Oberstaatsanwalt Klaus Armbrust
Oberstaatsanwalt Klaus Armbrust hat die Robe abgelegt

Justiz in Karlsruhe

Mord war sein Beruf: Oberstaatsanwalt Armbrust geht nach vier Jahrzehnten in Ruhestand

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In den vergangenen vier Jahrzehnten hat Klaus Armbrust zahlreiche Mörder überführt. Nun geht der Oberstaatsanwalt in den Ruhestand. Mit den BNN sprach der 68-Jährige über seine spektakulärsten Fälle und seine abenteuerliche Zeit als Aufbauhelfer der Justiz in Dresden.

Seine schwarze Robe hat Klaus Armbrust am vergangenen Freitag direkt nach seiner letzten Gerichtsverhandlung als Oberstaatsanwalt in die Mülltonne geworfen. „Die war eigentlich schon seit über einem Jahr komplett hinüber und an einigen Stellen nur notdürftig geflickt“, erzählt der 68-jährige Jurist mit einem Schmunzeln.

Aber für seine letzten Monate im Dienste der Justiz wollte er sich keine 400 Euro teure neue Robe mehr kaufen. Das Dienstzimmer im gut gesicherten Staatsanwaltschafts-Gebäude in der Akademiestraße ist inzwischen ebenfalls schon ausgeräumt, und an seinem letzten Arbeitstag verabschiedet er sich an diesem Freitag von einigen Kollegen.

„Arbeit hat immer sehr viel Freude bereitet“

Weil er in der Corona-Krise auf eine große Abschiedssause verzichten muss, hat Armbrust auch schon einen persönlichen Brief an die Mitarbeiter von Staatsanwaltschaft und Gerichten geschrieben. „Die Arbeit hat mir immer sehr viel Freude bereitet“, sagt Armbrust.

Justizia, das Symbol für Recht und Gerechtigkeit. | Foto: Keystone

Allzu gerne hätte er noch das eine oder andere Jahr drangehängt. Aber das Dienstende mit spätestens 68 Jahren sei im Staatsdienst nun einmal ein „natürlicher Prozess“ und immerhin habe er durch eine Verlängerung der Dienstzeit das Renteneintrittsalter von 65 Jahren schon etwas nach hinten verschoben.
In seinem Brief bezeichnet sich Armbrust auch wegen seiner langjährigen Verbundenheit mit der Fächerstadt selbstironisch als „Sitzungsschlachtross“ der Karlsruher Justizgeschichte.

Bereits 1980 kam der gebürtige Kehler in die Residenz des Rechts und nach zwei Jahren an Amts- und Landgericht blieb er in der Staatsanwaltschaft hängen. „Am interessantesten fand ich die Ermittlung von Tötungsdelikten, weil hier bei allen Beteiligten immer starke Gefühle im Spiel sind, und weil ich hier mit guten Polizisten und Sachverständigen mit viel Aufwand ermitteln konnte“, sagt Armbrust, der knapp ein Vierteljahrhundert als Abteilungsleiter für neun Staatsanwälte zuständig war. Bei Tötungsdelikten mit unbekannten Tätern machte sich Armbrust stets am Tatort ein persönliches Bild der Lage.

„Am schlimmsten war, wenn Kinder getötet wurden“

In seinen fast vier Jahrzehnten bei der Staatsanwaltschaft hat Armbrust viele aufsehenerregende Fälle bearbeitet und im September 2008 beim „Ölschmierer-Prozess“ sogar ein elftägiges Schlusswort des Angeklagten über sich ergehen lassen. Manchmal habe er die Arbeit auch mit nach Hause genommen, so Armbrust, doch dank seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern habe er dort immer recht schnell Ablenkung gefunden.

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Arbeit und Privatleben zu trennen sei in einem Beruf, in dem man täglich mit schweren Verbrechen zu tun hat, eine wichtige Grundvoraussetzung. „Am schlimmsten war es aber jedes Mal, wenn Kinder getötet wurden“, sagt Armbrust. Nach der Ermordung eines siebenjährigen Mädchens in Wolfartsweier sprach er beim Plädoyer am 10. November 2017 nicht von ungefähr von „einem der abscheulichsten Verbrechen, das in den vergangenen Jahren in Karlsruhe verübt wurde“.

Übers richtige Strafmaß müssen Gerichte entscheiden

Für seine Plädoyers war Armbrust in Justizkreisen bekannt. Wissentlich übers Ziel hinausgeschossen sei er trotz seines Hangs zu blumigen Formulierungen aber nie. „Ich habe nur Dinge gefordert, die meiner Meinung nach auch gerechtfertigt waren“, sagt Armbrust. Bei den meisten Verfahren seien die Täter ohnehin bereits vor dem Beginn der Hauptverhandlung zweifelsfrei überführt. Dann müsse das Gericht nur noch über das richtige Strafmaß entscheiden.

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Dass die damals 61 Jahre alte Angeklagte im Mordfall Verena Löbnitz vom Gericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, wurmt Armbrust allerdings immer noch. Bis heute ist er nämlich felsenfest davon überzeugt, dass die 66-jährige Verena Löbnitz am 18. Mai 2017 von ihrer ehemaligen Putzfrau im Schlaf erstochen wurde.

Dieser Fall sei aus „mehreren Gründen sehr außergewöhnlich“ gewesen, hatte Armbrust seinerzeit in seinem Plädoyer betont. Am Ende hätten zahlreiche Mosaiksteinchen aber ein klares Bild ergeben.

Größe bewiesen und bei einem Angeklagten entschuldigt

Einen Fehler will er dem Gericht um den langjährigen Schwurgerichtsvorsitzenden Leonhard Schmidt jedoch nicht unterstellen. Ohnehin arbeiten Gerichte und Staatsanwaltschaft in Karlsruhe nach Armbrusts Einschätzung ausgezeichnet zusammen. Für unfehlbar hat sich Armbrust in all seinen Jahren auf der Anklagebank ebenfalls nie gehalten. Am 18. Oktober 2011 bewies er echte Größe und entschuldigte sich während seines Plädoyers bei einem 41-jährigen Arbeiter aus dem Ostblock für eine ungerechtfertigte Anklage wegen Mordes sowie die damit verbundene siebenmonatige Untersuchungshaft.

„Das war sicherlich ein einmaliger Fall“, so Armbrust über die Ermordung eines türkischen Lastwagenfahrers in einer Bruchsaler Sammelunterkunft. Erst während der aufwendigen Beweisaufnahme hatte sich herausgestellt, dass der jugendliche Mitangeklagte der eigentliche Mörder war. „Das ein 14-jähriger Junge zu einem solch kaltblütigen Mord fähig war, konnte sich zu Anfang niemand vorstellen. Und alles wegen 50 Euro und einem Handy“, erinnert sich Armbrust. Weil der Jugendliche von Beginn an den 41-jährigen Mitbewohner beschuldigte, seien die Ermittler lange Zeit einer falschen Fährte gefolgt.

Fast noch mehr als die spektakulären Fälle beschäftigten Armbrust die eingestellten Verfahren. „Da muss man sehr genau abwägen, ob die bislang gesammelten Ermittlungsergebnisse für eine Verurteilung ausreichen könnten“, so Armbrust. Das mutmaßliche Verbrecher straffrei davon kommen können, widerspreche seinen berufsbedingten Jagdinstinkt.

Spannende Zeit als Aufbauhelfer in Dresden

Als die „spannendste und abenteuerlichste Zeit“ seines Lebens sieht der Familienvater allerdings seine zwei Jahre bei der Staatsanwaltschaft Dresden. Nach der Wiedervereinigung half Armbrust den sächsischen Kollegen beim Neuaufbau der dortigen Justiz.

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„Ich kam dort als Antikommunist und kalter Krieger an und war dann Vorgesetzter von elf ehemaligen Staatsanwälten, die teilweise noch SED-Mitglieder waren und der DDR nachtrauerten“, erzählt Armbrust. „Dazu war die Stadt kaputt, Gewerbe und Industrie lagen am Boden. Selbst telefonieren war kaum möglich und ich habe in einem nicht renovierten Heim für vietnamesische Vertragsarbeiter gewohnt.“

Außerdem seien in der Elbmetropole ein gutes Jahr nach dem Mauerfall immer noch 50.000 sowjetische Soldaten stationiert gewesen. Trotzdem sei die Arbeit sehr zufriedenstellend gewesen und noch heute stehe er mit einigen der damaligen Kollegen in Kontakt. Ein Souvenir aus jener Zeit war die Lenin-Büste, die Armbrust kurz nach Dienstantritt in Dresden aus einem Papierkorb gefischt und in Karlsruhe auf dem Boden seines Büros platziert hatte.

Klaus Armbrust bleibt Vorsitzender des Weißen Rings in Karlsruhe

Komplett aus der Juristerei zurückziehen wird sich Klaus Armbrust übrigens auch nach seiner Pensionierung nicht. Sein Ehrenamt als Leiter der Karlsruher Außenstelle der Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“ wird der Strafrechtsexperte weiterhin beibehalten.

„Verbrechensopfer kommen in der Öffentlichkeit immer wieder zu kurz“, sagt Armbrust. Dazu sei die Leitung der größten Außenstelle in Deutschland immer noch mit viel Arbeit verbunden.

Langweilig wird dem passionierten Ausdauersportler aber auch ohne die tägliche Arbeit nicht. Wann immer er Zeit dafür findet, setzt sich Klaus Armbrust auf sein Fahrrad. Bereits während seiner aktiven Zeit als Staatsanwalt waren mittägliche Trainingsausfahrten ein festes Ritual. Mittlerweile fährt er mit dem Pedelec regelmäßig von Karlsruhe aus auf die Gipfel des Schwarzwalds.

Vielleicht wird Armbrust künftig sogar einen Sonntagabend vor dem Fernseher verbringen und einen Tatort anschauen. In den vergangenen 20 Jahren hat er nämlich weder einen Krimi gelesen noch im TV angeschaut. „Ich habe die Ermittlung von Tötungsdelikten eher selten als belastende Arbeit empfunden“, resümiert Armbrust. „Meistens war das Ganze für mich mehr ein interessanter Zeitvertreib.“