Textilreinigung
Wenn mehr ausgemistet wird, gibt es auch mehr Secondhand-Mode - so könnte man meinen. Dabei können zumindest die Karlsruher Läden eigentlich nie über zu wenige Spenden klagen. | Foto: Felix Hörhager/Symbol

Aufräum-Hype aus Japan

Ausmisten mit Marie Kondo: Rollt bei den Karlsruher Secondhand-Läden nun die Spendenwelle an?

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„Bringt es Freude?“ oder „Ist es nützlich?“, fragt Marie Kondo, die japanische Bestsellerautorin und Erfinderin der sogenannten Konmari-Methode, wenn es ans Ausmisten geht. Alles, was keine Freude macht oder keinen unmittelbaren Nutzen bringt, kann nach der Lehre der Japanerin weg. Dieser Weisung folgen auch hierzulande immer mehr Menschen. Das hat Konsequenzen, die auch viele Secondhand-Läden bemerken, welche sich vor Spenden mitunter kaum retten können. Aber ist das auch in Karlsruhe so?

In Deutschland erschien Kondos Bestseller übers Aufräumen und Ausmisten mit dem Titel „Magic Cleaning“ bereits 2013. Richtig in Fahrt kam der Entrümpelungs-Hype jedoch erst mit der kürzlich auf Netflix erschienenen Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“, die pünktlich zum Jahreswechsel erschien.

In den sozialen Netzwerken tauchen seitdem immer mehr Fotos von aufgeräumten Kleiderschränken, nach der Konmari-Methode senkrecht gefalteten Kleidungsstücken, aber auch Unmengen von aussortierten Dingen auf. Doch wo landen all die Sachen, die durchs Konmari-Raster gefallen sind und ihren Besitzern nicht genug Freude gebracht haben, um sie zu behalten? In den Medien ist vereinzelt von Secondhand-Läden die Rede, die sich vor Spenden kaum retten können. Aber auch Bilder überquellender Altkleidercontainer geistern durchs Netz.

Doch ist der Hype auch schon in Karlsruhe angekommen? Damit sich Freunde der Kleidung aus zweiter Hand nicht vergeblich auf Schnäppchensuche begeben, haben wir in den Karlsruher Secondhand-Shops nachgefragt: Ist die Marie-Kondo-Welle auch hier spürbar?

Die Lage in den Karlsruher Secondhand-Shops

Über mangelnde Spenden kann sich tatsächlich auch in den Secondhand-Läden in Karlsruhe niemand beklagen. „Wir haben eigentlich permanent ein gutes Spendenaufkommen“, sagt eine Mitarbeiterin des Karlsruher Oxfam-Shops auf Anfrage. Auch bei „Jacke wie Hose“, einem Secondhand-Laden des Diakonischen Werks, ist der Eindruck ähnlich: „Bei uns wird insgesamt immer recht viel gespendet“, erklärt eine Mitarbeiterin. Von einem Spendenanstieg infolge der Marie-Kondo-Welle habe man nichts bemerkt. Im Secondhandkaufhaus „Kashka“ spricht man hingegen durchaus von einem „starken Monat“. Besonders bei Kleidung und Gegenständen habe man das Gefühl, dass die Spenden zugenommen hätten. Das sei aber „eben nur gefühlt“.

Etwas genauer kann es Marc Beck, der Leiter des Dienstleistungszentrums des Diakonischen Werks in Karlsruhe sagen. Die Spenden seien in den ersten zwei Januarwochen „definitiv hochgeschnellt“, erklärt Beck auf die Nachfrage von bnn.de. „Berge“ seien das gewesen und man habe sich bereits gefragt, was wohl die Ursache für die Spendenflut sein könne. Teilweise seien auch „nagelneue Sachen“ als Spende beim Diakonischen Hilfswerk eingetroffen. Auch im Vergleich zu den Vorjahren sei in diesem Jahr deutlich mehr gespendet worden. „40 Prozent mehr Spenden im Vergleich zum Januar 2018“, vermutet Beck sogar. Inzwischen habe es sich wieder etwas eingependelt, aber es sei „echt kurios“ gewesen. Was genau die Ursache für das deutlich erhöhte Spendenaufkommen tatsächlich sein könnte, weiß Beck nicht zu sagen.

Spenden kommen in Wellen

Dass es im Januar einen Anstieg der Spenden in Secondhand-Shops gibt, ist an sich nicht ungewöhnlich, erklärt Susanne Lipka, Shop-Referentin bei Oxfam in Frankfurt. „Grundsätzlich kommt das in Wellen“, so Lipka, fast jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr kämen richtige Schübe von Spenden. Auch während der Schulferien würde tendenziell immer mehr gespendet: „Eher dann, wenn die Leute Zeit haben“. Man brauche ja auch Zeit zum Aufräumen.

Neben Zeit braucht es für die Konmari-Methode übrigens auch eine spezielle Aufräum-Technik. Kleidungsstücke faltet die Japanerin beispielsweise nach folgendem Prinzip:

Selbst wenn es nicht die Marie Kondo-Welle war, die die Spenden in jüngster Zeit in die Secondhand-Läden spülte: Über zu wenig Secondhand-Spenden kann in Karlsruhe ohnehin niemand klagen. „Wir haben von allem zu viel“, sagt auch Elke Kreuz vom Karlsruher Männer-Secondhand-Laden „Mann-o-Mann“ und lacht. Dabei gäben Männer eher nicht so viel her und bräuchten auch nicht so viel wie die Frauen.

Tatsächlich habe sich die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren in Deutschland sichtbar erhöht, sagt Susanne Lipka. Das habe jedoch mehrere Gründe und keiner von ihnen habe zwingend mit der japanischen „Aufräum-Königin“ zu tun.

Entrümpeln ist Trend – nicht erst seit Marie Kondo

Ein Grund für den Anstieg der Secondhand-Spenden in den letzten Jahren sei beispielsweise das veränderte Konsumverhalten der Menschen. Heutzutage würde viel mehr Kleidung konsumiert als früher, sagt Lipka, „aber auch billige Ware, die nicht mehr so gut ist.“ Vor allem junge Frauen würden „ziemlich der Mode hinterherjagen“, viel mehr Kleidung kaufen und diese auch schneller wieder aussortieren. Die Kleidung habe heute jedoch oft eine viel schlechtere Qualität als früher.

Aber auch abgesehen vom veränderten Konsumverhalten, habe sich in der Gesellschaft in den letzten Jahren etwas verändert. „Die Tendenz, das Leben zu entrümpeln, ist ein Trend in Deutschland“, glaubt Lipka. Studien habe man zwar nicht durchgeführt, aber man bemerke einen gewissen Zeitgeist, der mit dem Marie-Kondo-Hype aus Japan wohl eher wenig zu tun habe. Vielmehr sei Marie Kondo Ausdruck eines Zeitgeistes, „der sowieso da ist.“