Die Verfassung für das Großherzogtum Baden – „eigenhändig“ geschrieben von den Mitgliedern der zweiten Kammer des Landtages. Schulkinder mussten das Ganze entziffern.
Die badische Verfassung von 1818 – „eigenhändig“ geschrieben von den Mitgliedern der zweiten Kammer des Landtages. Schulkinder sollten mit dem Büchlein das Lesen üben. | Foto: GLA Karlsruhe Cl 123

Ausstellung: Demokratie wagen?

Badische Verfassung von 1818 – Leseübungen für Schulkinder

Als „liberales Musterländle“ wird Baden oft gepriesen. Jetzt zeichnet eine Ausstellung im Generallandesarchiv Karlsruhe die bewegte Demokratiegeschichte des Landes von 1818 bis 1919 nach – mit ihren Sternstunden, aber auch den Irrwegen. Ein Highlight, das erstmals die politische Teilhabe breiterer Bevölkerungskreise ermöglichte, war die berühmte badische Verfassung von 1818.

Der Großherzog gibt sich die Ehre

Wenn ein Fürst seinem Land erstmals eine Verfassung gibt – das ist schon was. Zumal dann, wenn er aus eigener Machtvollkommenheit seinen Untertanen politische Teilhabe und individuelle Freiheitsrechte  zubilligt. Das Recht auf freie (christliche) Religionsausübung etwa, Eigentums- und Berufsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz….

Wählen durften nur Männer ab 25

Gut, aus heutiger Sicht war die badische Verfassung von 1818 allenfalls ein Anfang. Das aktive Wahlrecht für die Zweite Kammer des Landtags hatten beispielsweise nur christliche Männer ab 25. Wer sich als Abgeordneter wählen lassen wollte, musste sogar mindestens 30 Jahre alt sein. Und zudem über ein dauerhaft hohes Einkommen, ein gewisses Vermögen oder aber – über ein Weinhandlungspatent verfügen, wie Peter Exner vom Generallandesarchiv schmunzelnd bemerkt. Trotz solcher Einschränkungen gilt die badische als die liberalste deutsche Verfassung ihrer Zeit.

Und wo ist die Verfassungsurkunde?

Doch wer in die Ausstellung „Demokratie wagen?“ kommt, sucht vergeblich nach einer prächtigen, 200 Jahre alten Verfassungsurkunde, die diesen Sachverhalt dokumentiert. Der Grund dafür: „Es gibt keine“, sagt Wolfgang Zimmermann, der Direktor des Generallandesarchivs. Der todkranke Landesherr Karl von Baden zeichnete während eines Kuraufenthalts in Bad Griesbach am 22. August 1818 lediglich den Verfassungsentwurf ab. Am 29. August wurden die 83 Paragrafen im Großherzoglich Badischen Staats- und Regierungsblatt veröffentlicht. Damit trat die Verfassung in Kraft.

Die badische Verfassung abgeschrieben

Da es keine Urkunde zum Bewundern gibt, haben die Ausstellungsmacher im Generallandesarchiv ein Büchlein aufgeschlagen. Es kündet auf ganz eigene Art vom Stolz der Badener auf ihre Verfassung. Zu sehen ist der Kopf von Großherzog Karl – und darunter Handgeschriebenes. 1831 hatten Abgeordnete der zweiten Kammer sich die Mühe gemacht, die badische Verfassung eigenhändig abzuschreiben, jeder einen Abschnitt. Das so entstandene Stückwerk wurde anschließend „durch den Ueberdruck als Facsimile“ vervielfältigt.

Schüler mussten das Ganze entziffern

Zum Einsatz kam das Büchlein an badischen Schulen: Die Kinder übten daran das Lesen verschiedener Handschriften. Aber nicht nur. Vor allem sollten die künftigen Steuerzahler das mühsam Entzifferte auch verinnerlichen, sich von klein auf mit der Verfassung identifizieren. Und mit dem badischen Staat.

Großherzogtum Baden:
Großherzogtum Baden: Blick in die Ausstellung „Demokratie wagen?“ | Foto: abw

Die Ausstellung

Bis 12. August 2018 ist „Demokratie wagen? Baden 1818–1919“ im Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) zu sehen. Die Ausstellung zeichnet mit Dokumenten und anderen Exponaten – viele werden erstmals öffentlich gezeigt – den Weg Badens von der Monarchie zur Republik nach.

„Das Projekt versteht sich als wichtiger Baustein in der historisch-politischen Bildungsarbeit des Landesarchivs“, sagt GLA-Chef Wolfgang Zimmermann. Und Kurator Peter Exner hofft, dass die Ausstellung dazu beträgt, vor allem junge Menschen gegen „Einflüsterungen von Demokratiegegnern“ zu immunisieren.

Denn wie das Fragezeichen im Ausstellungstitel andeutet: Selbstverständlich sind Demokratie und Freiheitsrechte nicht. Und die Entwicklung ist auch nicht unumkehrbar. Das zeigt in der Schau ein kleiner Epilog. Er verweist auf die leidvollen Erfahrungen im NS-Willkürstaat und führt bis zum Grundgesetz von 1949.

Weitere Infos sowie die Öffnungszeiten finden Sie hier.

Blick in die Ausstellung "Demokratie wagen?" im Generallandesarchiv Karlsruhe. Rechts: Großherzog Karl, der die badische Verfassung von 1818 genehmigte.
Blick in die Ausstellung „Demokratie wagen?“ im Generallandesarchiv Karlsruhe. Rechts: Großherzog Karl. | Foto: abw

Auf Wanderschaft

„Demokratie wagen?“ ist als Wanderausstellung konzipiert. Wenn sie in Karlsruhe abgebaut wird, zieht sie (allerdings ohne die Originale aus dem Generallandesarchiv) nach Freiburg weiter. Ende des Jahres soll sie in Offenburg zu sehen sein. 2019 und 2010 wandert die Präsentation weiter durch badische Städte – unter anderem nach Bruchsal, Baden-Baden und Rheinstetten. Vor Ort wird sie jeweils mit lokalen Ausstellungsstücken angereichert.