Die Wartburg bei Eisenach ist dank Martin Luther ein geschichtsträchtiger Ort. Bei der Ausstellung in der Pforzheimer Schloßkirche verbirgt sich hinter dieser großen, aufklappbaren Kulisse Luthers Arbeitszimmer im Puppenstuben-Format. Dort hat er unter dem Decknamen „Junker Jörg“ das Neue Testament übersetzt. | Foto: Wacker

Zeitreise in die Reformation

Ausstellung „Mensch Luther“ in der Pforzheimer Schloßkirche

Ein alter Brunnen, Stände, an denen unter dem Geschrei der Händler Fisch, Brot und Früchte verkauft werden, ziehen mitten hinein in ein mittelalterliches Markttreiben, wie es sich um 1500 in Wittenberg abgespielt haben könnte. Aufregung entsteht, als ein zeitgemäß gewandeter Mann aus dem Volk von einem für wenige Kreuzer erstandenen Ablassbrief erzählt: Damit sei er von allen Sünden befreit, den begangenen, wie den kommenden. Und entronnen der Hölle – die ganze Sippschaft gleich mit.
Es ist eine von vielen Lebensstationen des deutschen Reformators, die die Ausstellung „Mensch Luther“ in der Pforzheimer Schloßkirche darstellt.

Was hat Luther vor 500 Jahren beschäftigt?

Im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Baden haben die Projektleiter Lutz und Annette Barth in einer dreijährigen Vorbereitungszeit eine aufwendige und historisch fundierte Schau über Leben und Wirken Martin Luthers konzipiert und in Pforzheim aufgebaut. Sie bereisten die zentralen Luther-Stätten, berieten sich mit Fachleuten aus Geschichte, Theologie und Pädagogik. „Wir wollen für jeden verständlich zeigen, was den Menschen Martin Luther vor 500 Jahren beschäftigt und bewegt hat“, erklärt Lutz Barth das Konzept der „Zeitreise mit allen Sinnen“, die bis 28. Juli in Pforzheim zu sehen ist und von 17. September bis 20. November in der Matthäuskirche Karlsruhe.

„Knecht“ oder „Magd“ führt durch die Schau

Am Eingang der Pforzheimer Schloßkirche, auf einer „Zugbrücke“, werden die Besucher von einem ehrenamtlichen Ausstellungsführer, einem „Knecht“ oder einer „Magd“ – aus dem Hause Luthers – im historischen Gewand empfangen. Dieser geleitet sie dann zu einer etwa einstündigen, überaus spannenden Bildungsreise in die Zeit Luthers, die immer wieder Raum lässt für kleine Entdeckungen: Hinter einem Fensterladen taucht etwa das Bild einer Unterrichtsszene auf, in der ein Schüler den Hintern versohlt bekommt. Er hat das lateinische Wort für Herr, Dominus, falsch dekliniert. Ein in blaues Licht getauchter Raum wird zur begehbaren Bibel. Dort gelangt Luther zur Gewissheit, dass Gott kein Krämer und seine Güte gratis zu erhalten sei.

Besucher dürfen Thesen anschlagen

Die Zeitreise führt vom Elternhaus des Reformators über Schule, Studierstube, Kloster. Sie lässt innehalten im thüringischen Wald, als der angehende Jurist im Blitzschlag das erhoffte Zeichen für ein Leben als Diener Gottes zu erkennen glaubt. Am Nachbau jener Eingangstür der Schlosskirche in Wittenberg dürfen die Besucher der interaktiven Schau selbst Hand anlegen und eine Schriftrolle mit Thesen anbringen, so wie es der Legende nach Luther im Oktober 1517 getan haben soll.

Auf dem Reichstag zu Worms…

Eine andere Station erzählt von den Ereignissen beim Reichstag in Worms, als der aufmüpfige Doktor der Theologie seine ketzerischen Thesen widerrufen soll. Überdimensional groß gezeichnet sind der Kaiser mitsamt Kur- und Reichsfürstenrat. Klein dagegen erscheint die Figur Luthers, die zum Zeichen seiner Ängste und zeitweisen Zweifel in einzelne Facetten seiner Persönlichkeit buchstäblich auseinandergeklappt werden kann. Ein Schmankerl am Rande: Barth hat sämtliche Protagonisten mit den Porträts von Menschen aus seinem Umfeld versehen.
Illustratorin Sylvia Bespaluk gestaltete die rund 130 Kulissenteile. Grundlage dafür bilden Fotografien – von der Wartburg sowie von historischem Mauerwerk. Jede Kulisse wurde am Computer von der Pforzheimerin Sabine Schanz nachbearbeitet. Was der „Knecht“ den Ausstellungsbesuchern erzählt, wird ergänzt von Stimmen auf einer Hör-CD, die aus dem Off ertönen, wenn er die entsprechenden Knöpfe drückt. Für die eingesprochenen Texte beriet sich Barth mit dem Luther-Biografen Heinz Schilling. „An jedem Halbsatz haben wir geschliffen, denn es ging um Sekunden“, beschreibt Barth die Herausforderung, informativ aber nicht zu ausführlich, vor allem aber humorvoll rüberkommen zu wollen.

Ein „Knecht“ (Thomas Brommer, links) führt Besucher der Ausstellung zu verschiedenen Stationen, wie hier zum Reichstag nach Worms. | Foto: Wacker

Lichteffekte, Gänsegeschnatter, Hundegebell, das Krähen der Raben über der Wartburg und das Kratzen der Feder – etwa, wenn Luther als Junker Jörg an seinen Bruder im Geiste der Reformation, Philipp Melanchthon, schreibt – sind weitere liebenswerte Details. Sie machen das Eintauchen in Luthers Denken und Wirken zum vergnüglichen Spiel und schaffen eine atmosphärische Intensität, die die Schau auch für Schülergruppen mit allen Sinnen erlebbar machen dürfte, so wie es das Konzept der Ausstellung vorsieht.

Auch Schattenseiten werden beleuchtet

Auch die Schattenseiten im Leben des Reformators verschweigt die Schau nicht. Besucher hören von einem Rabbi, dass Luther gefordert hat, die Synagogen der Juden nieder zu brennen. Eine Bäuerin prangert seinen Verrat im Bauernkrieg an.
Rund 300 Ehrenamtliche haben an der Ausstellung „Mensch Luther“ mitgewirkt. Sie kann nur über eine vorab gebuchte Führung besucht werden. Die Hausherrin der Pforzheimer Schloßkirche, Pfarrerin Heike Reisner-Baral, ist überzeugt davon, dass die Schau am rechten Ort stattfindet. „Am 1. Juni 1556 wurde hier offiziell die Reformation in Baden ausgerufen.“ Und zwei Jahre nach Luthers Thesenanschlag sei in Pforzheim bereits evangelisch gepredigt worden.
Nicht zuletzt gibt es im Anbau der Schloßkirche das Reuchlinmuseum, benannt nach dem Humanisten Johannes Reuchlin. Und dessen Großneffe und Luthers großer Unterstützer bei der Bibelübersetzung, Philipp Melanchthon, stammte bekanntlich aus dem wenige Kilometer entfernten Bretten.

Luther-Ausstellung

Die Ausstellung „Mensch Luther“ ist bis 28. Juli in der Pforzheimer Schlosskirche zu sehen. Wer sie verpasst, erhält eine weitere Gelegenheit, sich auf Zeitreise in die Reformation zu begeben: Von 17. September bis 20. November wird die interaktive Schau in der Matthäuskirche in Karlsruhe gezeigt.
Vorab gebuchte Führungen sind Voraussetzung für den Besuch. Eintrittspreise sind gestaffelt: Kinder und Jugendliche zahlen 4 Euro, Erwachsene 7,50 Euro.
Weitere Informationen und Anmeldung sind telefonisch oder online möglich.

Anmeldung

Telefon (07 21) 9 17 53 93 montags, dienstags und donnerstags, 10 bis 12 Uhr, mittwochs und freitags, 16 bis 18 Uhr und samstags, 10 bis 13 Uhr.

http://www.mensch-luther.de