In die Klinik fahren oder den Notarzt dazurufen? Solche Entscheidungen treffen Notfallsanitäter mehrmals täglich. | Foto: BNN

Erweiterte Kompetenzen

Ausbildung zum Notfallsanitäter: „Dazu muss man sich berufen fühlen“

Anzeige

Bevor ein Notarzt zum Einsatz kommt, wird der Rettungswagen geschickt, besetzt mit einem Rettungssanitäter und einem höher qualifizierten Rettungsassistenten – so war es früher. Seit 2014 ist das neue Notfallsanitätergesetz in Kraft: An die Stelle der zweijährigen tritt nun die dreijährige Berufsausbildung zum Notfallsanitäter.

Die neue Ausbildung soll dazu beitragen, das „System Rettungsdienst“ zu entlasten: Notfallsanitäter verfügen über größere Kompetenzen als die bisherigen Rettungsassistenten, so dass seltener der Einsatz eines Notarztes notwendig wird, etwa zur Verabreichung von bestimmten Schmerzmitteln für den Transport in die Klinik.

Beruf soll attraktiver werden

Durch die Erweiterung der Kompetenzen erhofft man sich auch, den Beruf attraktiver zu machen. Nach BNN-Berichten über verspätete Rettungswagen wird in der Branche heiß über die Attraktivität des Berufs diskutiert, im Kontakt mit der BNN-Redaktion berichten Insider über Stress, fehlende Anerkennung und im Verhältnis zur Verantwortung schlechte Bezahlung.

Eine neue Generation von 15 angehenden Notfallsanitätern wird in dieser Woche beim DRK Karlsruhe ihre praktischen Abschlussprüfungen ablegen. Die Zahl ergebe sich aus den Kapazitäten der DRK-Landesschule, der Kliniken im Umfeld und des Ausbildungsbetriebes, erklärt DRK-Rettungsdienstleiter Daniel Schneider. In Karlsruhe betreibt neben dem DRK noch ProMedic eine Schule, die Schüler der übrigen Rettungsdienste ASB und Malteser werden andernorts ausgebildet.

Anspruchsvolle Prüfung

Nach einer fächerübergreifenden schriftlichen und einer mündlichen Prüfung, die bereits stattfanden, müssen sich die angehenden Notfallsanitäter einen Tag lang anhand von vier Fallbeispielen in der Praxis beweisen.

„Es geht zum Beispiel um Reanimation bei Neugeborenen, Kindern und Erwachsenen, aber auch um Medikamentengabe, Einsatztaktik und das Anfahren der Klinik“, erläutert Klaus Müller, Praxisleiter in der Ausbildung beim DRK.  „Das ist für die Auszubildenden schwierig abzuarbeiten. Schon zur Prüfung müssen sie das ganze Repertoire parat haben“, sagt Müller. Es sei ein Quantensprung zum alten Berufsbild, mit deutlich mehr Verantwortung.

Mehr Verantwortung?

Die Notfallsanitäter müssten jetzt Maßnahmen wie künstliche Beatmung, Thoraxpunktion oder das Anbohren von Knochen zum Legen einer Infusion beherrschen und im Zweifelsfall auch anwenden – notfallmedizinische Maßnahmen, die auch ein Arzt für seinen Notarzt-Schein lernt. „Diese Kenntnisse unterscheiden sich nicht“, sagt Müller.

Unterschiede gibt es aber: Auch wenn Notfallsanitäter gewisse Kompetenzen besitzen, sind sie oft nicht berechtigt, sie am Patienten durchzuführen, sondern müssen auf den Notarzt warten.

Das Regierungspräsidium schreibt dazu auf BNN-Anfrage: „Die in der Ausbildung erworbenen Kompetenzen dürfen weitgehend auch in der Praxis angewendet werden. Soweit bestimmte in der Ausbildung unterrichtete Tätigkeiten als heilkundliche Maßnahmen gelten, sind diese derzeit in Baden-Württemberg den Notärzten vorbehalten. Eine Rechtsgrundlage, diese Aufgaben rechtssicher und unter Ausschluss von Haftungsrisiken auf Notfallsanitäter zu delegieren, steht noch aus.“

RP: Interesse am Beruf Notfallsanitäter steigt

Das Gehalt eines Notfallsanitäters ist durch Tarifverträge festgelegt, sagt Schneider. Beim DRK versuche man aber, drum herum weitere Angebote zu machen, etwa kostenlosen Kaffee, ein JobRad oder betriebliche Zusatzleistungen bei der Berufsunfähigkeitsversicherung. Das Interesse an der Ausbildung sei beim DRK groß: Auf die 15 Stellen kämen jährlich etwa 160 Bewerber.

Auf BNN-Anfrage teilt das RP mit, dass das Interesse an der neuen Ausbildung hoch sei. Es beruft sich dabei auf die Angaben der Ausbildungsbetriebe. „Das Interesse an der Ausbildung zum Rettungsassistenten war insgesamt geringer, da die Schüler die Kosten für ihre Ausbildung an den Schulen in der Regel selbst tragen mussten“, so das RP.

Absolventenzahlen und Durchfallquoten für den Rettungsdienstbezirk Karlsruhe nennt man beim RP nicht, jedoch für Baden-Württemberg: „In Baden-Württemberg haben im Jahr 2013 259 Schüler, im Jahr 2014 382 Schüler, im Jahr 2015 235 Schüler die Prüfung zum Rettungsassistenten bestanden.“ Im Ausbildungsjahr 2014 hatten 79, 2015 192 und 2016 260 Auszubildende ihre dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter begonnen. „Von den 73 Prüfungsteilnehmern des ersten Ausbildungsjahrgangs haben im Jahr 2017 65 Absolventen die Prüfung bestanden. Von den acht zunächst nicht erfolgreichen Kandidaten haben sieben Kandidaten die Wiederholungsprüfung bestanden.“

Karrieremöglichkeiten für Notfallsanitäter gebe es etwa in Leitungsfunktionen der Rettungswachen, in den integrierten Leitstellen, in der Ausbildung, der Lehrtätigkeit an Schulen und im Krankenhausbereich.

Pflegeberufe sind beliebter

Als Ausbildungsberuf unter vielen Alternativen, die ein junger Mensch mit Realschulabschluss hat, ist der Notfallsanitäter dennoch eher die zweite Wahl, meint Waldemar Jonait, Leiter der Berufsberatung in der Karlsruher Arbeitsagentur. „Notfallsanitäter zählt mit Sicherheit nicht zu den Top Ten der Berufe, die Schüler anstreben.“ Dennoch verdiene man mit rund 900 Euro schon im ersten Ausbildungsjahr „ganz gutes Geld“. Andererseits sei der Job in vielerlei Hinsicht sehr anspruchsvoll.

„Einen 16-Jährigen in diesen Bereich reinzubringen, ist nahezu ein Unding. Was sie da sehen und erleben, dazu muss man sich berufen fühlen. Es braucht auch eine gewisse Lebenserfahrung“, meint Jonait. Interesse an dem Beruf hätten eher ältere Jugendliche, die vielleicht schon eine andere Ausbildung angefangen hätten und den Notfallsanitäter als akzeptable Alternative sähen. „Es besteht kein Run auf den Beruf wie bei kaufmännischen Ausbildungen“, sagt Jonait. Auch der Beruf des Gesundheits- und Krankenpflegers sei beliebter.