Ende eines Traditionslokals, die "Walhalla" in der Südstadt ist geschlossen
Eine Traditionsadresse weniger: Die Pächter Emira und Ioannis Chatzitheodorou nehmen wehmütig Abschied von der „Walhalla“ in der Augartenstraße. 18 Jahre lang umsorgten und bekochten die beiden ihre Gäste im Herzen der Südstadt. | Foto: jodo

Tränen bei Pächtern und Gästen

Aus für das Traditionslokal „Walhalla“ in der Südstadt

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Hier konnte es einem passieren, dass am Nebentisch oder am Tresen ein Gast in Hausschuhen saß. Woanders hätte das vielleicht für irritierte Blicke gesorgt, nicht so aber in der „Walhalla“.

Ein zweites Wohnzimmer

„Für viele war das hier ihr zweites Wohnzimmer“, sagt Ioannis Chatzitheodorou. Es war auch das Zuhause von Ioannis und seiner Frau Emira („Emi“): 18 Jahre lang bekochten und umsorgten sie ihre Gäste im Restaurant „Walhalla“ in der Augartenstraße im Herzen der Südstadt. Nun packen sie ihre Sachen zusammen.

Seit 1. Januar geschlossen

Draußen im Biergarten türmen sich Holzstühle, vor der Eingangstür steht ein Anhänger, den zwei Männer mit Kisten beladen. Im Gastraum warten zwei große Kühlschränke auf den Abtransport.
Seit dem 1. Januar ist das Traditionslokal „Walhalla“, das eine lange Historie hat, selbst Geschichte.

Tränen beim Pächter Ioannis

„An Silvester haben wir noch ein letztes Mal mit Gästen, die in den vielen Jahren zu Freunden geworden sind, gefeiert. Es war gigantisch“, erzählt Ioannis. Dann stocken seine Worte, die Augen hinter den Brillengläsern füllen sich mit Tränen. Er braucht einen Augenblick, um sich wieder zu fangen. Dass die „Walhalla“ schließt, sei nicht nur ein großer Verlust für die Südstadt, „es ist auch ein riesiger Verlust für unsere Seele“, bekennt Ioannis sentimental.

Claudia Roth und Gregor Gysi unter den Gästen

Der Wirt und seine Frau waren mit großer Leidenschaft für ihre Gäste da, unter die sich so manche Politprominenz gemischt hat. Weil das Essen in ihrem Hotel nicht nach ihrem Geschmack war, tauchte eines Abends die frühere Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, in der „Walhalla“ auf. Sie ließ sich hier die griechische Küche ebenso schmecken wie der frühere Chef der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, der an einem späten Sonntagabend im März 2016 nach einer Wahlkampfveranstaltung im „Walhalla“-Saal seinen Hunger bei Ioannis und Emi stillte.

Vegetarisches für Anton Hofreiter

Zuletzt verköstigten die beiden Anton Hofreiter. Der Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion nahm nach einer Diskussionsrunde zu Plastik und Verpackungsmüll im „Walhalla“-Saal anschließend Platz im Restaurant. „Für ihn kochten wir natürlich vegetarisch“, so Emi.

Viele Stammgäste

Nach Heimspielen traf man dort häufig auch den früheren KSC-Trainer Markus Kauczinski und Sportdirektor Jens Todt. Ans Herz ist Ioannis auch die 92-jährige Traudl gewachsen: „Sie ist ein Urgestein hier aus der Südstadt. Sie kam bis zum Schluss fünf, sechs Mal die Woche abends und hatte ihr kleines Ritual – sie bestellte zuerst ein Pils, zu dem sie je zwei Rippchen Vollmilch- und Zartbitterschokolade aß, dann noch einen Topinambur“, erzählt er.

Gäste nehmen Abschied

Nun ist Traudl ebenso heimatlos wie andere Stammgäste. Immer wieder kommt in diesen Tagen einer von ihnen vorbei, während die „Chatzis“, wie das Ehepaar von vielen genannt wurde, ihr Zuhause Stück für Stück ausräumen. Wie in diesem Augenblick: Ein großer, kräftiger Mann betritt den Gastraum und umarmt Ioannis herzlich. Für einen Moment scheint die Welt still zu stehen. Als der Gast wieder geht, schimmern auch seine Augen.

Der Südstadt immer eng verbunden

„Wir wären gerne in der Südstadt geblieben“, betont Ioannis, der dem multikulturellen Viertel immer eng verbunden war. So fieberte der Wirt nicht nur mit, als Pietro Lombardi 2011 bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) antrat und am Ende gewann, er sponsorte damals auch die Aktion des jungen Karlsruhers mit und ließ etwa Fan-T-Shirts drucken.

Ein Investor erwarb die Immobilie in der Augartenstraße

Chatzitheodorou verlängerte den Pachtvertrag, der zum Jahresende auslief, nicht, mit dem Vermieter fand man keinen Konsens. Als dann ein Verkauf der Immobilie im Raum stand, bot Chatzitheodorou zwar mit, den Zuschlag bekam jedoch ein Investor.

Für mich gibt es die Walhalla nur mit Saal!

Wie es nun mit dem Gebäude in der Augartenstraße weiter geht, weiß der Gastronom nicht. Der vordere Teil des Hauses stehe unter Denkmalschutz. Ob das auch für den Saal zutrifft, ist er sich nicht sicher. Möglicherweise hätte er das Lokal beim neuen Besitzer weiter betreiben können: „Es war aber nicht klar, ob wir den Saal hätten behalten können – und für mich gibt es die Walhalla nur mit dem Saal.“

Ioannis Chatzitheodorou will der Gastronomie treu bleiben

Der Gastronomie will der Mann, dessen Familie aus Xanthi im Nordosten Griechenlands stammt, treu bleiben. Das liegt ihm im Blut. Zwei seiner drei Brüder haben ihr Glück ebenfalls in der Gastronomie gefunden: Einer ist Wirt in Stuttgart, den anderen, Athanasios, kennen viele Karlsruher. Er war lange Pächter des KSC-Clubhauses und betreibt jetzt die „Denkfabrik“ beim SSC Karlsruhe.

Früher bewirtschaftete er die Studentenkneipe „Harmonie“

Zu Ioannis’ gastronomischer Vergangenheit gehören unter anderem die Studentenkneipe „Harmonie“ in der Kaiserstraße gegenüber der Universität sowie die Kneipe „Warsteiner“ und die Cocktailbar „Moskito“, die in direkter Nachbarschaft lagen, sowie das traditionsreiche Hotel „Zum Löwen“ in Jockgrim. „Irgendwann wurde mir alles zu viel und ich machte einen Schnitt“, erinnert sich Chatzitheodorou.

Im Jahr 2000 übernahm der Grieche die „Walhalla“

Nach einer selbstverordneten Pause kehrte er zurück nach Karlsruhe und entdeckte in der Zeitung eine Annonce – die „Walhalla“ suchte neue Pächter. Ioannis griff zu und führte so die Griechen-Tradition in der Augartenstraße fort. Denn der vorherige Pächter war ebenfalls ein Hellene und ebenso kein Unbekannter in Karlsruhe: Fotis Statheropoulos, der in der „Walhalla“ 1990 das „El Greco“ eröffnete und zehn Jahre lang führte.

Aus „El Greco“ wurde die „Walhalla“

Zunächst beließ es Ioannis bei dem Namen. Später nannte er sein Lokal wie den Saal – „Walhalla“. Auch weil ein weiterer „El Greco“ in der einstigen „Luisenhalle“ der Südstadt (Ecke Morgen- und Luisenstraße) eröffnete und „die Gäste die Lokale oft verwechselten“, erzählt Emi. Das andere „El Greco“ existiert seit 2017 nicht mehr, dort speist man nun im „Tropea“ italienisch. Bleibt die Frage: Wie geht es mit der „Walhalla“ weiter?

 

Gaststätte mit langer Tradition

Die Geschichte des Restaurants „Walhalla“ in der Augartenstraße reicht weit zurück. Die Straße wurde in den Jahren 1887/1890 angelegt. Benannt wurde sie nach dem Augarten, einem kleinen Park mit Gastwirtschaft und Badeanstalt auf der Westseite der Rüppurrer Straße, der bis etwa 1890 existierte.

Früher trug das Lokal den Namen „Zum Hilderhof“

1905 existierte die „Walhalla“ bereits. „Da hieß das Lokal allerdings ,Zum Hilderhof‘“, berichtet Ottmar Huber von der Bürgergesellschaft Südstadt. Auf einer historischen Postkarte von 1912, die seiner Sammlung entstammt, ist die Wirtschaft zu sehen – da trägt sie bereits den Namen „Walhalla“. Eine weitere Postkarte aus seinem Besitz ist von 1929 und dokumentiert, dass der Wirt zu diesem Zeitpunkt Gustav Stutz hieß.

Für die Südstadt ist die Walhalla mit ihrem großen Saal sehr wichtig

„Für die Südstadt ist die Gaststätte Walhalla mit ihrem großen Saal sehr wichtig, es ist ein Kulturdenkmal“, betont Huber, den die Nachricht von der Schließung „wie der Blitz aus heiterem Himmel traf“. Generationen von Südstädtern sind mit diesem Ort verbunden. Ältere Semester erinnern sich noch an die Nachkriegszeit, als im Walhalla-Saal sonntags Gottesdienst gefeiert wurde. „Die katholische Kirche Unsere Liebe Frau war zerstört, der Saal diente deshalb von Sommer 1945 bis Dezember 1949 als Notkirche“, berichtet Bernhard Kuhn, Vorsitzender des Vereins Canisiushaus. „In dem Saal fanden bis 1991 auch die Faschingsfeiern der katholischen Gemeinde statt“, erinnert sich Kuhn.

Kinovorstellungen und Milongas

Der „Walhalla“-Saal diente in der Vergangenheit schon als Kino und Tanzsaal für die ersten Milongas in der Stadt. Der Verein Siempre Tango nutzte den Saal bis zuletzt. Auch für viele andere Vereine, nicht nur aus der Südstadt, war die „Walhalla“ wichtiger Veranstaltungsraum.

Die „Walhalla“ schrieb auch Politikgeschichte

In der Augartenstraße wurde auch Politik gemacht. Neben CDU und SPD waren es vor allem „Die Linke“ und die Grünen, die den Saal regelmäßig mieteten. Ein bisschen hat die Walhalla auch Politikgeschichte geschrieben: Als sich 1980 die Grünen in der Karlsruher Stadthalle offiziell als Partei gründeten, kamen viele von ihnen anschließend in das Lokal in der Augartenstraße.
Auch der Verein Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) Karlsruhe, der Vorläufer der Linken, hat sich in der Walhalla gegründet, berichtet Ioannis Chatzitheodorou, der zudem regelmäßig Gastgeber für die Teilnehmer der Initiative „Demokratie in Bewegung“ und der Vereinigung Studenten für Christus (SFC) Karlsruhe war.