Nachtwache im Zoo
DIE SEELÖWEN (Mitte) liegen auf dem Trockenen, aber sie schlafen nicht und lassen auch nach Mitternacht gerne einen Brüller von sich. Die Streife aus Senol Eren (links) und Rupert Hustede kontrolliert das Geschehen am Lauterberg. | Foto: jodo

Sicherheitsdienst im Zoo

Auf Nachtwache bei den Erdmännchen

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Kein Erdmännchen auf Posten. Doch der Zebrastreifen bewegt sich im Mondschein. Das ist kein Reisebericht aus der afrikanischen Savanne, es ist die Wirklichkeit bei Nacht im Zoo. Die meisten der wilden Tiere hinter Gattern und Gittern schlafen. Auch die Gefangenen leben nach ihrer Natur, gesteuert von Licht und Finsternis.

Sehenden Auges

Aber auch im Zoo gibt es die Ausnahmen. Hoch oben lauert der Chinaleopard auf seinem querliegenden Aussichtsstamm. Seinen scharfen Augen entgehen die an seinem Revier herumstreifenden Zweibeiner nicht: Auch die beiden Uniformierten haben alles im Blick.

Sie bewachen den Zoo und den ganzen Stadtgarten. Sie schützen die Tiere und den Park vor Eindringlingen. Nachts sorgen sie offenen Auges in der umzäunten Oase mitten in der Großstadt für Ordnung und Sicherheit. In dieser Nacht gehöre ich zu diesem Sicherheitsdienst. Es ist mein Ferienjob.

Kopf unter die Federn

Einmal wollte ich Nachtwächter sein, einer, der mit seiner Wachheit bei Nacht arbeitet. Doch die antiquierte Vorstellung, in der Wachstube eine ruhige Kugel zu schieben und hin und wieder mit einer Laterne einen Nachtspaziergang zu machen, zerstiebt schon in der Abenddämmerung.

Während die Enten am Stadtgartensee den Kopf unter die Federn stecken und die Krähen ihre Schlafbäume beziehen, gibt mir Senol Eren, Karlsruher Objektgruppenleiter des Sicherheitsdiensts SIBA, den Nachtkurs vor: Gleich mehrere Runden mit jeweils 41 Kontrollpunkten sind bis zum Morgengrauen abzulaufen.

Halbmarathon im Zoo

Dabei wird mehr als ein halber Marathon herauskommen. Wenigstens auf meine Beine kann ich mich verlassen. Auch die Augen fallen mir nicht so schnell zu. Eine Wächterfunktion in Staat und Gesellschaft sollte ein Journalist ja ohnehin erfüllen, wie aber sieht es damit in Wahrheit aus? Zum Glück führt mich ein erfahrener Wachdienst-Profi durch die Nacht. Es wird also nicht atemlos.

Nichts verloren

Noch einmal hüpfen die Kängurus auf uns zu, große Sprünge stecken aber auch in ihren langen Hinterbeinen nicht mehr. Längst ist der letzte sichtbare Stadtgartenbesucher durchs Drehkreuz an der Bahnhofstraße verschwunden. Schließlich hat der Mensch mit Eintritt der Dunkelheit im Zoo nichts mehr verloren. Auch in den drei Toilettenanlagen finden wir niemanden und schließen ab.

Im Lichtkegel

In dieser Nacht ertappen wir keinen Menschen, der sich illegal im Zoo aufhält. Das sei nicht immer der Fall, versichert meine Führungsperson. Da bleiben Leute einfach über die Sperrzeit hinaus im Garten, um dort zu übernachten. Andere steigen über Zäune, um Party in verbotener Zone zu machen. Auch Liebespaare schlagen sich am Lauterberg in die Büsche. Nur sehr selten werden echte Einbrecher gestellt oder aggressive Eindringlinge angetroffen. Auf jeden Fall sind wir Kollegen gewappnet und in ständigem Rufkontakt mit unserer Karlsruher SIBA-Zentrale. Der Lichtkegel der Stabtaschenlampe geht jedem Rascheln hinterher.

Igel im Rosengarten

Aber diesmal ist es nur ein Igel, der aus dem Laub am Rosengarten tippelt. Und die Stimmen, die hinter dem Elefantenhaus herkommen, gehören zwei Hundebesitzern, die auf Gassigang über die Tiergartenbrücke sind.

Schrei in der Nacht

Das junge Flusspferd rührt sich in unserem Scheinwerferlicht nicht vom Fleck, nur die Kiefer des riesigen Breitmauls mahlen. Da durchreißt ein schriller Schrei die Stille der Nacht, und über uns landet ein Flugungeheuer auf schwankendem Ast. Zum Radschlagen reicht es aber auch bei dem stolzen Pfau zu dieser späten Stunde nicht mehr. Nur ein durch Mark und Bein gehendes Bellen und Heulen der Seelöwen unterbricht jetzt noch die Nachtruhe im Zoo. Anscheinend wollen die Robben, die mit ihrem Nachwuchs draußen auf dem Felsen liegen, nie ganz Ruhe geben.

Stechen in der Stube

Nach einer Stunde und zehn Minuten habe ich den professionellen Nachtrundgang um den Lauterberg und die Stadtgartenseen beendet. Jetzt wird dessen Ende in der Wachstube durch das Stechen der 41. Kontaktstelle besiegelt.

Alle Stechdaten und unsere Laufzeiten sowie der Schichtbericht über das nächtliche Geschehen im Stadtgarten zwischen Bahnhofplatz und Festplatz werden am Morgen von unserem Einsatzgruppenleiter Senol Eren ausgewertet und dann der Zoodirektion übermittelt.

Erdmännchen  auf Posten

Jetzt ist Pause, bevor es auf die nächste Sicherheitsrunde geht: Dann werden wieder Fenster und Türen an allen Zoo-Gebäuden kontrolliert. Die Kakerlaken vor dem Dickhäuterhaus mit lautem Stampfen vertrieben. Nach einem Marder, der sich durch das Gitter der Eulenvoliere beißen könnte, gespäht. Jedem verdächtigen Geräusch wird nachgegangen, bis der neue Tag anbricht und die Erdmännchen wieder die Wache am Giraffenhaus übernehmen.