Den Umgang mit Videokamera, Greenscreen und Schnittprogramm lernen Schüler an der Ernst-Reuter-Schule auch in Eigeninitiative.
Den Umgang mit Videokamera, Greenscreen und Schnittprogramm lernen Schüler an der Ernst-Reuter-Schule auch in Eigeninitiative. | Foto: pr

Videokompetenz bei Schülern

Auf dem Greenscreen mit Wladimir Putin

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YouTube, Snapchat, Musical.ly – Jugendliche nutzen nicht nur in Sozialen Medien zunehmend Videos, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Videospiele imitieren täuschend echt die Realität. Neueste Technologien machen es sogar möglich, die Mimik von Politikern in Videos täuschend echt zu manipulieren. Doch wie lernen Jugendliche, mit dieser neuen Medienwelt umzugehen? In Karlsruhe gibt es verschiedene Angebote.

Durch die Teilnahme am „Film & Vision Schulcontest“ der Jugendstiftung der Sparkasse Karlsruhe gemeinsam mit dem Filmboard etwa ist am Goethe-Gymnasium die Kunst- und Film-AG entstanden. „Jedes Jahr wird durch die Stiftung ein großes Filmprojekt an Gymnasien gefördert“, erklärt Lehrerin Daniela Fleck-Herko.

Videodreh mit Spiegelreflex und Stativ

Die notwendige Ausstattung, etwa eine videofähige Spiegelreflexkamera, Stativ und Tonangel sowie einen Schnittcomputer samt Schnittprogramm wurde unter anderem durch den Förderverein der Schule finanziert. Zudem habe sie im Rahmen eines Projekts der Koobo (Kooperative Berufsorientierung) Film-Experten der Werkstattschule Heidelberg für ihre AG gewinnen können, etwa Regisseur und Maskenbildner, die den Schülern geholfen hätten.

Außerhalb von schulischen Strukturen hätten die Kinder und Jugendlichen dann aber nicht mehr so viele Anknüpfungspunkte, um ihr Interesse am Filmemachen ausleben zu können. „Ich habe schon Schwierigkeiten, in der AG alle in ihrem Interessenbereich zu beschäftigen“, so Fleck-Herko. In der AG liegt von Plot und Drehbuch über Schauspiel, Kamera und Schnitt bis hin zu Spezialeffekten alles in Schülerhand.

Stop-Motion im Jubez und Spielfilm-AG am „Goethe“

„Schauspiel interessiert die wenigsten“, sagt die Lehrerin. Meistens seien die Schüler vor allem an der Technik interessiert, etwa den Kameraeinstellungen oder daran, wie man mit filmischen Mitteln bestimmte Effekte erziele.

Im Jubez gibt es immer freitags ein offenes Angebot zwischen 14.30 und 17.30 Uhr, zu dem man einfach vorbeikommen kann. Hard- und Software stehen zur Verfügung, außerdem Studenten der HfG für Fragen, erklärt Anna Schreier. „Da ist bei uns immer die Hölle los“, sagt sie, „wir müssen oft sogar Kinder wieder wegschicken.“ Im Jubez können die Kinder etwa Stop-Motion-Trickfilme mit Knete machen, Hörspiele produzieren oder mit der visuellen Programmiersprache Scratch eigene Spiele erfinden.

„Let’s Plays“ auf Youtube begeistern die Jugendlichen

Im Jubez finden außerdem in Zusammenarbeit mit Schulen verschiedene Projekte zur Medienkompetenz statt. „Wir arbeiten immer mit Storyboards und besprechen filmische Grundlagen“, erklärt Schreier. Fake-Videos würden ebenfalls thematisiert. „Zum Beispiel erklären wir, wie man mit der Rückwärtssuche für Fotos und Videos bei Google Fälschungen erkennen kann.“

Ganz großes Thema seien natürlich auch die sogenannte „Let’s Plays“, also Videos, in denen Computerspiele vorgeführt und kommentiert werden, etwa auf YouTube. Eine Anlaufstelle in Karlsruhe sei da auch die Computerspielschule des Stadtjugendausschusses, erklärt Schreier.

Filmsprache lernen wie Lesen und Schreiben

Andreas Stiglmayer gehen solche Angebote noch nicht weit genug. „Nicht nur die Technik müsste vermittelt werden“, sagt der freiberufliche Filmemacher, der auch an Projekten der Schulentwicklung arbeitet. „Filmsprache sollte gelernt werden wie Lesen und Schreiben“, findet er. Dreh, Schnitt und Präsentieren seien heute wichtige Kulturtechniken, um sich auszudrücken und gesellschaftliche Prozesse anzustoßen.

„Man kann zwar heute die Geräte alle günstig kaufen, aber man lernt nicht, diese Sprache wirklich zu sprechen“, meint er. Die Manipulierbarkeit durch Schnitt, Montage und Effekte werde erst wirklich bewusst, wenn man sich selbst mit der Produktion von Videoinhalten befasse. „Es ist wichtig, den Sinn und Zweck dieses Mediums in der Gesellschaft zu begreifen.“ Deshalb müsse Medienpädagogik noch stärker Eingang in die Lehrpläne finden.

Auf Erklärvideos setzt die Ernst-Reuter-Schule bei der Stoffvermittlung. Dabei liegt deren Produktion in Hand der Schüler. An dieser Karlsruher Schule gibt es einen fest angelegten Videoraum.
Auf Erklärvideos setzt die Ernst-Reuter-Schule bei der Stoffvermittlung. Dabei liegt deren Produktion in Hand der Schüler. An dieser Karlsruher Schule gibt es einen fest angelegten Videoraum. | Foto: pr

Medienbildung hat sich die Ernst-Reuter-Schule ganz groß auf die Fahnen geschrieben. „Als wir vor drei Jahren zur Gemeinschaftsschule wurden, wollten wir uns ein besonderes Profil geben“, erklärt Dominik König-Kurowski, der dort ein preisgekröntes Konzept ins Leben gerufen hat: Erklärvideos von und für Schüler sind in vielen Bereichen des Schulalltags präsent.

Schüler produzieren Erklärvideos für Schüler

Er entwickelte das Prinzip des „Flipped Classroom“ weiter: Es beruht darauf, dass Schüler sich anhand von Erklärvideos den Unterrichtsstoff bereits zu Hause erarbeiten und dann in der Schule gemeinsam mit dem Lehrer an die Umsetzung des Gelernten gehen. „Unsere Idee war, das Ganze nochmal zu ,flippen‘“, erklärt König-Kurowski: Die Produktion der Erklärvideos wurde in Schülerhand gelegt. „Wenn ich jemand anderem etwas erklären will, muss ich es zuerst selbst durchdrungen haben“, begründet König-Kurowski die Methode.

Schüler, die neu an die Schule kommen, bekommen zum Beispiel nicht nur ein ausgedrucktes Info-Blatt, sondern auch einen Link zum Vimeo-Videokanal der Schule, wo etwa das Verhalten bei Feueralarm oder der Weg zur Schulmensa im Video erklärt wird. Ein anderes Projekt holte einmal Expertenwissen an die Schule, indem per Videointerview etwa Sparkassenvertreter zu Finanzthemen sprachen.

Wir wissen nicht, was in Zukunft wichtig sein wird

„Jetzt im dritten Jahr haben wir auch einen fest angelegten Videoraum, den ,Maker’s Space‘, mit Greenscreen, Schnittrechner, 3-D-Drucker, Modellierknete und allem, was man für die kreative Videoerstellung braucht“, so König-Kurowski. Den Raum dürfen die Schüler auch in ihrer freien Zeit nutzen, angeleitet durch entsprechend ausgebildete Schülermedienmentoren. Ein solches Modell sei im Ganztagesbetrieb gut umsetzbar, an anderen Schulformen sei das sicher schwieriger, räumt er ein.

Wichtig sei die Beschäftigung mit dem Thema dennoch: „Wir sind in einer Zeit angekommen, in der wir nicht mehr wissen, welches Wissen in Zukunft einmal wichtig sein wird.“ Sicher sei, dass Kompetenzen wie Kreativität, Kommunikation, kollaboratives Arbeiten und kritisches Denken gefragt sein werden. „Alle diese Dinge sind bei der Videoerstellung gut vermittelbar“, so König-Kurowski.

Manipulation in Videos erkennen

Die Manipulierbarkeit von Videos etwa: „Man kann eine lange Unterrichtseinheit zum Thema Fake News halten. Eine viel bessere Wirkung hat es aber, wenn man den Schülern am Greenscreen zeigt, wie man innerhalb von zwei Minuten sich selbst neben Vladimir Putin stellen kann, und es sieht total echt aus.“ Eine wichtige Aufgabe der Schule werde künftig sein, zu zeigen, wie manipulierbar die „Realität“ ist und wie man mit Informationen umzugehen hat.

Das Klassenzimmer werde aber auch in Zukunft Bestand haben, meint König-Kurowski. „Das Video ist nur eine Facette von Lernen. Es kann die direkte Ansprache des Lehrers vor der Klasse niemals ersetzen.“