Solche geschlechterneutralen Toiletten sind in Karlsruhe noch die Ausnahme.
Solche geschlechterneutralen Toiletten sind in Karlsruhe noch die Ausnahme. | Foto: Imago Images

Nicht in öffentlichen Gebäuden

An diesen Orten in Karlsruhe gibt es geschlechterneutrale Toiletten

Anzeige

Unisex-Toiletten sind für alle Menschen zugänglich, unabhängig von deren Geschlechtsidentität. In Karlsruhe gibt es allerdings nur wenige – am KIT wurde eine kurzfristig eingerichtete sogar wieder entfernt.

Eine der wenigen Unisex-Toiletten Karlsruhes steht ausgerechnet in derjenigen Schule, die lange Zeit nur für ein einziges Geschlecht zugänglich war. Erst seit 1973 gibt es am Fichte-Gymnasium gemeinsamen Unterricht für Mädchen und Jungen – und getrennte Toiletten.

Erstes deutsches Mädchengymnasium richtete Unisex-Toilette ein

Seit 2018 stellt sich auf der Webseite der Schule jedoch auch eine Unisex-Toilette vor: „Bei uns sind alle willkommen“, heißt es dort. Die Toilette war schon zuvor für beide Geschlechter zugänglich und wurde als Besuchertoilette genutzt, sagt Schulleiter Ralf Wehrmann. In einem Projekt mit der Stadt Karlsruhe hatte die damalige Kursstufe jedoch offiziell den Namen „Unisex“ eingeführt und sie damit bekannter gemacht, berichtet er.

Drittes Geschlecht und Unisex-Toiletten
Im Oktober 2017 entschied das Karlsruher Bundesverfassungsgericht, die Standesämter müssten auf Antrag auch ein sogenanntes „drittes Geschlecht“ in Ausweise und Register eintragen. Davon profitieren Personen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ein ärztliches Attest vorweisen können.
Ihnen kommen auch geschlechterneutrale Toiletten entgegen, die in Privatwohnungen, Zügen, Flugzeugen und auf vielen Festivals längst Realität sind. Größere Aufmerksamkeit erlangte das Thema spätestens vor einem Jahr, als Annegret Kramp-Karrenbauer bei einer Faschingsveranstaltung einen Witz über diese Art von Toiletten machte und dafür reichlich Kritik einfuhr.

 

Bei dem Projekt machten sich die Schüler Gedanken darum, wie sie ihre Schule mitgestalten können. „Diskriminiert hat sich zuvor aber keiner gefühlt“, sagt Wehrmann. Gender-Fragen seien natürlich ein Thema. Gerade letztes Jahr hätte er ein Zeugnis nochmal neu unterschrieben, nachdem ein Schüler das Geschlecht gewechselt hat.

Mehr zum Thema: Karlsruher Schulsozialarbeiterin: Am Fichte-Gymnasium gibt es eine große queere Gemeinde

Das erste Mädchengymnasium in Deutschland hat seit 2018 offiziell eine Unisex-Toilette. Zuvor wurde diese als Besuchertoilette genutzt.
Das erste Mädchengymnasium in Deutschland hat seit 2018 offiziell eine Unisex-Toilette. Zuvor wurde diese als Besuchertoilette genutzt. | Foto: Alina Reissenberger

Die Unisex-Toilette in der Turnhalle sei bisher die einzige am Fichte-Gymnasium. „Derzeit planen wir nicht, weitere Toiletten umzustellen“, sagt Wehrmann.

Große Wellen hätte die Unisex-Toilette nicht geschlagen. Das sei an sich ja ein gutes Zeichen: „Je normaler so etwas wird, desto besser“, meint der Schulleiter.

„Die Unisex-Toilette ist nichts Besonderes. Eigentlich ist sie wie jede andere Toilette“, sagen die Siebtklässlerinnen Nele und Antonia. Nele findet es vor allem praktisch, dass beim Sportunterricht nicht beispielsweise die Mädchen weiter laufen müssen als die Jungs, weil es nur eine Toilette in der Turnhalle gibt.

Auch interessant: In einem Café in Karlsruhe sind stillende Mütter unerwünscht

Keine Unisex-Toiletten in städtischen Gebäuden in Karlsruhe

Im öffentlichen Raum sind solche Unisex-Toiletten allerdings nicht allzu weit verbreitet. Wer in den Karlsruher Gemeinderatsprotokollen der vergangenen zehn Jahre nach dem Stichwort „Toilette“ sucht, findet etliche Einträge. Sucht man aber nach „unisex“, lautet die Anzahl der Ergebnisse: Null.

Auf BNN-Anfrage bestätigt die Stadt, dass es in den öffentlichen Gebäuden der Stadt „bisher“ keine Unisex-Toiletten gebe. Eine Einrichtung sei auch nicht geplant. Lediglich bei den automatischen WC-Anlagen, die zum Beispiel in der Kaiserstraße zu finden sind, handele es sich um geschlechterneutrale Toiletten.

Inoffizielles Unisex-Klo am KIT währte nicht lange

In einem Mathematik-Gebäude des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben unbekannte Personen 2016 kurzerhand auf eigene Faust ein Männer-WC zur Unisextoilette erklärt. Sie tauschten einfach das Schild an der Tür aus, brachten dort ein Symbol aus halb Frau, halb Mann an und die Erklärung: „Dieses WC kann von jeder Person genutzt werden, unabhängig vom Geschlecht.“

Das Queer-Referat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) begrüßte die Idee – nur wenig später war das Schild jedoch wieder verschwunden. „Es hing da wahrscheinlich nur ein paar Tage“, erklärt Erik Wohlfeil, Sprecher des AStA. „Dann wurde es mit der offiziellen Erklärung, es handele sich um Sachbeschädigung, wieder entfernt.“

Kein Thema in Entscheidungsebenen am KIT

Das KIT selbst schildert den Sachverhalt ein wenig anders: „Nachdem die veränderte Beschilderung entdeckt wurde, sprach der Geschäftsführer der Fakultät als Vertreter des KIT mit Vertretern der verschiedenen Nutzergruppen des Gebäudes und bat darum, dass die Beschilderung wieder zeitnah in den ursprünglichen Zustand versetzt werde“, schreibt ein Sprecher. Wer das Schild dann letztlich entfernt hat, wisse man beim KIT nicht.

Auch interessant: Queere Community in Karlsruhe: „Akzeptanz gibt es nur durch Sichtbarkeit“

Seither gibt es am KIT – wie zuvor – keine Unisex-Toiletten. Das Thema sei noch nicht auf der Tagesordnung der Gremien des KIT gewesen, so der Uni-Sprecher. Weder im Vorfeld der Aktion 2016 noch im Nachgang hätten Nutzer einen offiziellen Bedarf an Unisex-Toiletten angemeldet.

Tatsächlich soll KIT-Vizepräsident Alexander Wanner aber bereits ein Jahr zuvor von Studierenden auf geschlechterneutrale Toiletten angesprochen worden sein. Das belegen zumindest Aufzeichnungen des AStA – Wanners Antworten zu dieser Frage sind allerdings nicht protokolliert.

Unisex-Toiletten als Lösung für die Wickeltisch-Problematik?

„Die Verfasste Studierendenschaft befasst sich derzeit nur indirekt mit dem Thema Unisex-Toiletten“, sagt Studierenden-Sprecher Erik Wohlfeil. „Einen Beschluss pro oder kontra Unisex-Toiletten haben wir nicht.“ Allerdings setze sich der AStA schon länger für mehr Wickeltische auf dem gesamten Campus ein, die für alle Studierenden und Mitarbeitenden zugänglich sein sollten.

Bislang sind Wickeltische in vielen öffentlichen Gebäuden nur in Damentoiletten zu finden. „Eine Lösung dafür wäre, bestimmte Toiletten zu Unisex-Toiletten zu deklarieren und mit Wickeltischen auszustatten“, so Studierendensprecher Wohlfeil.

Jugendliche setzten sich für Unisex-Toiletten in Karlsruhe ein

Eine Gruppe von Jugendlichen hat sich 2018 bei der Karlsruher Jugendkonferenz ebenfalls für geschlechterneutrale Toiletten eingesetzt. Unterstützt wurden sie dabei von Juli Avemark vom queeren Jugendzentrum La Vie.

Mir haben Jugendliche erzählt, dass sie morgens nur ein halbes Glas Wasser trinken und dann den Rest des Tages nichts.

Juli Avemark über Jugendliche, die sich nicht auf herkömmliche Toiletten trauen

„Wir haben hier Jugendliche, für die das Thema im Alltag ein reales Problem ist“, erzählt Avemark. Manche queeren Jugendlichen würden sich in der Schule nicht aufs Klo trauen, weil sie zum Beispiel nicht geoutet seien oder dort angefeindet würden. „Mir haben Jugendliche erzählt, dass sie morgens nur ein halbes Glas Wasser trinken und dann den Rest des Tages nichts.“

Die Nachfrage nach neutralen Toiletten sei daher kein „Luxusproblem“. Seit in einigen Schulen geschlechterneutrale WCs eingeführt wurden, fühlten sich die Jugendlichen dort sicherer, sagt Avemark.

Sie kennt auch noch einige weitere Orte in Karlsruhe mit Unisex-Toiletten: Zum Beispiel „Die Insel“, die Spielstätte des Jungen Staatstheaters. Auch in der Elisabeth-Selbert-Schule, im Büro von Amnesty International, in der Karlsruher Außenstelle der Fachschule für Heilerziehungspflege der Diakonie Kork, im Kinder- und Jugendhaus Südwest und im Zirkus Maccaroni gebe es geschlechtsneutrale Toiletten.