Wenn Rolf Fluhrer Ende des Monats in den Ruhestand geht, übernimmt Isabel Kasalo die Organisation der Kinderspielstadt Karlopolis.
Wenn Rolf Fluhrer Ende des Monats in den Ruhestand geht, übernimmt Isabel Kasalo die Organisation der Kinderspielstadt Karlopolis. | Foto: jodo

Rolf Fluhrer

Auf Du und Du mit den Rockstars: „Mr. Fest“ geht in Rente

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Für viele ist er immer noch „Mr. Fest“ – auch wenn die Organisation des Open-Air-Festivals in der Günther-Klotz-Anlage längst nicht mehr in seinen Händen liegt. Immerhin kümmerte sich Rolf Fluhrer über 20 Jahre um das liebste Festival der Karlsruher, buchte die Künstler, war mit deren Agenten auf Du und Du. Glück hat jeder, der sich mit ihm auf einen Kaffee treffen und seinen Anekdoten lauschen darf.

„Klar zähle ich die Tage“, sagt Fluhrer und lacht. In seinem Büro beim Stadtjugendausschuss hängt der Kalender, der ihm jeden Tag sagt: Ende April ist Schluss. Das „Fest“-Urgestein geht in den Ruhestand.

„Das ist okay“, sagt Fluhrer, der bald 65 wird. In den vergangenen Jahren hat er die Karlsruher Kinderspielstadt „Karlopolis“ groß gemacht. Das Projekt, das einst aus dem 300. Stadtgeburtstag hervorging, liegt ihm sehr am Herzen.

In der Kneipe mit Rio Reiser

Und dennoch: Als Highlight seines Berufslebens bezeichnet er das Fest. „Das muss ich doch sagen, oder?“, sagt Fluhrer und lacht. Entspannt lehnt er sich zurück, rührt in seinem grünen Tee – und erinnert sich. An Rio Reiser zum Beispiel. Den Sänger hatte der Stadtjugendausschuss Ende der 80er Jahre eingeladen. „Es ging um eine Fortbildung zum Thema Musik“, sagt Fluhrer.

Klar zähle ich die Tage.

Reiser reiste damals etwas früher in Karlsruhe an – was Fluhrer ein exklusives Erlebnis bescherte. Stundenlang lauschte er in einer Knielinger Kneipe den Geschichten aus Rio Reisers Leben.

Aber nicht alle Rockstars waren so nett wie Rio Reiser – Van Morrison etwa. „Es war schwierig, ihn für das Fest zu buchen“, erinnert sich Fluhrer. Als dieser „kleine Mann“ damals im Juli 2002 in der Günther-Klotz-Anlage vorfuhr, sei er „fürchterlich mies gelaunt“ gewesen. Nichts sei ihm recht gewesen: „Das Hotel, der Chauffeur, der Backstage-Bereich“, zählt Fluhrer auf.

Schnitzel für Van Morrison

Auch das Catering lehnte der Sänger ab, verspürte aber gegen 14 Uhr den dringenden Wunsch nach einem warmen Mittagessen. „Was in Karlsruhe um diese Uhrzeit schwierig ist“, sagt Fluhrer augenzwinkernd. Um Zeit bei der Suche nach einem geeigneten Restaurant zu haben, schickte Fluhrer Van Morrisons Fahrer von einem Ende der Stadt zum anderen.

Während also der Musiker in den Rheinhafen und nach Durlach kutschiert wurde, telefonierte sich Fluhrers Team die Finger wund – bis sich schließlich das ehemalige Restaurant „Kaktus“ bereit erklärte, für den Rockstar Schnitzel und Pommes zuzubereiten. Die Show sei am Ende dann ganz gut gewesen, erinnert sich Fluhrer – „aber leider ein bisschen zu leise“.

Wäschewaschen im Backstage-Bereich

Und auch sonst weiß der Weingartener Fluhrer nette Geschichten zu erzählen – wie die des Sängers Jovanotti, der zu seinem „Fest“-Auftritt 1999 seine ganze Familie mitbrachte. „Seine Mutter hat im Backstage-Bereich die Wäsche gewaschen“, erinnert sich Fluhrer.

Oder Singer-Songwriter Willy DeVille, der mehrmals auf dem Hügel spielte: „Der war immer sehr freundlich.“ Vertraglich hatte der US-Amerikaner zuvor festgelegt, dass mehrere Frauen während seines Auftritts Rosen auf die Bühne werfen.

Eine freundliche Übergabe

Dass das „Fest“ über all die Jahre und Anekdoten hinweg immer größer wurde, war für Fluhrer die logische Konsequenz. Auch, dass der Stadtjugendausschuss – und damit auch er selbst – den Staffelstab irgendwann abgeben musste, war in Ordnung für ihn. „Martin Wacker und ich haben da eine freundschaftliche Übergabe geschafft“, sagt Fluhrer.

Übergabe an die Karlsruhe Event GmbH

2009 hatte der Stadtjugendausschuss bekanntgegeben, das „Fest“ nicht weiterführen zu können. Die „Das Fest GmbH“ übernahm, seit 2014 wird das Open Air vom Team der Karlsruhe Event GmbH organisiert. Fluhrer geht immer noch gerne hin.

Sein Herz schlägt aber seit 2015 für ein anderes – wenn auch kleineres – Großprojekt: Die Kinderspielstadt Karlopolis. Zwei Wochen in den Sommerferien dürfen Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren ihre eigene kleine Stadt entwickeln. „Wir haben mittlerweile 60 Berufe dabei“, sagt Fluhrer stolz.

Die Kinder und Jugendlichen können sich als Zeitungsredakteure ausprobieren, als Bäcker, Friseure, als Bürgermeister, Schneider oder Erfinder.

Auch das Herzensprojekt Karlopolis wird weitergegeben

Mit Fluhrers Ruhestand Ende des Monats gibt der zweifache Vater die Projektleitung an seine Nachfolgerin Isabel Kasalo ab. Die Sozialarbeiterin freut sich darauf: „Das ist ein spannendes Projekt“, sagt sie. „Ich freue mich, es weiterzuentwickeln.“

Ihr ist wichtig, dass Karlopolis „zukunftsfähig“ bleibt. Derzeit erfreut sich das Programm großer Beliebtheit: Die 650 Plätze waren innerhalb von zwei Minuten vergriffen. Die nächsten Tage wird Fluhrer hier noch mit anpacken – und nebenbei weiter die Tage zählen.

Ich habe die halbe Welt bereist. Jetzt ist die andere Hälfte dran.

Trotz aller Leidenschaft für die Arbeit freut er sich auf seinen Ruhestand. Die eine oder andere Reise hat er sich auf jeden Fall schon vorgenommen: Neben Kanada steht auch Chile auf dem Reiseplan. „Ich habe die halbe Welt bereist“, sagt „Mr. Fest“. „Jetzt ist die andere Hälfte dran.“