Amerikaner in Karlsruhe: In der Nordstadt weist vieles noch heute auf die Zeit hin, als US-Bürger das Viertel bewohnten. Während die Bekleidung des Radfahrers wohl Zufall ist, trägt die Elementary School ihren Namen aus gutem Grund.
Amerikaner in Karlsruhe: In der Nordstadt weist vieles noch heute auf die Zeit hin, als US-Bürger das Viertel bewohnten. Während die Bekleidung des Radfahrers wohl Zufall ist, trägt die Elementary School ihren Namen aus gutem Grund. | Foto: Jörg Donecker

US-Flair in Baden

Aus „Amisiedlung“ wurde ein Stadtviertel: 25 Jahre Karlsruher Nordstadt

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Mit einem militärischen Zeremoniell auf dem Karlsruher Marktplatz verabschiedete sich die US-Armee im April 1995 nach 50 Jahren Präsenz in der Stadt. Ohne die Soldaten wurden Offiziershäuser, Wohnblocks und weitere Gebäude in der „Amisiedlung“ frei. Die Stadtverwaltung kaufte das Gelände, das seit 25 Jahren den Namen Nordstadt trägt. Von amerikanischen Namen wimmelt es dennoch in dem grünen Stadtviertel. Auch andere Spuren des fast vergessenen „American Way of Life“ haben die wechselvolle Zeit überdauert.

Kleine Fetzen dessen, was früher einmal „American Way of Life“ genannt wurde, findet man in der Nordstadt noch heute. In der Amerikanischen Bibliothek, rund um die „Karlsruhe American Elementary School“ oder zwischen Häuserblocks und idyllisch anmutendem Grün hört man immer wieder Menschen Englisch sprechen.

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Kein zusammengemischtes Schulenglisch, sondern formschön artikuliertes American English mit diesem typischen, markanten Akzent. Die Straßen tragen Namen bekannter US-amerikanischer Ortsmarken: New-York-Straße, Louisianaring, Rhode-Island-Allee. Was heute Allee heißt, hieß zu Zeiten der amerikanischen Besatzung „Avenue“.

Wo sich früher die Unteroffiziere trafen, machen heute Jugendliche Sport

Was heute das Sport- und Jugendzentrum NCO-Club ist, war früher der Club der „Non-commissioned officers“, also der Unteroffiziere. Die Abkürzung ist geblieben, das Publikum hat sich verändert. „Wir sind froh, dass wir hier bleiben dürfen, drumherum wird ja alles abgerissen“, sagt Robin Liebeck. Nach einigem Ringen um das so genannte C-Areal westlich der Erzbergerstraße darf der NCO-Club bleiben. Der Sozialarbeiter erzählt, wie es hier „normalerweise“ zugegangen ist, und meint: vor Corona.

Der große Schwerpunkt sind verschiedene Sportarten. „Normal sind allein in der Parkourhalle so etwa 300 Kids pro Woche in den Trainings“, sagt er. Tricking, Parkour, Yoga, Tanzen, Jiu Jitsu oder Skateboarding – das Angebot ist groß. „Natürlich gibt es hier auch das ganz klassische Jugendzentrum“, erklärt Liebeck. Außerdem einen Hort.

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„In der Nordstadt zu arbeiten, ist schön“, sagt Erzieherin Eva Weber. „Man hat Ruhe und es gibt viel Platz. In der Marylandschule zum Beispiel sind die Klassenräume zweimal so groß wie in normalen deutschen Schulgebäuden.“ Auf dem NCO-Gelände zwischen Gewerbebetrieben und Lagerhallen störe sich außerdem niemand an Kinderlärm.

Als wir eingezogen sind, war es noch eine Geisterstadt

Barbara Maidel-Türk, Gründungsmitglied des Bürgervereins Nordstadt

9.866 Menschen lebten im Jahr 2018 laut Statistik der Stadt Karlsruhe in der Nordstadt, die sich zwischen Adenauerring und städtischem Klinikum, von der Moltkestraße bis zur Grenze nach Neureut erstreckt. Im Wohngebiet Paul-Revere-Village sitzen Marina Jansen und Leonie Bürgey auf einem Bordstein in der Sonne.

Sie haben Betriebswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule studiert, gleich beginnt ihre letzte Klausur. Abgesehen von den Vorlesungen haben sie nicht viel Zeit in der Nordstadt verbracht. „Das Studentenwohnheim in der Tennesseeallee ist relativ günstig“, sagt Marina. Der Nahkauf sei praktisch, der russische Supermarkt und der Dönerladen bei vielen Studis beliebt. „Sonst ist hier ja nicht so viel los.“

Am 18. Juli 1995 beschloss der Karlsruher Gemeinderat den Kauf der „Amisiedlung“, die Volkswohnung übernahm die Vermarktung der bestehenden sowie den Bau neuer Wohnungen. Im April 1996 zog Barbara Maidel-Türk mit ihrer Familie in eines der ehemaligen Offiziershäuser im Kanalweg. „Als wir eingezogen sind, war es noch eine Geisterstadt“, erzählt die heute 67-Jährige. „Es gab einen Sicherheitsdienst, der aufgepasst hat.“

Auf dem C-Areal sollen neue Mittelpunkte für die Nordstadt geschaffen werden

Als nach und nach mehr Menschen einzogen, sei echte Aufbruchstimmung entstanden. „Es war ein ganz neuer Stadtteil, man kannte noch niemanden, hatte das Bedürfnis, sich einzubringen.“ Maidel-Türk gründete mit anderen den Bürgerverein Nordstadt. Viele Bürgerprojekte seien entstanden, etwa ein kleiner Wochenmarkt, ein wöchentliches Bewohner-Café oder die Nordstadtzeitung. „Es ist ein gutes Gefühl, hier zu wohnen. Vor allem durch das viele Grün zwischen den Häusern und Blocks.“

Im Sommer finden dort Nachbarschaftsfeste statt. „Da ist wirklich Leben. Auch jetzt mit Corona.“ Die Treffen zum Barbecue am Kugelgrill gehen wohl auf amerikanische Gepflogenheiten zurück. „Das war vor 25 Jahren bei uns nicht so üblich, aber wir fanden es toll“, erinnert sich Maidel-Türk.

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Der zunächst umstrittene Anschluss der Nordstadt ans Straßenbahnnetz in der Erzbergerstraße im Jahr 2006 habe der Nordstadt viel gebracht. Was ihr noch fehle, sei ein richtiges Bürgerzentrum, findet Maidel-Türk. Zwar seien NCO-Club, Amerikanische Bibliothek und Kulturhaus Mikado wichtige Anknüpfungspunkte. „Aber die ehemalige Amisiedlung und die Hardtwaldsiedlung sind halt immer noch zwei verschiedene Teile der Nordstadt. Vielleicht klappt es in Zukunft, wenn im C-Areal neue Mittelpunkte geschaffen werden.“