Der jüdische Rapper Cha aus Karlsruhe kennt es, das hässliche Gesicht des Antisemitismus in Deutschland. Auch im Hip-Hop, häufig ein Spiegel der Gesellschaft, ist Judenhass mitunter zu finden.
Der jüdische Rapper Cha aus Karlsruhe kennt es, das hässliche Gesicht des Antisemitismus in Deutschland. Auch im Hip-Hop, häufig ein Spiegel der Gesellschaft, ist Judenhass mitunter zu finden. | Foto: Reinhardt/dpa

Flucht aus dem Dritten Reich

Antisemitismus: Cha aus Karlsruhe rappt über Schicksal seines Großvaters

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In den Flieger Richtung Türkei stieg Mario mit einer „Juice“. Einer Hip-Hop Zeitschrift. Auf dem Cover war eine Rap-Crew aus Amerika, G-Unit. Das weiß er heute noch. Auf den MP3- Player hatte er genug Mucke für die nächsten vierzehn Tage All-inclusive-Urlaub geladen. Jeden Tag am Strand dann Rap auf den Ohren. Sprechgesänge von Vorbildern, denen man mit Block und Stift so einfach nacheifern kann. Marios erster Raptext entstand im Hotelzimmer: Aus Gedanken wurden Wörter, aneinandergereiht auf Papier, aus den Zeilen wurden Rhymes. Holprig, beschränkt – wie die Sicht eines Teenagers eben so ist.

von unserer Mitarbeiterin Linda Roth

Fünfzehn Jahre ist das jetzt her. Den Text hat Mario nicht mehr, aber der Hip-Hop blieb und er wurde sein Ventil. Seine Texte zu Zeitzeugen, die Erinnerungen am Leben halten. Mario ist Jude. In Karlsruhe geboren und aufgewachsen. Ohne den SA-Offizier, der seinen Opa damals gewarnt hatte, gäbe es ihn heute nicht. Die Loyalität zum Freund war dem Offizier wichtiger als die Treue zum Führer.

Der aus Karlsruhe stammende Deutschrapper Cha hat für diesen Artikel die Flucht seines jüdischen Opas in einem Raptext verarbeitet, farblich hervorgehoben in blauer Schrift. Der Großvater floh 1935. Ein Freund bei der SA warnte ihn am Abend zuvor. Die verbotene Liebesbeziehung zu einer Katholikin war aufgeflogen.
Er flüchtete mit zehn Reichsmark in der Tasche von Heidelberg nach Hamburg, weiter nach Bremen, von dort mit dem Schiff nach Montevideo. Vor der Pogromnacht 1938 kamen seine Eltern nach.
1950 gingen Chas Opa und dessen Vater zurück nach Deutschland. Kein Familienmitglied war mehr da. Alle waren von den Nazis deportiert worden. Trotzdem kam die ganze Familie zurück. Der Opa war inzwischen verheiratet und Vater einer kleinen Tochter.

Es klopft an der Tür ,morgen früh wollen sie dich holen‘, vier Jahre später beginnt der Krieg mit dem Überfall auf Polen

Sein Künstlername ist „Cha“, von dem hebräischen Wort „Chassid“ – „der Fromme“, abgeleitet von den Worten „Gnade“ und „Güte“. „In meinen Anfängen nannte ich mich noch ,Chassid‘, aber ich wollte nicht, dass mein Name mit einem ultraorthodoxen Judentum in Verbindung gebracht wird, was ich nicht praktiziere“, sagt Mario.

Rapper Cha kennt Antisemitismus

Dass er Jude ist, darf trotzdem jeder sehen. Den Davidstern an einer silbernen Kette, so groß wie ein Zweieuro-Stück, trägt er über und nicht unter dem Pullover. „Weißt du, ein Freund von mir ist dunkelhäutig, er kann seine Haut nicht abstreifen, um Rassismus aus dem Weg zu gehen“, sagt Mario. Antisemitismus kennt Mario. Er begegnet ihm, aber noch nie beim „Mucke machen“. „Im Hip-Hop ist es egal, ob du Moslem, Christ, Buddhist oder Jude bist“, sagt Mario.

Cha aus Karlsruhe rappt über das Schicksal seines Großvaters im Dritten Reich.
Cha aus Karlsruhe rappt über das Schicksal seines Großvaters im Dritten Reich.

„Hip-Hop ist Vielfalt“, sagt auch Marc Dietrich, der an der Hochschule Magdeburg-Stendal lehrt und sich mit Rassismus im deutschsprachigen Hip-Hop beschäftigt. Über den deutschen Gangstarap und Rap im 21. Jahrhundert hat er Bücher geschrieben hat. Dietrich beschreibt den deutschen Hip-Hop von heute als zunehmend heterogen: Behinderte, Homosexuelle, Frauen rappen. Minderheiten mit eigener Fanbase dank Social Media.

Hässliches Gesicht der Vielfalt

Aber Vielfalt hat auch ein hässliches Gesicht. Ihre Fratze ist homophob, frauenfeindlich, Gewalt verherrlichend. Das sind Standards im Gangstarap. „Antisemitismus bei kommerziell erfolgreichen Deutschrap-Künstlern und Künstlerinnen gab es früher nicht“, sagt Dietrich. Eine rote Linie, deren Übertreten man eigentlich nicht rechtfertigen kann. Weil noch heute senken wir unsere Häupter. Legen Kränze nieder. Mahnmale, Erinnerungen aus Stein, damit wir gedenken und niemals vergessen.

Mit dem Rücken zur Wand, die Hände nach oben, erst brannten die Bücher und dann Synagogen

Kollegah und Farid Bang. Zwei Deutschrapper. Gemeinsam übertraten sie die rote Linie. Kollegah textete und Farid Bang rappte: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Der Track 0815, aus dem die Line ist, findet sich auf ihrem Album „Jung, brutal, gut aussehend 3“. Es erschien 2017. Schon eine Woche davor erreichte es Goldstatus. Es wurde über 200.000 Mal verkauft. Die Käufer Teenager, junge Erwachsene, für die die Rapper Vorbilder sind. Jungs, wie Mario einer war, die ihren Idolen nacheifern, in ihrem Kopf eine Line, die sie gar nicht verstehen.

Erinnerungen an Auschwitz verschwinden

Ein Lehrer postete seine Erfahrungen dazu auf Facebook. Er schrieb seinen Schülern „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ an die Tafel. Seine Schüler wussten sofort, dass der Satz aus dem Track „0815“ ist. Bezeichneten Farid Bang und Kollegah als „krass“, „voll die Maschinen“. Eine Vorstellung von Auschwitzinsassen hatten sie nicht.

Der Lehrer las ihnen eine Stelle aus Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ vor. Sprach mit ihnen über den Massenmord, den die Nazis begingen und zeigte ihnen Bildern von Auschwitzinsassen. Schweigen. Betretenes Schweigen.

Entartetes Leben, erst verschwanden die Wörter, dann verschwanden die Nachbarn, dann verschwanden die Körper

Ein Jahr ist der Skandal um Farid Bang und Kollegah nun her. Beide zählen nach wie vor zu den erfolgreichsten Rappern Deutschlands. „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, schreibt Kollegah auf Instagram unter ein Foto von seinem Echo, den Musikpreis, den er gemeinsam mit Farid Bang für das Album „Jung, brutal gut aussehend 3“ erhielt.

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„Fuck the Media ihr seit nur Opfer von einer scheinheiligen Welt die Jungs haben es verdient“, schreibt einer wörtlich dazu. „Wie ist es so, den Echo zu eliminieren?“ fragt ein anderer und setzt einen lachenden Emoji dahinter. „Was war eig. an den Lines antisemitisch?“ kommentiert einer den Post.

Misstrauen, weil der Feind überall saß, alles zurückgelassen, die Liebe und die Bäckerei in der Altstadt

Keine ausreichende Forschung zu deutscher Rapmusik

„Darin liegt eben das Problem. Die Adressaten nehmen die Raptexte einfach ungefiltert auf“, sagt Mario. „Es ist wichtig, dass Leute, die einen Bildungsauftrag haben, zum Beispiel Lehrer und Sozialarbeiter, Ahnung vom Deutschrap haben und sich informieren. Nur so können sie sich auch mit den Jugendlichen austauschen.“

Aktuelle Statistiken zeigen: Nach wie vor ist Hip-Hop/Rap die Musik, die Jugendliche mit Abstand am meisten hören. Doch welchen Einfluss haben die Texte deutscher Rapper auf deren Weltanschauung und das heranreifende Wertesystem junger Menschen? Die Wissenschaft ist ratlos. In diesem Bereich gebe es ein Forschungsdefizit, sagt der promovierte Soziologe Marc Dietrich. „Es gibt aktuell keine Rezipientenforschung zu deutscher Rapmusik“, erläutert er.

Sein Vater diente im Ersten Weltkrieg als Soldat an der Front, 20 Jahre später waren sie vogelfrei, ihnen wurde alles genommen

Jüdischer Rapper Ben Salomo schmeißt hin und warnt

Ben Salomo, ein bekannter deutscher, jüdisch stämmiger Rapper hat hingeschmissen. Nach über zwanzig Jahren in dem Business. Es ist nicht mehr sein Hip-Hop, der Hip-Hop heute. In einem Interview mit dem „Spiegel“ warnt Salomo vor dem wachsendem Antisemitismus und spricht davon, dass er „Mainstream“ geworden sei. „Hip-Hop ist immer ein Resonanzboden der Gesellschaft. Daran, dass Antisemitismus in Teilen des Deutschrap zu finden ist, zeigt sich, dass es einen gesellschaftlich verwurzelten Antisemitismus gibt“, sagt Dietrich.

Auf Anfrage teilt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) mit: „In der Spruchpraxis der BPjM gibt es Interpreten, die mittels Rap den Nationalsozialismus verherrlichende Texte verbreiten“. Das hässliche Gesicht der Vielfalt – es ist auch rechtsradikal.

Die Heimat, die Freiheit, und Millionen das Leben, es blieben zu wenige über, um davon erzählen

„Der Hip-Hop bildet ab, was gesellschaftlich passiert“, sagt Dietrich. Rap, die Sprache der Auflehnung gegen die da oben und gegeneinander: Worte, das Ventil für die Wut. Harte Beleidigungen, umwoben von einem kreativen ausgefeilten Spiel mit der Sprache – so funktioniert der Battlerap.

Verbaler Schlagabtausch, immer schön in die Fresse. Der Verlierer, der mit dem beschränkten Wortschatz. Die rote Linie sichtbar für jeden. Übertreten von keinem. Raptexte mit antisemitischen oder rechtsradikalen Inhalten gab es früher nicht.

Der Hip-Hop war immer Sprachrohr der Unterdrückten, nie der Unterdrücker. Heute ist er vielfältig. Ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Hipsterrap. Battlerap. Hardcorerap. Gangstarap. Freestylerap. Consciousrap. Eine Nische für jeden, auch für die Deppen. Das ist die Fratze der Vielfalt.

Drama, Trauma, dennoch der Sonne entgegen, er hat überlebt, sechs Wochen auf dem Schiff bis nach Monte Video

Zum Thema Antisemitismus in der deutschen Rap-Szene gibt es auch eine Fernsehreportage des WDR. Diese ist noch bis zum 28. März 2019 hier zu sehen.