Den Augenkontakt mit dem Wolf sollte man bei einer direkten Konfrontation eher vermeiden, sagt Nabu-Wolfsbotschafter Bernhard Boegner, auch wenn dies bei anderen Arten helfen mag.
Den Augenkontakt mit dem Wolf sollte man bei einer direkten Konfrontation eher vermeiden, sagt Nabu-Wolfsbotschafter Bernhard Boegner, auch wenn dies bei anderen Arten helfen mag. | Foto: dpa

Hund kann Konkurrent werden

Ein angefütterter Wolf verliert seine Scheu

Anzeige

Bekommt man von Kreide wirklich eine weiche Stimme? Das werden sich wohl die meisten Kinder schon gefragt haben. Sorry, Kids: Es funktioniert nicht. Weil die Kreide abwärts Richtung Magen wandert und mit den Stimmbändern gar nicht in Berührung kommt. Auch sonst hat für den Wolf aus dem Märchen nie etwas wirklich funktioniert. In „Rotkäppchen“ wie in den „Sieben Geißlein“ wird ihm der Bauch aufgeschnitten und mit Steinen gefüllt. Heutzutage würden die Artenschützer im Quadrat springen.

Ängste vor dem Wolf seit der Märchenzeit

Seit Generationen wird den Kindern im zartesten Alter (das war jetzt nicht so gemeint) die Angst vor dem großen bösen Wolf eingeimpft. Da kann man nicht erwarten, dass sie ihm jetzt, auch wenn sie inzwischen erwachsen sind, unbefangen begegnen. Noch dazu in natura. Pressemeldungen, wie sie gerade aus Sachsen kommen, wo ein Wolf „entnommen“ wurde, weil er mehrere Hunde getötet hat, tragen nicht eben dazu bei, das Image des Wolfs aufzumöbeln.

Hunde können als Konkurrenten im Revier empfunden werden

„Wenn ich meinen Hund in einem Gebiet frei laufen lasse, von dem ich weiß, dass dort Wölfe leben, dann muss ich damit rechnen, dass der Wolf den Hund als Konkurrent betrachtet. Das kann so oder so enden. Entweder der Wolf trollt sich, oder er versucht sein Revier zu verteidigen. Dabei hat der Hund meist weniger Chancen“, sagt Bernhard Boegner. Der 58-jährige Software-Entwickler aus Gondelsheim ist Nabu-Wolfsbotschafter. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Öffentlichkeit über Wölfe aufzuklären. Im baden-württembergischen Landeswaldgesetz gibt es keine Leinenpflicht. Für Hundebesitzer, sagt Boegner, sollte aber grundsätzlich gelten, ihre Vierbeiner an der Leine zu führen, wenn sie die Tiere nicht so im Griff haben, dass sie auf jeden Zuruf folgen.
Dass so eine Begegnung auch ganz anders ausgehen kann, zeigt ein Vorfall in Thüringen, als ein Labrador während der sogenannten Ranzzeit auf eine Wölfin traf. Sechs Mischlinge waren die Folge, die – aus Artenschutzgründen – getötet werden sollten, damit sie sich nicht weiter vermehren. Dann machte das Umweltministerium einen Rückzieher: Wenn die Tiere eingefangen werden können, bevor sie auf Wanderschaft gehen, bleibt ihnen der Abschuss erspart. Ihr Schicksal entscheidet sich in diesen Tagen.

Immer wieder wird der Wolf gefüttert

Und was macht man als Mensch, wenn man dem Wolf gegenübersteht? „Der Wolf ist scheu, in der Regel geht er uns aus dem Weg“, sagt Bernhard Boegner. „Es sei denn, es handelt sich um einen angefütterten Wolf, der Menschen mit einfach zu bekommender Nahrung in Verbindung bringt.“ Dass man Wölfe nicht füttern soll, versteht sich eigentlich von selbst, kommt aber trotzdem immer wieder vor. „Es kann auch passieren, dass man Jungwölfe im Alter von bis zu einem Jahr sieht. Die sind unheimlich neugierig und wollen die Welt entdecken. Von Statur und Körpergröße sind sie von ausgewachsenen Wölfen nicht zu unterscheiden. Das führt häufig zu Missverständnissen und zu Meldungen von einem Wolfsrudel.“
Wenn Jogger einen Wolf sehen, sollten sie nicht weiterlaufen, was als Flucht ausgelegt werden und den Jagdtrieb auslösen könnte, sondern sich langsam zurückziehen, sagt Boegner. Augenkontakt hilft bei manchen Arten, bei hundeartigen Tieren, meint er, sollte man ihn eher vermeiden: „Groß machen und laut werden, dann hauen sie normalerweise ab. Ein Wolf wird sich aus einer Konfrontation eher zurückziehen, weil eine Verletzung ihn beeinträchtigen könnte.“

Ansiedelung im Landkreis Karlsruhe gilt als unwahrscheinlich

Für den Landkreis Karlsruhe hält Boegner eine solche Begegnung jedoch für unwahrscheinlich: „Ein Wolf braucht in der Regel 250 Quadratkilometer, um genügend Ausweichmöglichkeiten und Ruhezonen zu haben. Da wird es hier schon relativ eng. Ganz auszuschließen ist es nicht, aber wenn, dann nur in den Außenbezirken oder im Naturpark Stromberg-Heuchelberg. In allen anderen Gebieten ist die Gefahr viel zu hoch, dass der Wolf durch Pkw, Lkw oder Züge einen frühen Tod erleidet.“ Das ist auch die Meinung von Kreisjägermeister Thomas Maier: „Der Landkreis Karlsruhe ist viel zu dicht besiedelt. Dass der Wolf in Randbezirken wie Bad Herrenalb in Erscheinung tritt, kann sein. Das Thema ist aber interessant und wird auch bei uns viel diskutiert. Der Jagdverband fordert, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wird. Man muss eine gewisse Vorsicht walten lassen, aber ich denke nicht, dass der Wolf von sich aus massiv auf Leute zugeht und eine Gefahr darstellt.“

Wenn man die Meldungen über gerissenes Wild und getötete Schafe liest, könnte man leicht den Eindruck bekommen, dass es in Baden-Württemberg von Wölfen mittlerweile nur so wimmelt. Tatsächlich schrumpft deren Zahl bei genauer Betrachtung auf vermutlich fünf oder sechs Tiere zusammen, von denen drei getötet wurden, bevor sie negativ auffielen. Hier eine Übersicht über das zweifelsfrei nachgewiesene Auftreten von Wölfen in Baden-Württemberg.
25. Juni 2015:  Auf der Autobahn 5 bei Lahr wird ein Wolf überfahren – paradoxerweise das erste Lebenszeichen des Wolfs im baden-württembergischen Raum seit 1866. Analysen von Referenzproben durch das Laboratorium für Naturschutzbiologie der Universität Lausanne ergeben, dass das Tier aus einem Rudel im Calandagebiet bei Chur in der Schweiz stammt.
30. November 2015:  Auf der A 8 bei Merklingen wird erneut ein überfahrener Wolf entdeckt. Genanalysen in Lausanne zeigen, dass er ein Bruder des toten Wolfs auf der A 5 war.
21. Juni 2017:  Bei Überlingen am Bodensee wird ein Wolf beobachtet. Die vom Umweltministerium mit dem Wolfsmonitoring beauftragte Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg bestätigt die Sichtung nach Auswertung eines Fotos.
8. Juli 2017:  Aus dem Schluchsee wird ein erschossener Wolf geborgen. Die FVA geht davon aus, dass es sich um den Wolf handelt, der am 21. Juni in Überlingen und anschließend bei Stockach, bei Bad Dürrheim sowie letztmals am 4. Juli bei Breitnau im Hochschwarzwald gesichtet wurde. Umweltminister Franz Untersteller weist darauf hin, dass das aus Schneverdingen/Niedersachsen stammende Tier mindestens zwei Wochen in Baden-Württemberg unterwegs war – ohne Hinweise, dass es in dieser Zeit Nutztiere angegriffen hätte.
7. Oktober 2017:  Bei Widdern im Landkreis Heilbronn werden drei Schafe von einem Wolf gerissen. Das beweist die genetische Untersuchung von Proben durch das Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik in Gelnhausen. Erstmals seit mehr als 100 Jahren hat damit im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg ein Wolf nachweislich Nutztiere gerissen.
26. November 2017:  In Bad Wildbad im Landkreis Calw werden drei Schafe von einem Wolf gerissen. Das bestätigt die Analyse von Speichelresten an den toten Tieren. Es handelt sich um einen bisher genetisch nicht erfassten Rüden aus einem Rudel bei Schneverdingen in Niedersachsen. Ob es der gleiche Wolf ist, der im Oktober in Widdern die drei Schafe gerissen hat, konnte dagegen nicht geklärt werden. Die genetische Analyse der an den Rissen genommenen Proben erfolgte wieder durch das Senckenberg-Institut.
13. Dezember 2017:  Ein Wolf reißt Rotwild in Forbach/Landkreis Rastatt. Das ergibt die Analyse von Proben durch das Senckenberg-Institut. Die FVA geht davon aus, dass es sich um denselben Wolf handelt, der im November in Bad Wildbad die drei Schafe, Ende November bei Simmersfeld nördlich von Freudenstadt Rotwild und Anfang Dezember bei Bad Rippoldsau-Schapbach Rotwild und vermutlich auch Sikawild gerissen hat.
Vermutlich 8. Januar 2018:  Ein Wolf reißt bei Wiernsheim/Enzkreis ein Reh. Das bestätigt die FVA in Freiburg.
13. Januar 2018:  In Korntal-Münchingen wird ein Wolf gefilmt, wiederum bestätigt durch die FVA.
14. Januar 2018:  Ein Wolf reißt eine Ziege in Sersheim bei Vaihingen/Enz im Kreis Ludwigsburg. DNA-Spuren ergeben, dass es sich um den Wolf von Wiernsheim handelt. Laut Senckenberg-Institut stammt dieser Wolf aus der sogenannten italienischen Linie (Alpenpopulation). Bei der FVA hält man es für möglich, dass er identisch ist mit dem in Korntal-Münchingen gesichteten Wolf. Bis alle Daten ausgewertet sind, wird es noch einige Wochen dauern.