Der Wohnblock Ebertstraße von Hermann Alker ist einer der wichtigsten Beiträge zur Moderne der 1920er Jahre in Karlsruhe. Nach 1933 war der Architekt für den NS-Staat tätig. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Dammerstock 7

Architekten arrangierten sich mit dem NS-System

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Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Wer die bahnbrechenden Bauwerke des Gründungsdirektors Walter Gropius sehen will, muss aber nicht nach Dessau reisen. Dammerstock in Karlsruhe ist eine der modernsten Siedlungen des „Neuen Bauens“. Sie entstand vor 90 Jahren unter der künstlerischen Oberleitung von Gropius. Die Serie „100 Jahre Bauhaus – 90 Jahre Dammerstock“ beschreibt die Hintergründe.

Dies ist der siebte und letzte Teil der Serie. Hier geht es zu Folge 6.

Karierreknick für Wilhelm Kreis

Nun ist natürlich die traditionelle Moderne gegenüber dem Neuen Bauen keineswegs minderwertig. Erstere hatte 1933 den Vorteil, dass sie Hitler besser zusagte, als die radikalere Bauhaus-Moderne. Während deren Protagonisten Gropius und Mies van der Rohe (wie in dieser Serie bereits berichtet) mit ihrer Anbiederung an Hitler scheiterten, waren die Vertreter der traditionellen Moderne erfolgreicher. Dabei waren die in den 1920er Jahren teilweise alles andere als rechtsradikal. Wilhelm Kreis, Architekt des heutigen Kaufhauses Karstadt in Karlsruhe und des Schlosshotels Bühlerhöhe bei Bühl, verlor als Stararchitekt der 1920er Jahre 1933 zunächst seine Ämter als Direktor der Kunstakademie Dresden und Reichsvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Er war mit einer „Vierteljüdin“ verheiratet und hatte bevorzugt für jüdische Bauherren gearbeitet. Doch auch er arrangierte sich mit dem NS-System, das seine Architektur schätzte und sich nun zu gerne mit dem international renommierten Kreis schmückte.

Modernist als NS-Architekt

In Karlsruhe führten die Verwerfungen zu geradezu bizarren Architektenbiografien. Hermann Alker, über den Dorothea Roos am KIT eine lesenswerte Dissertation verfasst hat, war in den 1920er Jahren der wohl bedeutendste Vertreter der Moderne in der badischen Landeshauptstadt, brachte es damit aber nicht zu Wohlstand. Weil konservative Kräfte ihm im Wege standen, wurde er 1924 nur zum außerordentlichen Professor an der Technischen Hochschule ernannt, der prestigeträchtige Lehrstuhl, der zudem ein sicheres Einkommen garantierte, blieb ihm verwehrt. In den Jahren 1929 bis 1930 entstand fast gleichzeitig mit der Dammerstock-Siedlung nach Plänen von Alker der Wohnblock Ebertstraße, eines der besten Beispiele des Neuen Bauens in Karlsruhe.

Thingstätte als Sündenfall

Alkers „Sündenfall“ war der Bau der Thingstätte in Heidelberg, eines riesigen Freilichttheaters für 20.000 Menschen, das in den Jahren 1934 und 1935 im Auftrag von Propagandaminister Joseph Goebbels errichtet wurde. Mit Moderne hatte das nichts mehr zu tun. Die Belohnung ließ nicht auf sich warten: 1935 machten die Nazis Alker zum Stadtrat in Durlach, 1937 wurde er Stadtbaurat in München, 1939 erhielt er den ersehnten Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Wegen seiner Verwicklungen in das NS-System wurde er aber bereits 1945 als Professor entlassen. Seine erfolgreiche Karriere war beendet.

Wie das Reichsluftfahrtministerium

Den umgekehrten Weg ging Alkers Schüler Erich Schelling, der nach dem Diplom an der TH Karlsruhe ab 1933 Mitarbeiter in dessen Karlsruher Büro war. Als der Chef nach München wechselte, erhielt Schelling die große Chance. Im Auftrag des Führer-Verlags durfte er das ehemalige Gebäude der Badischen Presse in der Lammstraße, das diese 1934 für das NS-Kampfblatt „Der Führer“ räumen musste, abreißen und in den Jahren 1937 bis 1939 durch einen Neubau ersetzen. Ingrid Ehrhardt sieht in ihrer Dissertation an der Universität Frankfurt über Schelling in diesem Bauwerk „auffallende Parallelen zum Reichsluftfahrtministerium in Berlin“, das Ernst Sagebiel geplant hat. Dieser erste Repräsentationsbau der Nazis (1935) dient heute als Bundesfinanzministerium.

Das BNN-Gebäude in der Karlsruher Lammstraße wurde 1937 bis 1939 von Erich Schelling erbaut. Nach 1945 wandte er sich einer vom Bauhaus geprägte Moderne zu und prägte damit das Bild der Stadt entscheidend mit. | Foto: Ulrich Coenen

Im Dammerstock wird wieder modern gebaut

Nach dem Krieg wurde Schelling entnazifiziert und prägte fortan mit seinen modernen Bauten wie der Schwarzwaldhalle (1953) oder dem Verwaltungsgebäude der LVA Baden (1964) das Bild der Stadt nachhaltig. Sein Verlagsgebäude in der Lammstraße, das heute Sitz der BNN-Lokalredaktion ist, wurde durch eine unabhängige Tageszeitung erfolgreich „demokratisiert“. Auch für die Dammerstock-Siedlung gab es eine glückliche Kehrtwende. Der Karlsruher Architekt Willi van den Kerkhoff plante dort 1949 die Laubenganghäuser, die eine Weiterentwicklung der Formensprache des Neuen Bauens darstellen.

Siegeszug der Moderne

Die traditionelle Moderne tat sich nach ihren Verwicklungen in den Nationalsozialismus schwer und fand in den frühen 1960er Jahren mit der altersbedingten Berufsaufgabe ihrer letzten Protagonisten ihr Ende. Die Bauhaus-Moderne, für die Dammerstock steht, trat den Siegeszug auf der ganzen Welt an.

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