Ein sorgsam inszeniertes royales Familienidyll: Der im Schwarzwald geborene Maler Franz Xaver Winterhalter hat dieses Gemälde der vor 200 Jahren geborenen Queen Victoria mit Prinzgemahl Albert und den niedlichen Königskindern 1846 geschaffen. | Foto: Imago Images / WHA UnitedArchives0126541

Royales Familienglück

Anfänge der britischen Medien-Monarchie: Victoria, Albert und ein Maler aus Baden

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„It’s a boy!“ Wieder freut sich der Commonwealth über royalen Nachwuchs. Prinz Harry und seine Frau Meghan verkündeten die Geburt ihres Sohnes am Montag auf Instagram. Und erhielten dafür innerhalb von nicht mal einer Stunde 750.000 Gefällt-mir-Zeichen.

Zwei Tage später folgte der obligatorische Auftritt der strahlenden Eltern mit Baby vor der Presse. Immerhin handelt es sich beim kleinen Archie Harrison um die Nummer Sieben in der britischen Thronfolge. Die Medien beschäftigten sich intensiv mit seinen „modernen Eltern“, die auf ihr Privatleben pochen, zugleich aber Informationen über ihren Nachwuchs mit einem weltweiten Publikum teilen und dabei das Heft in der Hand behalten wollen.

Neu ist die Strategie, dass sich die Königsfamilie auf privilegierte Weise „bürgerlich“ gibt, allerdings nicht. Schon Queen Victoria (1819–1901), die einem ganzen Zeitalter den Namen gab, machte mit ihrem „Familienglück“ Politik. Ein in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsener Badener half ihr dabei: der Maler Franz Xaver Winterhalter.

Prinz Harry von Großbritannien und Meghan, Herzogin von Sussex, mit ihrem Sohn in der St. George’s Hall im Windsor Castle. Die hohe Kunst, Familienglück öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, hat das Haus Windsor in viktorianischer Zeit gelernt. | Foto: dpa /Dominic Lipinski/PA Wire/

Der Medien-Stratege: Prinzgemahl Albert

Zum eigentlichen „Medien-Strategen“ des britischen Königshauses entwickelte sich in viktorianischer Zeit Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Er war es leid: Gnadenlos stellten die bissigen britischen Karikaturisten ihn als deutschen Hungerleider dar, der mitsamt seiner gierigen – und ständig wachsenden – Kinderschar an Victorias Rockzipfeln hing.

Die „richtigen Bilder“ müssen her

Es war höchste Zeit, das Ansehen der Monarchie aufzupolieren. Die „richtigen“ Bilder mussten her. „Wie jeder gute Theaterregisseur suchte er einen Bühnenbildner, der ihm die perfekten Kulissen schuf“, beschreibt die Historikerin Karina Urbach in ihrem Buch „Queen Victoria. Die unbeugsame Königin“ Alberts Taktik. In dem badischen Künstler Franz Xaver Winterhalter (1805–1873) habe der Prinzgemahl einen „engen Verbündeten“ gefunden.

Winterhalter – der Fürstenmaler

Winterhalter gehörte seit Ende der 1830er Jahre zu den führenden Porträtisten Europas. Die gekrönten Haupter standen geradezu Schlange, um sich von dem Bauernsohn aus dem Schwarzwalddorf Menzenschwand malen zu lassen. Von ihm stammt etwa das berühmte Staatsporträt von Sissi, der Kaiserin von Österreich, mit den Brillantsternen im Haar.

Der Bub aus dem Schwarzwald

Schon früh war aufgefallen, dass Franz Xaver schön zeichnen konnte. Seine Eltern kratzten das Lehrgeld zusammen, um dem 13-Jährigen eine Grafikerausbildung in Freiburg zu ermöglichen. Das Kunststudium in München finanzierte sich Franz Xaver dann zunächst durch Porträtzeichnungen. Später half ein Stipendium weiter. Der badische Großherzog Ludwig hatte es gewährt, nachdem er auf das talentierte „Landeskind“ hingewiesen worden war.

Großherzogin Sophie von Baden, der Franz Xaver Winterhalter in Karlsruhe zeitweise Zeichenunterricht gab, schätzte das begabte „Landeskind“ ungemein und förderte den jungen Künstler. 1830 schuf er dieses Porträt der Fürstin. | Foto: Badisches Landesmuseum

Zwischenspiel in Karlsruhe

Ab 1828 ließ der junge Künstler sich zeitweise in Karlsruhe nieder. Er porträtierte Mitglieder des großherzoglichen Hauses und gab Prinzessin Sophie Zeichenunterricht. Die förderte ihren „Lehrer“ auch als Großherzogin nach Kräften. 1834 ernannte ihr Gemahl, Großherzog Leopold, den von einer Studienreise nach Italien zurückgekehrten Winterhalter zum badischen Hofmaler.

Auch Großherzog Leopold ließ sich schon von Winterhalter malen, ehe dieser zum führenden Porträtisten Europas aufgestiegen war. 1834 ernannte er den Künstler zum badischen Hofmaler. | Foto: Badisches Landesmuseum

Durchbruch in Paris

Noch im selben Jahr brach der Künstler nach Paris auf. Dort gelang ihm der große Durchbruch. (Erst während des Deutsch-Französischen Krieges zog Winterhalter nach Karlsruhe zurück.) Nach einigen großen Aufträgen vom „Bürgerkönig“ Louis-Philippe rissen sich Fürstlichkeiten aus ganz Europa um den Mann mit dem schmeichelhaften Pinselstrich.

Entzückende Familienszenen

Die Damen waren entzückt, weil Winterhalter sie charaktervoll und anmutig zugleich darzustellen wusste. Zudem rückte er ihre Kleider und ihren Schmuck ins schönste Licht. Prinzgemahl Albert schätze besonders Winterhalters Familienszenen. Eltern und Kinder wirkten so ungezwungen! Das war die reine Harmonie – fabelhaft. Winterhalter würde den Briten keine dekadent-pompösen Royals vorführen. Sondern eine tugendhafte Vorbildfamilie, mit der sich der aufstrebende Mittelstand identifizieren konnte.

Royaler Glanz und bürgerliches Lebensgefühl

Das Kalkül ging auf: Winterhalter, der über Jahre hinweg einige Sommerwochen in Großbritannien verbrachte, gelang es, in seinem Gemälden royalen Glanz geschickt mit dem bürgerlichen Lebensgefühl zu verschmelzen. So konnte die Königsfamilie zu einer Art „moralischem Kompass“ der viktorianischen Gesellschaft avancieren.

Die Übermutter hatte für Kinder nicht viel übrig

Das Private wurde politisch. Die Königin habe ihr Leben auf dem „Prinzip häuslicher Liebe“ aufgebaut, hieß es anerkennend im Parlament. Im In- und Ausland galt Victoria bald als die liebevolle Übermutter. Das entbehre nicht einer gewissen Ironie, merkt die Historikerin Karina Urbach in ihrer lesenswerten Victoria-Biografie an. Denn die Königin, die ihre neun Geburten als Tortur empfand, hatte für Kinder nicht viel übrig. Für Neugeborene schon gar nicht. Victorias Ein und Alles war ihr Ehemann.

Der Thronfolger – dumm und faul?

Ein Sohn, für den Victoria besonders wenig Sympathie verspürte, war Albert Edward, genannt „Bertie“. Die Mutter hielt den späteren König Eduard VII. für dumm, schwach und faul. Ihre Untertanen freilich bekamen  einen anderen Thronfolger zu Gesicht.  Winterhalter malte einen knuffigen Fünfjährigen im Matrosenanzug. Lässig und ein bisschen frech steckt er die Hände in die Hosentaschen. Ein nettes, selbstbewusstes Kerlchen.

Der Matrosenanzug wird zum „Must have“

Prinzgemahl Albert hatte das Bildnis seines ältesten Sohnes 1846 in Auftrag gegeben. Er schenkte es seiner Frau. Die Königin ließ es im Empfangszimmer ihres Landsitzes Osbourne House aufhängen. Dort konnten es die breiten Bevölkerungsmassen zwar nicht bewundern. Doch das Bild wurde sogleich in Drucken reproduziert. Man riss sich um den niedlichen Prinzen. Das Winterhalter-Bild von „Bertie“ soll einiges dazu beigetragen haben, dass der Matrosenanzug zum „Must have“ in der Kindermode wurde.

Fotos ohne Ende

Die Macht der Bilder – Prinzgemahl Albert verstand es, sie zu nutzen. Auch das Werbepotenzial eines neuen Mediums erkannte er früh: das der Fotografie. Bei jeder Gelegenheit ließ der royale Regisseur seine Familie ablichten und die Bilder – sofern das Resultat ins königliche Konzept passte – verbreiten. So ungezwungen wie auf Winterhalters Gemälden wirkten die Protagonisten auf den Fotos allerdings nicht. Wegen der langen Belichtungszeiten sollten sie ja keine Miene verziehen.

Victorias  „Winterle“

Königin Victoria wusste, was sie dem klein gewachsenen Maler aus Baden verdankte. Sie hielt ihn für einen ganz Großen. Aufrichtig trauerte sie um ihr „Winterle“, als es 1873 in Frankfurt starb. Bis heute prägt die Porträtkunst Winterhalters unsere Vorstellungen von der „Jahrhundertkönigin“, deren Geburtstag sich am 24. Mai zum 200. Mal jährt.

… und es geht weiter so

Nach wie vor verfolgt  die britische Medien-Monarchie die Strategien, die der bereits 1861 aus dem Leben geschiedene Prinzgemahl Albert entwickelt hat, um das Königshaus im schönsten Licht erscheinen zu lassen. Nur dass die Royals ihr Familienglück heute direkt mit uns über die sozialen Medien teilen wollen. Die Bilder von strahlenden Eltern und niedlichen Kindern –  man sieht sie immer wieder gerne.

Karina Urbachs Biografie  „Queen Victoria. Die unbeugsame Königin“ ist bei C.H. Beck erschienen (24,95 Euro). Das liest man im Karlsruher Stadtlexikon über Franz Xaver Winterhalter. Und hier geht es zum Winterhalter-Museum in Menzenschwand.