Bettina Lisbach
GUTE AUSSICHT: Bettina Lisbach freut sich nicht nur über ihr Ankommen in der obersten Rathausetage, sondern auch über die Perspektiven, die Karlsruhe mittels einer konsequenten Klimapolitik haben kann. | Foto: jodo

Bürgermeisterin Lisbach

Auf die Grüne kommt viel an

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Sie ist eine Schlüsselfigur für Karlsruhes Zukunft. Alle Welt spricht jetzt vom Klima: Aufgeheizt ist die Atmosphäre. Der Temperaturanstieg lässt die Gletscher schmelzen und die Karlsruher schwitzen. Freitags wird demonstriert, die Grünen gewinnen die Wahlen – und Bettina Lisbach macht jetzt die Klimapolitik im Rathaus. Vielen Zeitgenossen schien das Umweltressort nur ein Nebenposten auf der Bürgermeisterriege zu sein. Damit wollte man die Grünen versorgen und neutralisieren.

Nun aber beschäftigen sich die Medien und die Menschen vorrangig mit Erderwärmung und Treibhausgas. In der Waldstadt sterben die Bäume. In allen Stadtteilen laufen die Einheimischen Sturm gegen die Nachverdichtung für mehr Wohnraum. Die Neuversiegelung des Marktplatzes bringt Leute aus allen Generationen und jeder Partei auf die Palme. Auch dort wollen sie ihr Karlsruhe grün haben. Klimaschutz ist das Thema der Stunde. Bei jeder kommunalen Entscheidung kommt es also nun ganz besonders auf die Umweltpolitik und damit auf die grüne Bürgermeisterin an.

Wir müssen mehr machen

Bettina Lisbach ist in der Fächerstadt geboren. Jetzt ist sie dort im Zentrum der Macht angekommen. Auch wenn es diese Grüne aus Überzeugung nicht auf eine politische Karriere angelegt hat: Über Stuttgart, wo sie zwei Jahre im Landtag saß, hat sie den Sprung vom Gemeinderatsparkett, vor rund 150 Tagen auf die Bürgermeisterbank geschafft.

Dabei ist Lisbach in Karlsruhe ein Begriff für grüne Qualität, zwölf Jahre hat sie im Bürgersaal die Öko-Fraktion gestärkt, davon acht Jahre als deren Sprecherin. Dabei klopft diese Frau keine Sprüche wie der Tübinger Boris Palmer oder erklärt die grüne Welt wie Landespapa Winfried Kretschmann.

Bettina Lisbach
KEINE SPRECHBLASEN und Schnellschüsse lässt die grüne Bürgermeisterin los. Sie pflegt abwägendes Nachdenken und präzise Formulierungen. | Foto: jodo

Sie ist keine Agitatorin, aber auch keine ohnmächtige Kämpferin im stillen Kämmerlein. Lisbach ist vorsichtig. Sie vermeidet Superlative, sie will differenzieren ohne zu relativieren. Sie formuliert nicht plakativ, aber auch nicht wachsweich, sondern präzise. Immer vermittelt sie Kompetenz, wenn es um Umweltschutz und Stadtplanung geht. Diese Frau weiß, was sie sagt.

Bettina Lisbach haut nicht auf den Tisch, mag man sie auch noch so aus der Reserve locken wollen. „Aber ich werde am 10. Juli, wenn ich das Klimaschutzkonzept und den Hitzeplan in der Bürgermeisterkonferenz vorstelle, deutlich sagen, dass wir mehr machen müssen.“ Dem Klimaschutz gebühre „höchste Priorität“, mehr Geld auch für Personal fordert sie.

Eine Chance gibt es immer

Die Frau aus der Umweltbewegung ist 1998 zu den Grünen gegangen. Dort fühlt sie sich auch heute aufgehoben. „Wir können nicht die ganze Welt retten, aber wir können viel für Karlsruhe tun“, meint sie. Wenn man in der Fächerstadt aufs Tempo drücke, wirke dies auch nach außen.

Überhaupt bleibt Lisbach trotz aller Katastrophenszenarien optimistisch. „Das ist mein Naturell.“ Sich ihrer selbst sicher lächelt sie: „Eine Chance gibt es immer.“ So sieht die 54-Jährige Geoökologin, Landespflegerin, Software-Entwicklerin für Verkehrssteuerung und jetzt Berufspolitikerin mit grünem Herzen stets die Hoffnung in der Welt. Dieses Prinzip treibt sie an. „Wir müssen das Tempo der Klimaschutzpolitik erhöhen, dann können wir den Temperaturanstieg noch drosseln“, meint Lisbach.

Solaroffensive

Vier Karlsruher Ansätze bringt die grüne Dezernentin ein: Lisbach geht in die „Solaroffensive“. Nur vier Prozent der Dächer in der Fächerstadt seien zum Gewinn der Sonnenenergie genutzt, „dabei ist Karlsruhe dafür prädestiniert“. Auch bei der energetischen Sanierung der Gebäude müsse die Stadt als Vorreiter einen großen Sprung machen.

Dagegen setzt sie hinter die in Regie der Stadtwerke stark expandierende Fernwärme ein dickes Fragezeichen. Gelte es doch, durch den bundesweiten Kohleausstieg bis 2030 das Verbrennen fossiler Stoffe drastisch zu verringern. Ziel der Grünen bleibe neben dem Einhalten des Pariser Klimaabkommens und dem Stilllegen der zwei EnBW-Kohlekraftwerke an der Rheinhafeneinfahrt eben auch die drastische Verringerung des Autoverkehrs – was zu „Umstellungen“ bei der Knielinger MiRO-Raffinerie führe. Kraftwerke und Raffinerie liefern die Karlsruher Fernwärme.

Kind der Oststadt

In Karlsruhe wird Lisbach 1964 geboren. Sie ist ein Kind der Oststadt. Bettina wohnt an der Ecke von Kornblumen- und Parkstraße. In der Tullastraße wird sie eingeschult. Dann zieht die Familie nach Bad Bergzabern. „Mein Vater stammt von dort – ich bin halbe Pfälzerin“. Zum ersten Studium zieht es die junge Frau mit schon damals großem Interesse am Umweltschutz 1984 ins schwäbische Nürtingen. Der Berufsweg verschlägt sie nicht von ungefähr 1989 in das Technologiezentrum Karlsruhe – und die Stadt ihrer Kindheit wird ihr Zuhause.

Heute lebt sie mit Partner in einem Rintheimer Gartenhaus. Dort genießt sie die grüne Stadtnähe und versteht umso mehr die Menschen, die gegen die Nachverdichtung auf Kosten ihrer Gärten rebellieren. Auch wenn sie die Notwendigkeit, „sinnvoll nachzuverdichten“, sieht. Schließlich will die Grüne fast ausnahmslos keinen Flächenfraß mehr am Stadtrand für Neubaugebiete zulassen. Doch dürfe nicht auf die Frischluftschneisen verzichtet und keinesfalls auf Kosten des Kleinklimas das letzte Grün versiegelt werden, bekräftigt sie.

Der Naturmensch Lisbach joggt und radelt, wandert und gärtnert, soweit es der Job in der Rathausspitze erlaubt. Die grüne Bürgermeisterin trägt nicht nur die Verantwortung für Klima- und Umweltschutz, sondern auch für das Städtische Klinikum, für die Friedhöfe und die Feuerwehr. Und eigentlich schon wieder grüne Kernaufgaben der Stadtpolitik: für den Wald und mittels Gartenbauamt auch für das Grün und das Wasser im öffentlichen Raum.

Schön und anspruchsvoll

„Ein Auto hab ich nie besessen.“ Und jetzt erspart sie sich auch noch die Zugfahrt nach Stuttgart. Nach einer Viertelstunde kommt sie per Rad von Rintheim „pünktlich um 9 Uhr“ im Rathaus an. Und sie freut sich, wenn sie etwas zu ihrer politischen Arbeit in Sichtweite des Kirchturms am Marktplatz sagen soll. „Es ist schön und anspruchsvoll“ – mehr Worte will sie nicht machen. Die Freude steht ihr mehr ins Gesicht geschrieben.

Und so ist Bettina Lisbach auch nicht bange, wenn sie nach dem Zustand Karlsruhes im Klimazieljahr 2030 gefragt wird. Hat ja Karlsruhes erste grüne Bürgermeisterin dann vielleicht ein ganzes Dutzend Jahre versucht, an der Klimauhr im Rathaus, in der Stadt und somit auch in der Welt zu drehen. „Einige E-Autos fahren dann noch“, meint sie. Ganz wenige Diesel nur noch als Oldtimer.

Radfahrer und Fußgänger sowie ein nochmals stark ausgebauter Öffentlicher Nahverkehr bestimmen das Stadtbild. Die einst von Lisbach vehement abgelehnte U-Strab rollt längst. Und ein nach Lisbachs Vorstellungen verbessertes Karlsruhe macht das Beste aus dem Untergrundbetrieb.

Marktplatz könnte grüner sein

Es wachsen auch noch Bäume, selbst in der Waldstadt. „Aber welche Baumarten dann gepflanzt werden“, da will sich Lisbach heute nicht festlegen. „Wir sollten keine aktive Wachstumspolitik mehr betreiben“, meint Lisbach. Die Stadt könne nicht immer weiter wachsen. Man müsse auch nicht dauernd und überall für Karlsruhe auf die Werbetrommel schlagen – da sei sich die Bürgermeisterrunde nicht ganz einig, räumt sie ein.

Auch wenn sie natürlich alle Gemeinderatsbeschlüsse mittrage und keine Alleingänge anstrebe, bekennt Lisbach, dass sie sich persönlich den neuen Marktplatz mit Grün und mehr Wasser vorstellen könne, als er jetzt gestaltet wird. Was nicht ist, könne aber noch werden. Die Pragmatikerin hält eben auch einen positiven Klimawandel im und vor dem Rathaus der Weinbrennerstadt für noch gut möglich.