Im barocken Marmorsaal des Karlsruher Schlosses empfingen die Markgrafen und Großherzöge von Baden einst Vertreter des Hochadels (Aufnahme um 1892). Jetzt soll die kriegszerstörte Pracht virtuell wieder erlebbar werden.
Barocker Prunk: Im Marmorsaal des Karlsruher Schlosses empfingen die badischen Großherzöge einst Vertreter des Hochadels (Aufnahme um 1892). Jetzt soll die kriegszerstörte Pracht virtuell wieder erlebbar werden. | Foto: Badisches Landesmuseum

Ab Ostern 2019 im Landesmuseum

Audienz im Marmorsaal des Karlsruher Schlosses – dank Virtual Reality

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Außen hui, innen pfui? Nein, so kann man das nicht sagen. Das Badische Landesmuseum überzeugt durchaus mit Inhalten. Bei großen Sonderschauen – aktuell über Mykene – ebenso wie mit seinen Dauerausstellungen zur Kultur-, Kunst- und Landesgeschichte. Enttäuscht wird nur, wer sich von der barocken Hülle des Karlsruher Schlosses verführen lässt und im Inneren des Gebäudes reich dekorierte Räume erwartet. Denn Putten, Stuck und Spiegelzauber haben sich dort längst verabschiedet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man zwar die historischen Fassaden des zerstörten Schlosses rekonstruiert, dahinter jedoch schmucklose, funktionale Museumsräume geschaffen. Ein Teil des Prunks aus Großherzogs Zeiten soll ab Ostern allerdings wieder aufleben – Virtual Reality macht’s möglich. Der „Verein der Freunde“ schenkt dem Badischen Landesmuseum (BLM) zum 100-jährigen Bestehen eine computergenerierte Rekonstruktion des Marmorsaals.

Die Göttin der Liebe schwebte über dem Marmorsaal

Die badischen Markgrafen und Großherzöge haben im Marmorsaal einst Vertreter des europäischen Hochadels empfangen. Prominent platziert erstreckte sich der barocke Festsaal über zwei Stockwerke im Mittelbau des Karlsruher Schlosses. Er beeindruckte mit reichlich ornamentalem und figürlichem Schmuck. Und über allem schwebte die Göttin der Liebe. Das Deckengemälde, geschaffen von Joseph Melling (1724-1796), zeigte die Aufnahme der Aphrodite in die Götterversammlung des Olymp.

Detail des Deckengemäldes im Marmorsaal im Karlsruher Schloss. Aufnahme von 1944. | Foto: Badisches Landesmuseum

Annette Postel als Tulpenmädchen

Am Originalschauplatz und ausgestattet mit einer Virtual-Reality-Brille können sich künftig Museumsbesucher jeden Standes zur Audienz begeben. Begrüßt werden sie zwar nicht von einer leibhaftigen Fürstin, aber immerhin von Annette Postel. Die Entertainerin ist, so berichtet Jürgen Menzel vom Vorstand der Freunde des Badischen Landesmuseums, für das Projekt in die Rolle eines  „Tulpenmädchens“ geschlüpft. Als Barockdame plaudert sie aus dem Nähkästchen. Was durchaus zum Motiv des Deckengemäldes passen dürfte…

Die „Tulpenmädchen“ haben einen festen Platz im Karlsruher Legendenschatz. Die blumige Bezeichnung täuscht. Bei den jungen Damen handelte es sich in Wirklichkeit um Sängerinnen, die am Hofe des Stadtgründers auftraten. Zu etlichen von ihnen unterhielt der lebenslustige Markgraf Karl Wilhelm intime Beziehungen.

Den Marmorsaal mit Hilfe alter Fotos rekonstruiert

Doch es geht nicht um bloße Unterhaltung. Für die virtuelle Rekonstruktion des Karlsruher Marmorsaals wurden zahlreiche historische Fotografien nach Angaben aus zeitgenössischen Berichten und Inventarlisten koloriert. So entstehe ein originalgetreues Bild des einstigen Marmorsaals, sagt Menzel. Und er werde nicht nur als Festsaal, sondern auch als Ruine und als Museumsraum der Nachkriegszeit zu sehen sein. Realisiert wird das Ganze vom Darmstädter Studio Faber Courtial, das sich auf die virtuelle Animation geschichtlicher Ereignisse und Bauwerke spezialisiert hat.

Kontrastprogramm im Stil der 50er Jahre: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ehemalige Marmorsaal modern-funktional für Museumszwecke wieder errichtet. | Foto: Badisches Landesmuseum

Die Audienz im Schloss kostet 80.000 Euro

Etwa fünf Minuten soll die Zeitreise dauern. Doch der Aufwand ist groß und hat seinen Preis. Rund 80.000 Euro werde die „Audienz im Schloss“ die Freunde des Badischen Landesmuseums kosten, verrät Jürgen Menzel. Ein Betrag, der auch für einen Verein, dem rund 800 Privatpersonen und Unternehmen angehören, kein Klacks ist. Doch wahre Freunde („Es dürften gerne noch mehr sein“, sagt Menzel) lassen sich bei einem 100. Geburtstag eben nicht lumpen.

Der seit 1985 bestehende Verein unterstützt das Landesmuseum allerdings auch, wenn kein Jubiläum ansteht. Unter anderem bei Ankäufen, Forschungsvorhaben und der Kulturvermittlung. Das Museum wiederum bedankt sich bei den „Freunden“ etwa mit Previews zu Sonderausstellungen und ganzjährig freiem Eintritt.

Gründung des Landesmuseums vor 100 Jahren

Als das Badische Landesmuseum vor 100 Jahren entstand, hatte der Marmorsaal schon einige Zeit keine hochadeligen Besucher mehr gesehen. Denn die badische Regierung gründete das Museum am 21. November 1919 – ziemlich genau ein Jahr nach der Abdankung von Großherzog Friedrich II.

Ausstellung in herrschaftlich ausgestatteten Räumen

Das Landesmuseum zog ins ehemalige Residenzschloss ein. Es sollte die seit dem 16. Jahrhundert zusammengetragenen markgräflichen und großherzoglichen Sammlungen für Altertumskunde betreuen. Dazu gehörten antike Stücke aus dem Mittelmeerraum sowie „vaterländische Altertümer“. Hinzu kamen die Sammlungen für Völkerkunde und badische Volkskunde sowie diejenigen des Kunstgewerbemuseums. Später wurden zudem die „Karlsruher Türkenbeute“ und das Münzkabinett eingegliedert. Bewundern durfte die Bevölkerung die Schausammlungen in damals noch herrschaftlich ausgestatteten Räumen. Bis das Museum am 1. Dezember 1939 kriegsbedingt seine Türen schloss.

Archäologie-Schau vor dem Zweiten Weltkrieg: In den damals noch herrschaftlich ausgestatteten Räumen präsentierte das Badische Landesmuseum antike Keramik und Objekte aus der badischen Frühgeschichte. | Foto: Badisches Landesmuseum

Das Schloss brennt

Die Evakuierung der Museumsobjekte lief zögerlich an. Nachdruck kam in die Sache erst, als bei einem Luftangriff am 24./25. April 1944 die ehemalige Schlosskirche brannte. Die Bestände lagerte man ins Gefängnis Pfullendorf, in die Schlösser in Salem, Langenstein und Baden-Baden sowie ins Salzbergwerk Heilbronn aus. Nicht Transportables wanderte in die Museumskeller. Zum Glück, denn am 27. September 1944 brannte bei einem Angriff das Schloss bis auf die Außenmauern nieder. Für das Deckengemälde im Marmorsaal gab es keine Rettung.

Neues, funktionales Innenleben

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg zog sich hin. 1959 gab es eine Teil-Eröffnung des Landesmuseums im rekonstruierten Mitteltrakt. Erst 1966 feierte das BLM den Einzug ins vollends wieder aufgebaute Karlsruher Schoss mit seinem funktionalen Innenleben.

In die Jahre gekommen

Inzwischen sind die Museumsräume, damals topmodern, allerdings gewaltig in die Jahre gekommen. Eine Generalsanierung steht an – und wenn alles gut läuft, so meint BLM-Direktor Eckart Köhne, könnte es 2023/24 losgehen.

Die Zukunft beginnt mit der Archäologie

In die Zukunft starten will das Landesmuseums allerdings schon im Jahr des 100-jährigen Bestehens. Als Pilotprojekt eines radikal neuen Museumskonzepts, mit dem Köhne und sein Team Besucher zu „Nutzern“ machen wollen, geht am 13./14. Juli die neue Dauerausstellung „Archäologie in Baden – Expothek¹“ in Betrieb. Wo jetzt noch eine Baustelle ist, sollen die Nutzer dann Objekte aus der Ur- und Frühgeschichte hautnah erleben, manche gar in die Hand nehmen können.

Archäologie-Schau der Zukunft im Badischen Landesmuseum: In der Dauerausstellung „Archäologie in Baden – Expothek¹“ soll man ab 13./14. Juli 2019 die Objekte hautnah und mit digitalen Anwendungen erleben können. | Foto: Visualisierung Atelier Brückner

Roboterarm und VR-Brille

Ausgerüstet mit Smartphones können sie die neue Expothek erkunden. Oder an interaktiven Medientischen Lieblingsobjekte auswählen. Oder zusehen, wie ein Roboterarm live und in 3D Museumsstücke scannt, die dann für eigene Recherchen zur Verfügung stehen. Der Knüller kommt am Ende, im „ExpoLab“: Rund um Original-Objekte herum sollen sich dort Lebenswelten entwickeln, die die Besucher – pardon: die Nutzer – in Geschichten lange vor unserer Zeit versetzen. Virtual-Reality-Brillen machen es möglich. Und die kennen Neugierige dann ja schon vom Marmorsaal …