Zupackend und voller Elan für seinen Start in Karlsruhe: Georg Fritzsch war 16 Jahre lang Generalmusikdirektor am Theater Kiel und beerbt im Herbst Justin Brown am Badischen Staatstheater. Der aktuelle Shutdown ist für ihn erstrecht ein Grund, Zukunftspläne zu schmieden. | Foto: Björn Schaller

Warten wegen Coronavirus

Designierter Karlsruher Generalmusikdirektor Georg Fritzsch sitzt auf gepackten Koffern

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Das Musikprogramm zur Saison 2020/2021 ist in trockenen Tücher, die Wohnungssuche aber muss warten: Der designierte Karlsruher Generalmusikdirektor Georg Fritzsch harrt der Dinge bis zum Ende der Corona-Krise in Schleswig-Holstein. Der frühere Kieler GMD streckt aber schon seine Fühler aus, um den Blick der Karlsruher auf das Theater kennen zu lernen.

Geplatzt. Nicht nur die Hochzeit, die im 16. Jahrhundert den spanischen Kronprinzen Carlo mit der französischen Prinzessin Elisabeth von Valois hätte vereinen sollen. Auch jene Vorstellungen der davon handelnden Oper Giuseppe Verdis, die Georg Fritzsch in Stuttgart vom 15. März an dirigiert hätte, wurden gestrichen.

Schon bei der Fahrt ins Ländle hatte der Dirigent aus dem hohen Norden seine Zweifel. In Stuttgart dann wurde er während der Proben von den Auswirkungen der Corona-Pandemie eingeholt. Wie alle Opernhäuser stellte auch das Stuttgarter Theater seinen Betrieb ein.

Fritzsch wird Nachfolger von Generalmusikdirektor Justin Brown

Nun sitzt Georg Fritzsch freilich nicht auf der Straße. Der vormalige Generalmusikdirektor des Theaters Kiel und Professor für Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik und Theater München befindet sich gerade in einem freien Jahr zwischen zwei Posten.

Fritzsch ist der designierte Generalmusikdirektor (GMD) am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Dort beerbt der Dirigent und Cellist nach 16 Jahren am Theater Kiel den Karlsruher GMD Justin Brown. Das Programm für 2020/2021 steht. Die Suche nach einer Wohnung in Karlsruhe für ihn und seine Frau steht aber wie derzeit fast alles: still.

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Corona ist der Name für die Generalpause in der Musik. Gleichwohl ist Fritzsch in Gedanken und ersten Taten längst in Karlsruhe. Oder wie er es formuliert: „Ich befinde mich in einer Phase der Annäherung an eine sehr sympathische Stadt.“ Die Sympathie dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen. Schon am Telefon vermittelt Georg Fritzsch den Typ eines geerdeten Menschen, der frohen Mutes die Ärmel hochkrempelt.

Ich befinde mich in einer Phase der Annäherung an eine sehr sympathische Stadt.

Georg Fritzsch, Dirigent und designierter GMD in Karlsruhe

Seeadler und Pferde begleiten den Alltag des begeisterten Springreiters ebenso wie Beethoven und Brahms. Die Zeit der Kontaktsperre verbringt er im Idyll: in seinem Haus auf dem Land in Schleswig-Holstein, das der 56-Jährige im Übrigen behalten will – „ab einem gewissen Alter gibt es Sachen, die gibt man nicht auf“, sagt er.

Die Corona-Zwangspause wird aus seiner Sicht länger nachwirken

Fritzsch kann der erzwungenen Pause Gutes abgewinnen. „Das ist eine völlig neue Erfahrung der Entschleunigung, von der ich nicht behaupten kann, dass sie nicht hilfreich wäre.“ Zugleich ist ihm klar, dass dieses Gefühl stark mit einem sicheren finanziellen Background zusammenhängt. Er bangt aber um viele Schicksale und das Kulturleben. „Ich glaube nicht, dass nachher alles ist wie zuvor.“

Trotzdem – oder gerade deswegen – ist ihm wichtig, zu zeigen: „Wir sind da. Wir wollen nicht aufhören, in die Zukunft zu denken. Wenn Theater aufhören, werden sie zu Museen“, warnt er. Konkret bedeutet das für Fritzsch, in Kontakt zu stehen mit den künftigen Kolleginnen und Kollegen am Badischen Staatstheater. „Wir wollen präsent sein für die Menschen. Für die Zeit nach der Krise. Shutdown heißt für uns nicht Aufhören!“

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Fritzsch plant Wiener Klassik als Schwerpunkt für Karlsruhe

Fritzsch ist schon jetzt in seiner ersten Spielzeit in Karlsruhe angekommen. Dazu passt auch sein euphorisch ausgerufenes „Endlich“ im Zuge der Aussage, dass er soeben die Zusage bekommen habe für die letzte „Sache, die in der Schwebe war“. Mehr will er nicht verraten, um der offiziellen Vorstellung des kommenden Spielplans nicht vorauszugreifen.

Er ist ein gewitzter Meister der Anspielungen. „Was Mode ist in diesem Jahr, das liegt ja auf der Hand. Das werden wir nicht umschiffen.“ Gemeint ist der Jubilar Ludwig van Beethoven. „Das passt auch gut zu meiner erklärten Absicht, die Wiener Klassik zu pflegen“ erklärt Fritzsch, betont aber zugleich, dass der Spielplan keinesfalls zu deutsch „oder gar deutschtümelnd wird“.

Fritzsch, der vor seinem Dirigierstudium in Dresden Cello studierte und Solocellist beim Philharmonischen Orchester Gera war, ist stark von der mitteldeutschen Romantik geprägt. In Kiel schätzte man ihn als Klangregisseur mit Affinität zu Strauss, Wagner und Bruckner. Er pflegte dort sowohl das klassische und romantische Repertoire wie auch die zeitgenössische Musik und war zugleich offen für die historische Aufführungspraxis.

Neuer Dirigent für die Badische Staatskapelle: Georg Fritzsch, hier bei einem Benefizkonzert für den Konzertsaal am Kieler Schloss mit Kit Armstrong und dem Kieler Philharmonischen Orchester, dirigiert ab 2020 in Karlsruhe. | Foto: Marco Ehrhardt

Der baldige Karlsruher streckt seine Fühler aus in die Gesellschaft

Nicht nur auf dem Papier hat Fritzsch schon die Pläne für sein neues Amt in Karlsruhe konzipiert. Er habe auch schon Fühler in die dortige Gesellschaft ausgestreckt. Das gehört nämlich für ihn dazu: Fritzsch will die Menschen kennenlernen, „vom Wirt bis zum Sportler“, sagt er, will sich mit Funktionären unterschiedlicher Branchen treffen, um zu erfahren, wie das Theater gesehen wird.

„Ich möchte eine Blickrichtung auf das Theater abspüren“, beschreibt es Fritzsch und schickt fast flehentlich hinterher: „Geb’s Gott, dass es bald wieder anfangen kann!“

Fritzsch ülädiert für Demut und Vertrauen

Als Verehrer von Beethoven hofft er erst recht darauf, dass die Dinge rechtzeitig wieder in Gang kommen, um den 250. Geburtstag des Komponisten im Dezember feiern zu können. Das Jubiläum war aus seiner Sicht über die Kulturwelt hinaus eine großartige Chance. „Alle haben an einem Strang gezogen“, sagt er.

Aber er denkt zugleich pragmatisch: „Beethoven wird auch das überleben. Er ist darüber erhaben.“
Trotzdem hofft er für Justin Brown, der Ende Juni nach zwölf Jahren am Badischen Staatstheater seinen Abschied mit einem großen Beethoven-Abend feiern will, dass dieser Abend stattfinden kann.

Doch fürs Erste müsse man ergeben abwarten, so seine Haltung. „Man sollte in Demut in sich hineinhorchen und Mutmaßungen sein lassen“, rät Georg Fritzsch für die Zeit des Stillstands und plädiert dafür, darauf zu vertrauen, dass die Politik die richtigen Entscheidungen trifft.