Brigitte und Horst Bertsch vor ihrer Kuckucksuhr aus Gaggenau-Michelbach, die sie an ihre alte Heimat erinnert.
Brigitte und Horst Bertsch vor ihrer Kuckucksuhr aus Gaggenau-Michelbach, die sie an ihre alte Heimat erinnert. | Foto: Bentz

Brigitte und Horst Bertsch

Badische Liebesgeschichte beginnt vor über 60 Jahren in Kanada

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Es ist die Lebensgeschichte zweier Auswanderer, die sich ein Hollywood-Regisseur nicht besser hätte ausdenken können. Wir schreiben das Jahr 1957, als der damals 22-jährige, gebürtige Gaggenauer Horst Bertsch zusammen mit sechs Polizeikumpels aus Durlach nach Ontario in Kanada auswanderte.

Sie hofften wie viele der Auswanderer auf bessere Arbeit, höhere Bezahlung und leichtere Aufstiegsmöglichkeiten in der Ferne. „Als Polizeibeamter verdiente ich 320 Mark, nach der Hälfte des Monats war das Geld verbraucht. An die Gründung einer Familie war da nicht zu denken. Deshalb kam das Angebot, als Holzfäller in Kanada zu arbeiten, gerade recht“, erzählt Horst Bertsch. Und so hieß es im März 1957 Abschied nehmen von der alten Heimat.

Zehn Tage dauerte die stürmische Überfahrt mit dem Schiff von Bremen über Southampton nach Halifax. Einen Tag dümpelte das Schiff infolge eines Motorenschadens auf dem Ozean. „Diese Gelegenheit haben wir genutzt, um im leeren Schwimmbad Fußball zu spielen“, berichtet Horst Bertsch.

Arbeit in einer Nickel-Mine

Nach der Ankunft im fremden Kanada – ohne Sprachkenntnisse jedoch voller Tatendrang – dann der erste Schock. Der in Aussicht gestellte Arbeitsplatz lag zwei Meter unter dem Schnee. Also ging es 1.200 Meter unter die Erde in eine Nickel-Mine in Sudbury. Als gelernter Schreiner nutzte Horst Bertsch dann aber die kurzen Sommermonate, um in seinem erlernten Beruf als Schreiner Häuser zu bauen.

Die zweite Auswanderergeschichte begann im April 1957, als Gertrud Frank das elterliche Blumengeschäft Ziegler in der Karlsruher Kaiserallee verließ und mit Tochter Brigitte ebenfalls nach Kanada auswanderte. Sie folgte ihrem Mann, der mit Sohn und der zweiten Tochter schon ein Jahr zuvor der badischen Heimat den Rücken gekehrt hatte.

Badische Liebesgeschichte beginnt in Kanada

Bedingt durch die fehlenden Sprachkenntnisse bei den meisten Auswanderer bildeten sich schnell deutsche Clubs. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst fand man dort ein Stück Heimat in der Fremde. In der Kirche lernte dann auch Horst Bertsch seine Brigitte kennen und lieben. Zu Hause im Badischen – nur 30 Kilometer voneinander entfernt – begegneten sie sich erst in Kanada.

Bereits zwei Jahre später wurde in Sudbury geheiratet. Sohn Martin und Tochter Heidi machten das Glück der jungen Familie komplett. Zuerst erfolgte ein Umzug nach Toronto, dann zogen die Vier 1968 nach Santa Monica in Kalifornien. Auch beruflich ging es aufwärts: Horst Bertsch fand seinen Traumjob als Schreiner am staatlichen College, Brigitte Bertsch konnte sich als Floristin verwirklichen.

Skat und Fußball als Hobbys

Neben der Arbeit fanden die Auswanderer in der neuen Heimat auch neue Betätigungsfelder. So gründete Horst Bertsch 1969 den Fußballclub „Alemania 69“. Höhepunkt war der Besuch der Fußball-WM 1974 in Deutschland mit der gesamten Mannschaft.

Neben Fußball ist aber Skat bis heute seine große Leidenschaft. Als Präsident der Skat-Sektion USA hat Bertsch mit der Nationalmannschaft an 17 Skat-Weltmeisterschaften teilgenommen. Auch mit 83 Jahren ist Horst Bertsch noch aktiv. Jetzt reiste er zur Skat-WM nach Berlin. Brigitte begleitet ihren Mann. Selbstverständlich stehen auch Verwandtenbesuche in Karlsruhe, Ettlingen und Gaggenau auf dem Programm.

Skat als Leidenschaft: Horst Bertsch bei einer Partie im deutsch-amerikanischen Vereinsheim in Santa Monica. | Foto: Bentz

Was vermissen Sie in Ihrer neuen Heimat am meisten?

Brigitte Bertsch: Mir fehlen die grünen deutschen Landschaften und die schönen Balkone mit den üppig blühenden Blumen. Kulinarisch freue ich mich bei unserem Deutschlandbesuch auf eine leckere Schwarzwälder Kirschtorte in Bad Herrenalb und die beste Linzertorte bekomme ich bei Christa in Ettlingen.

Horst Bertsch: Ich vermisse ein richtig gutes Brot, die Vielfalt ist hier einfach nicht gegeben. Und die original deutschen Delikatessen sind doch recht teuer in Kalifornien.

Wir hören gerne alte deutsche Lieder aus der Zeit unserer Auswanderung

Was tun Sie, um sich ein Stück Heimat in der Fremde zu bewahren?

Brigitte Bertsch: Unsere gemütliche Eckbank, meine Sammlung mit Hummelbildern und Figuren und unsere beiden Kuckucksuhren erinnern uns jeden Tag an unsere alte Heimat.

Horst Bertsch: Und natürlich kocht meine Frau Brigitte auch nach 60 Jahren in der Ferne noch viele deutsche Gerichte. Neben Rot- und Sauerkraut mit Bratwürsten, gibt es immer noch handgeschabte Spätzle. Und wir sprechen immer noch deutsch, wenn uns auch manchmal die Worte fehlen und wir wieder ins amerikanische rutschen. Auch hören wir gerne alte deutsche Lieder aus der Zeit unserer Auswanderung.

Was ist in der Ferne besser?

Brigitte Bertsch: Wir führen hier ein freieres Leben, es gibt nicht so viele Vorschriften.

Horst Bertsch: Es ist hier alles ungezwungener. Besonders im Berufsleben ist und war es viel problemloser. Deutsche Handwerker waren sehr gefragt. Zeugnisse haben nicht interessiert, es zählte nur die Leistung.

Zur Weihnachtszeit bekomme ich immer einen Rundbrief, da stehen alle wichtigen Ereignisse des Jahres drin

Stellen Sie sich vor, Sie wären für einen einzigen Tag wieder in der alten Heimat. Was würden Sie dann tun?

Brigitte Bertsch: Ich würde nach dem Verwandtenbesuch zu meinem Elternhaus in die Karlsruher Kaiserallee fahren. Dort bin ich aufgewachsen und das Blumengeschäft gibt es heute noch.

Horst Bertsch: Meine Schulkameradinnen und -kameraden würden für mich einen Ausflug planen und mit der Murgtalbahn nach Freudenstadt fahren. Zur Weihnachtszeit bekomme ich immer einen Rundbrief, da stehen alle wichtigen Ereignisse des Jahres drin. So bin ich seit Jahrzehnten bestens über die Heimat informiert. Selbstverständlich verfolge ich im Fernsehen die Politik und vor allem die deutschen Fußballspiele. Dazu gehört natürlich auch der KSC.

von Werner Bentz