Die Karlsruher Professorin Britta Nestler sollte eigentlich mit dem renommierten Leibniz-Preis ausgezeichnet werden. Nach anonymen Vorwürfen wurde sie ausgeladen. | Foto: David Ausserhofer/DFG/dpa

Forschungsgemeinschaft prüft

Anonyme Vorwürfe: Karlsruher Forscherin wird von Preisverleihung ausgeladen

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Die Verleihung des renommierten Leibniz-Preises an Britta Nestler vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist unmittelbar vor der Veranstaltung ausgesetzt worden. Hintergrund sind anonyme Hinweise gegen die Materialwissenschaftlerin, die erst kurz vor der Preisverleihung bekannt geworden seien, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mitteilte.

„Wir können keine weiteren Angaben machen, da diese Hinweise derzeit geprüft werden. Dies geschieht im Einvernehmen mit Frau Nestler. Sie wird im Rahmen der Prüfungen auch angehört“, sagte DFG-Pressesprecher Marco Finetti. Die Forschungsgemeinschaft verleiht den Leibniz-Preis. Es gehe um Arbeiten Nestlers im Rahmen mehrerer von der DFG geförderter Projekte. Die anonymen Hinweise seien auf Umwegen zu der Forschungsgemeinschaft gekommen. Zuvor hatte der SWR über die Absage berichtet.

„Geschätzte Wissenschaftlerin“

Nestler, die seit 2001 in Karlsruhe-Hohenwettersbach wohnt, wollte sich auf BNN-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. „Frau Nestler ist eine unter Fachkolleginnen und -kollegen anerkannte und geschätzte Wissenschaftlerin, die in ihrem Forschungsgebiet führend ist“, sagte KIT-Pressesprecherin Monika Landgraf. Die Mathematikerin und Physikerin sollte den Preis nach Angaben des KIT für ihre Forschung zur computergestützten Materialmodellierung bekommen. Dabei geht es darum, wie sich die Mikrostruktur eines Werkstoffs während der Herstellung verhält – etwa beim Gießen oder Walzen von Blechen. Auch erforscht Nestlern, welchen Einfluss Wärme auf die Lebensdauer von Stoffen hat.

Computergestützte Simulationen

Um diese Fragen zu beantworten, verwendet die Forscherin computergestützte Simulationen die Mikrostrukturen von Materialien. Im Dezember 2016 teilte die DFG mit, Nestler habe auf diesem Gebiet herausragende grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse erzielt, die auch große praktische Relevanz hätten. So könnten ihre Simulationen helfen, vorherzusagen, wie sich etwa Risse in Bremsscheiben ausbreiteten.

Preis mit 2,5 Millionen Euro dotiert

Der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis wird seit 1986 jährlich von der DFG vergeben. Er zeichnet bis zu zehn herausragende Wissenschaftler aus und ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Das Geld können die Forscher für ihre wissenschaftliche Arbeit ausgeben. Der Preis gilt weltweit als einer der wichtigsten Wissenschaftspreise. Sieben Preisträger erhielten nach dem Leibniz-Preis auch den Nobelpreis.

„Top-Wissenschaftlerin“

„Britta Nestler arbeitet höchst erfolgreich interdisziplinär in der computergestützten Materialforschung und gehört zu den Top-Wissenschaftlerinnen in ihrem Fachgebiet“, sagt der Präsident des KIT, Holger Hanselka. Nach Angaben des KIT war Nestler im Jahr 2001 Deutschlands jüngste Professorin, sie erhielt bereits zahlreiche Preise, darunter 2007 den Landesforschungspreis Baden-Württemberg. Die vierfache Mutter forscht und lehrt seit 2010 am KIT, seit 2008 ist sie Direktorin der Abteilung Computational Materials Science and Engineering am Institute of Materials and Processes an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft (HsKA).

Ähnlicher Fall im Jahr 2005

Im Jahr 2005 hatte es nach Angaben der DFG bereits einen ähnlichen Fall gegeben, als die Verleihung des renommierten Preises an eine Frankfurter Kardiologin ausgesetzt werden musste. Die Vorwürfe entpuppten sich als haltlos. Die Forscherin erhielt den Preis Monate später.

Heidelberger Chemiker wird ausgezeichnet

Ein weiterer Baden-Württemberger erhält indes einen Leibniz-Preis, wie die DFG weiter mitteilt: Der 47 Jahre alte Chemiker Joachim Spatz von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wird für seine Forschungen an der Grenze von Materialwissenschaft und Zellbiophysik ausgezeichnet. Spatz ist auch Direktor am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart. Bei seinen Forschungen gehe es um die Haftung und Bindung von Zellen aneinander und auf Oberflächen.