Die roten Kreuze aus Buntsandstein werden jeden November von Steinmetz Sven Münchgesang gereinigt. Am kommenden Sonntag wird auf den Kriegsgräberfeldern des Hauptfriedhofs anlässlich des Volkstrauertages wieder der Opfer von Krieg und Gewaltregimes gedacht. | Foto: Kinkel

Vor dem Volkstrauertag

Steinmetz reinigt Tausende Kriegsgräber auf dem Karlsruher Hauptfriedhof

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Steinmetz Sven Münchgesang reinigt vor dem Volkstrauertag am 17. November Tausende Kriegsgräber auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Laut Münchgesang eine „echte Knochenarbeit“. Matthäus Vogel, dem Leiter des Friedhofsamts, ist vor allem das gemeinsame Mahnen wichtig.

Eimer und Pinsel sind Anfang November die beiden wichtigsten Arbeitsutensilien von Sven Münchgesang. In den Eimer füllt der Steinmetz in Diensten des Karlsruher Friedhofs- und Bestattungsamts ein spezielles Algenlösungsmittel zur Behandlung von Natursteinen. Mit dem Pinsel verteilt er die flüssige chemische Keule dann auf den roten Buntsandsteinkreuzen der Kriegsgräberfelder des Karlsruher Hauptfriedhofs.

Das ist eine echte Knochenarbeit und abends tun mir Beine und Arme gleichermaßen weh.

Steinmetz Sven Münchgesang

„Das ist eine echte Knochenarbeit und abends tun mir Beine und Arme gleichermaßen weh. Aber so bleibe ich wenigstens fit“, sagt Münchgesang mit einem Schmunzeln. Etwa 2000 Grabsteine kann er in zehn Arbeitstagen mit dem Lösungsmittel einpinseln. Das bedeutet 2000 Mal in die Knie gehen, eine Minute in der Hocke bleiben und 2000 Mal wieder aufstehen. Zumindest auf Bürste und Schrubber kann Münchgesang beim herbstlichen Großreinemachen mittlerweile verzichten. „Das Lösungsmittel wirkt recht schnell und den Rest erledigt dann der Regen“, sagt der Experte.

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Dicke Moosschicht

Als er vor vier Jahren zum Friedhofsamt kam, sah die Sache allerdings noch anders aus. Weil die rund 3000 Kriegsgräber bis dahin nur sporadisch vom Schmutz befreit wurden, waren zahlreiche Grabmale von einer dicken Moosschicht überzogen. Das Lösungsmittel musste deshalb mehrfach aufgetragen werden und bei besonders hartnäckigen Fällen rückte Münchgesang dem Moos mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe. „Inzwischen sind die Kriegsgräber das ganze Jahr über sauber. Wenn sie ein Jahr nicht gereinigt werden, nimmt das Moos aber sofort wieder überhand“, sagt Münchgesang.

Das gemeinsame Mahnen ist sehr wichtig, denn eigentlich sollte nirgendwo auf der Welt mehr Krieg geführt werden.

Friedhofsamtsleiter Matthäus Vogel

Für Friedhofsamtsleiter Matthäus Vogel ist die herbstliche Instandsetzung des Hauptfriedhofs ein Fixtermin im Jahreskalender. Außerdem sei das Reinigen der Kriegsgräber eine „schöne Geste“ vor dem Volkstrauertag, der seit 1952 immer genau zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag begangen wird und in diesem Jahr auf den 17. November fällt. Am Volkstrauertag wird in ganz Deutschland den Opfern von Krieg und Gewalt gedacht. „Das gemeinsame Mahnen ist sehr wichtig, denn eigentlich sollte nirgendwo auf der Welt mehr Krieg geführt werden“, sagt Vogel.

Kriegsgräuel spürbar

Auf dem Karlsruher Hauptfriedhof werden die Gräuel von Krieg und Gewalt bei einem Rundgang über die verschiedenen Gräberfelder schnell spürbar. Bereits kurz hinter dem Haupteingang befinden sich die Gräber von Opfern der Fliegerangriffe während des Zweiten Weltkriegs. Schwarze Grabmäler aus Diabas erinnern nur wenige Schritte davon entfernt an die 120 Besucher des Zirkus Hagenbeck, die meisten davon Kinder, die bei einem französischen Fliegerangriff am 22. Juni 1916 ums Leben kamen. Zentraler Ort der Erinnerungskultur ist die Kriegsgrabstätte bei der kleinen Kapelle.

Bei der täglichen Arbeit wird mir immer wieder klar, wie wichtig den Menschen ein ordentliches Umfeld für ihre persönliche Trauer ist.

Steinmetz Sven Münchgesang

Trotz der körperlichen Belastung gehört die jährliche Reinigungsaktion für Münchgesang zu seinen wichtigsten Tätigkeiten auf dem Hauptfriedhof. „Bei der täglichen Arbeit wird mir immer wieder klar, wie wichtig den Menschen ein ordentliches Umfeld für ihre persönliche Trauer ist“, sagt Münchgesang und fügt noch hinzu: „Und wenn man einmal 3000 Grabmale von Hand gereinigt hat, kann man die große Zahl der Familien, über die der Krieg so viel Leid gebracht hat, viel besser begreifen.“