Sorgfältige Gesten bestimmen die traditionelle japanische Teezeremonie - auch im Teehaus des Stadtgartens Karlsruhe.
Sorgfältige Gesten bestimmen die traditionelle japanische Teezeremonie - auch im Teehaus des Stadtgartens Karlsruhe. | Foto: Peter Sandbiller

Japanische Teezeremonie

Auf Knien im Haus der Künste

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Ocha demo ikaga? Die Einladung zum Tee ist in Japan der Beginn eines jahrhundertelang kultivierten gesellschaftlichen Rituals. Wer sie annimmt, darf sich freuen – sollte aber auch die feinen Regeln kennen. Im neu eröffneten japanischen Teehaus des Stadtgartens können Interessierte einmal monatlich an einer solchen traditionellen Teezeremonie teilnehmen.

Socken in Sandalen

Ein Fauxpas lauert schon bei der Annäherung an das kleine Gebäude im Japanischen Garten. „Nicht über den Kies laufen!“ ruft Teruko Matsushima-Fritz, Vorsitzende der Deutsch-Japanischen Gesellschaft (DJG) Karlsruhe, den Besuchern zu. Nur über die großen Sandsteinplatten dürfen die Schritte zum Haus führen. In einem Vorraum, den es in einem ganz klassischen Teehaus eigentlich nicht gibt, wechseln die Teilnehmer ihre Straßenschuhe durch traditionelle Fußkluft aus. „Keine Socken?“, fragt Matsushima-Fritz – was nach heutigen Mode-Standards so gar nicht geht, ist im Teehaus zeitlose Geste des Respekts: Saubere (!) weiße Strümpfe in Sandalen.

Auf diese Art dem Anlass angemessen bekleidet (eigentlich außerdem in einem einfarbigen Kimono), nimmt man auf einer Wartebank vor dem Haus Platz und sich Zeit für etwas Meditation, oder lauscht zumindest den Worten von Matsushima-Fritz, die Goethe zitiert: „Es ist so angenehm, die Natur und sich selbst zu erforschen. Weder ihr noch dem eigenen Gefühl Gewalt anzutun. Beide in sanfter Wechselwirkung miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.“ Das diene der Vorbereitung auf die Zeremonie, erklärt sie.

Samurai legen draußen ihr Schwert ab

Die zeremonielle Gastgeberin ist an diesem Tag Catherine Gouny. Sie heißt die Gäste an einem niedrigen Bambustürchen seitlich des Teehauses willkommen. Dahinter wäscht man sich in einem niedrigen Steinbecken Mund und Hände, legt – falls man ein Samurai ist – sein Schwert ab und erhält im Tausch dafür einen Fächer aus Papier. „Im Teehaus konnten selbst im Krieg die gegnerischen Parteien friedlich miteinander sprechen. Der Teeraum wurde auch Friedensraum genannt“, erklärt Matsushima-Fritz.

So überschreiten nacheinander alle acht Teilnehmer symbolisch die Grenze zwischen Außenwelt und Innenwelt – den letzten „Schritt“ machen sie dabei kriechenderweise durch einen kleinen Seiteneingang. „Im Teeraum begegnen sich alle, ob Freund oder Feind, auf gleicher Ebene“, sagt Matsushima-Fritz. Die Schuhe bleiben draußen. Drinnen verbeugt sich der Gast, immer auf Knien bleibend, vor der Kunstnische: Die Kalligrafie auf dem Papierbogen bedeutet Warmherzigkeit, die nach Ikebana angeordneten Blumen in der Vase deuten auf die Jahreszeit hin.

Im Teeraum begegnen sich Freund und Feind auf gleicher Ebene

Entlang der Wände knien die Gäste nun auf den Bambusmatten (Tatami). Hinter einer Schiebetür aus Holz und Papier kommt Anne Thielsch, die Gehilfin, zum Vorschein, verbeugt sich und bringt Süßes, während Gastgeberin Gouny das Teegeschirr aufbaut. Aus dem gusseisernen Teebereiter schöpft sie mit einer Bambuskelle heißes Wasser in eine Keramikschale, die so gereinigt wird. Mit einem roten Teetuch wischt Gouny nach, führt jede Bewegung exakt nach jahrhundertealtem Ritual aus. Sie öffnet die Lackschale mit dem pulverisierten Matcha-Tee, füllt mit einem Bambuslöffel behutsam eine kleine Menge in die Schale und schäumt das leuchtend grüne Getränk auf.

Mit edlem Besteck wird das grüne Matcha-Pulver in die Teeschale gefüllt
Mit edlem Besteck wird das grüne Matcha-Pulver in die Teeschale gefüllt. | Foto: Peter Sandbiller

In einer Trinkschale reicht sie es dem Haupt-Gast, gespielt von Matsushima-Fritz. „Osaki ni?“ fragt sie den zu ihrer Linken sitzenden, „darf ich als Erste trinken?“ Sie darf. Doch zuerst betrachtet sie behutsam das Kunsthandwerk auf der Schale, dreht sie zweimal in der Hand. „Damit das ,Gesicht‘ der Schale nicht von meinen Zähnen zerstört wird. Ein Japaner ist immer darauf bedacht, das Gesicht nicht zu verlieren“, erklärt sie. Die Teeschale symbolisiert die Erde, die den Matcha, Symbol für das Leben, umschließt.

Die Knie schmerzen

Mit einer Geste der Dankbarkeit wird die Schale hochgehalten. Dann wird in drei großen, langsamen Schlucken der Tee getrunken. Er schmeckt grün, schwer, leicht herb. Der Gaumen ist geschmeichelt, doch die Knie schmerzen längst. Nicht auszudenken, wie ein ungeübter Gast eine traditionell bis zu achtstündige Zeremonie in dieser Haltung durchsteht. Doch im Karlsruher Teehaus sind kleine Knie-Rutscher auf der Tatami-Matte erlaubt.

„In Japan schlagen heutzutage viele die Einladung zum Tee aus, weil sie nicht wissen, wie man sich dabei benimmt“, erzählt Matsushima-Fritz. Früher, als Ehen in Japan noch arrangiert wurden, sei die Teezeremonie ein Test gewesen, wie gut erzogen die künftige Braut sei. Die Zeremonie biete aber auch Gelegenheit, seltene Kunst zu sehen und sogar in Händen zu halten. Nach dem Tee- folgt also der Kunstgenuss: Nach freundlicher Erlaubnis der Gastgeberin dürfen die Gäste das Tee-Werkzeug betrachten. Die Teedose, eine Lackarbeit mit Goldintarsien, der Löffel aus lackiertem Kiefernholz: Alle Utensilien sind dem Anlass und der Jahreszeit angemessen ausgesucht.

Wie man gekommen ist, so verlässt man in Japan das Teehaus: auf Knien. In Karlsruhe dürfen die Gäste erhobenen Hauptes in den Stadtgarten hinausgehen.

Anmeldung
Die Teezeremonie im Stadtgarten findet einmal im Monat samstags statt. Interessierte können sich beim stätdischen Gartenbauamt unter Telefon (07 21) 1 33 67 01 oder per E-Mail an gba@karlsruhe.de anmelden.