin Vater Mitte der 1880er-Jahre in Karlsruhe auf einem Hochrad. Das war zu dieser Zeit auch vollkommen normal, denn als der Sohn des Kammermusikers Julius Vater am 21. September 1869 im bergischen Elberfeld das Licht der Welt erblickte, waren die Damen und Herren der besseren Gesellschaft noch auf Zweirädern mit einem extrem großen Vorderrad unterwegs.

Doch die Fahrt auf den bis zu zwei Meter hohen Gefährten erforderte einiges an Geschick und war wegen der großen Fallhöhe keine ungefährliche Angelegenheit. Die Entwicklung von sichereren Fortbewegungsmitteln war deshalb lediglich eine Frage der Zeit. Als die Niederräder ihren Siegeszug antraten, entschloss sich auch Alwin Vater im Alter von 17 Jahren zu einem Wechsel auf ein schnittiges Spezialrad der Marke Opel.


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Nationale Bestmarke über 1000 Meter

Bereits ein Jahr später gehörte der passionierte Leistungssportler zu den schnellsten Pedaleuren in der aufstrebenden Radsportszene und am 8. Juli 1888 gelang ihm in Pforzheim sein erster Sieg in einem Rennen. Am 5. Mai 1889 gewann der ehemalige Schüler des Realgymnasiums auf der Radsportbahn im Stadtgarten sein erstes Heimrennen.

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Am 3. August 1890 feierte Alwin Vater bei den deutschen Bahnradmeisterschaften in München mit dem Sieg im Sprint über 1.000 Meter seinen bislang größten Triumph und stellte in einer Zeit von 1:38 Minuten gleich noch eine neue nationale Bestmarke auf. Und es blieb nicht sein einziger großer Titel.

Im Jahr darauf gelang dem Sprintspezialisten die erfolgreiche Titelverteidigung und 1892 krönte er seine Radsportkarriere mit dem Gewinn der Europameisterschaft.

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Ausgleich fand Alwin Vater noch beim Fechten, Fußball und als Eisschnellläufer. Auf den schmalen Kufen machte die Sportskanone nämlich ebenfalls eine ausgezeichnete Figur und gewann in den 1890er-Jahren gleich mehrere, wichtige Rennen.

Mitbegründer des Badischen Automobilclubs

Doch auch außerhalb der Sportarenen setzte er seine Akzente. Alwin Vater war einer der Mitbegründer des Badischen Automobilclubs und betrieb in der Karlsruher Innenstadt einen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Fahrradladen.

Trotz seiner sportlichen Erfolge und des gesellschaftlichen Engagements ist in der Fächerstadt erstaunlich wenig über den rührigen Tausendsassa bekannt. In den digitalisierten Beständen des Stadtarchivs gibt es keinen Eintrag zum Leben und Wirken des Radsportlers.

Und auch im Buch „Sport in Karlsruhe“ des Stadtarchivs wird Alwin Vater im Kapitel über den Radsport nur am Rande erwähnt.

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„Das ist eigentlich nicht nachvollziehbar. Alwin Vater war einer der besten Radsportler seiner Zeit“, sagt Wolfgang Schoppe. Der langjährige Chefarchivar des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) hat in den vergangenen Jahren zahlreiche historische Sportzeitschriften durchforstet und ein einigermaßen detailliertes Bild von Alwin Vaters sportlicher Karriere skizziert.

Literarisches Denkmal in einem Krimi

Dessen sportlichen Erfolge waren keinesfalls dem Zufall oder mangelnder Konkurrenz in den Anfangsjahren des Radsports geschuldet, denn regelmäßig wies Alwin Vater auch besser bekannte Kontrahenten wie den ersten deutschen Weltmeister August Lehr in die Schranken.

Gänzlich unbekannt ist Alwin Vater in der Radsportszene trotz der fehlenden Erwähnungen in den Karlsruher Geschichtsbüchern nicht. In dem Krimi „Mord unter den Linden“ von Tim Pieper wurde dem Karlsruher Radsportler sogar ein literarisches Denkmal gesetzt.

Während Alwin Vaters Glanzzeit in den 1890er-Jahren gelang dem Radsport in Deutschland der endgültige Durchbruch. Gut ein halbes Jahrhundert nachdem Karl Drais mit der Erfindung der Laufmaschine in der Fächerstadt den Grundstein für die muskelbetriebene Mobilität gelegt und viele Menschen in ganz Europa inspiriert hatte, schwappte die Welle der Radrennen zurück in die Fächerstadt.

Wegen besserer Trainingsbedingungen nach Frankfurt

Nach der Gründung des 1. Karlsruher Bicycle Clubs im Jahr 1882 – der auch der erste Radverein von Alwin Vater war – wurden in Karlsruhe weitere Radfahrvereine aus der Taufe gehoben. Ein weiterer Meilenstein auf den Weg zur Fahrradstadt war 1890 der Bau einer Radfahrbahn um den Schwanensee im Stadtgarten.

Die Huldigung des Mobilitätspioniers Drais, der am 10. Dezember 1851 starb, erreichte ebenfalls einen neuen Höhepunkt. Bei der Umbettung seines Grabes vom alten Friedhof auf den heutigen Hauptfriedhof im Jahr 1891 waren ebenso Vertreter von zahlreichen Radsportclubs dabei wie bei der Enthüllung des Drais-Denkmals zwei Jahre später.

Alwin Vater hatte seinen Lebensmittelpunkt zu dieser Zeit allerdings nicht mehr in Karlsruhe. Mit 21 Jahren zog es ihn nämlich wegen der besseren Trainingsbedingungen nach Frankfurt. Dort konnte er mit bekannten Radsportlern wie August Lehr trainieren und sich dabei weiter verbessern.

Nach der Hochzeit das Karriere-Aus

Einen echten Dämpfer erlebte Vater ausgerechnet bei der Rückkehr in die Fächerstadt. Bei einem Rennen auf der Rundbahn im Stadtgarten stürzte der Lokalmatador schwer. Aufhören kam für ihn aber nicht infrage. Ab 1892 suchte Alwin Vater auch im Ausland sein sportliches Glück. Beim intensiven Studium von italienischen Sportmagazinen hat Schoppe gleich mehrere Belege für Alwin Vaters weitere Karriere gefunden.

Auf der Radrennbahn im Karlsruher Stadtgarten stürzte Alwin Vater schwer | Foto: Stadtarchiv

„Er hat sich regelmäßig mit den besten Fahrradfahrern der Welt gemessen und immer wieder Rennen gewonnen“, lautet das Fazit des ehemaligen Olympiateilnehmers Schoppe. Nach seiner Hochzeit mit Henriette Metzler zog sich Alwin Vater allerdings vom aktiven Radsport zurück.

Sein Geld wollte der langjährige Vorzeigeathlet nämlich lieber in seinem erlernten Beruf als Kaufmann verdienen. Doch auch beruflich gab sich der umtriebige Unternehmer nicht mit Mittelmaß zufrieden.

Radgeschäft in der Waldstraße

„Er hat sehr zielstrebig an seiner Karriere gearbeitet und seine Bekanntheit aus dem Sport vermarktet“, lautet das Fazit von Norbert Schwarz. Der Hobbyhistoriker hat für eine Veröffentlichung in der Vereinszeitschrift des Internationalen Forums Historische Bürowelt sehr gründlich über das Leben und Wirken von Alwin Vater recherchiert und dabei zahlreiche historische Quellen wie Adressbücher und Firmenregister nach entsprechenden Einträgen durchforstet.

Ab 1895 betrieb Alwin Vater demnach ein Geschäft für Fahrräder und Sportartikel in der Waldstraße. 1897 zog der Geschäftsmann mit seinem Betrieb in den Zirkel 25a und übernahm das Amt des Kassiers beim Verband deutscher Fahrradhändler.

Im Jahr 1900 stellte Alwin Vater mit der Übernahme des imposanten Weinbrennergebäudes am Zirkel 32 die Weichen auf weitere Expansion. Zunächst wurde das Sortiment um Schreib-, Nähmaschinen und Öfen erweitert und ab 1904 kamen auch Motorfahrzeuge dazu.

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Alwin Vater starb 1918 in Lazarett in Frankfurt

Dass Alwin Vater das unternehmerische Netzwerken aus dem Effeff beherrschte, wird vor allem durch den Blick auf seine Ehrenämter deutlich: 1903 wurde er zum Vorstand der Karlsruher Fahrradhändler gewählt und ein Jahr später hob er gemeinsam mit Hermann Lucke und Rechtsanwalt Felix Bytinski den Badischen Automobilclub aus der Taufe.

Laut Schwarz’ intensiven Recherchen zog sich Alwin Vater jedoch bereits 1911 aus dem aktiven Geschäftsleben in der Fächerstadt zurück und fungierte anschließend als Bevollmächtigter und Repräsentant der Adler-Werke. 1914 verkaufte er sein Geschäft an Adam Brecht aus Frankfurt. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs endet auch Alwin Vaters Engagement in der Fächerstadt. „Er muss trotz seines recht hohen Alters noch Soldat geworden sein“, berichtet Schwarz.

Nach Informationen des Hobbyhistorikers zog der erfolgreiche Unternehmer in den Weltkrieg und hatte Anfang 1918 einen schweren Unfall. Im August dieses Jahres erlag er in einem Lazarett bei Straßburg seinen Verletzungen.

Keine Nachkommen auffindbar

Doch die Spuren, die Alwin Vater in der Stadt hinterlassen hatte, konnten weder sein Tod noch der Krieg endgültig auslöschen. Noch in den 1920er-Jahren gab es am Zirkel unter seinem Namen eine Adler-Vertretung. „Alwin Vater war eine schillernde Persönlichkeit, die auf vielen Ebenen unterwegs war. Außerdem muss er in Karlsruhe eine echte Berühmtheit gewesen sein. Nur deshalb wurde zu jener Zeit der Name eines Toten bei einer Werksniederlassung beibehalten“, lauter Schwarz’ Fazit.

Nachkommen von Alwin Vater hat der pensionierte Lehrer bei seiner Suche in den Stammbüchern zahlreicher Familien allerdings nicht gefunden. Auch von der Ehefrau fand er keine überlieferten Spuren mehr. Später wurde das Fahrrad-Geschäft von der Familie Strebel übernommen weiterbetrieben. Seit dem Umzug von Strebel und Co auf die andere Straßenseite ist im ehemaligen Laden von Alwin Vater eine Kunstgalerie.