Verfechter der badischen Interessen: Robert Mürb (88) ist Vorsitzender der "Landesvereinigung Baden in Europa". Im BNN-Interview erklärt er, warum er erst nach der Länderfusion zum kämpferischen Patrioten geworden ist - und warum er sich heute noch über einen Wutausbruch Erwin Teufels freut. | Foto: Deck/dpa

50 Jahre Volksabstimmmung

Robert Mürb kritisiert: „Die Benachteiligung Badens kam erst nach der Abstimmung“

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Er kämpft unverdrossen für die Gleichberechtigung der Badener: Robert Mürb, Vorsitzender der „Landesvereinigung Baden in Europa“. Im BNN-Interview erklärt er, warum seine Wut auf den Stuttgarter Zentralismus erst nach der zweiten Abstimmung über Baden-Württemberg 1970 wuchs.

Robert Mürb betont: Seine „Landesvereinigung Baden in Europa“ kämpfe nicht gegen die Menschen in Schwaben, sondern gegen den Stuttgarter Zentralismus. Die Landeshauptstadt übervorteile neben Baden auch Regionen wie Hohenlohe und Oberschwaben. Wie der gebürtige Baden-Badener und Wahl-Karlsruher die zweite Abstimmung über das fusionierte Bundesland Baden-Württemberg 1970 beurteilte und wieso er zum kämpferischen badischen Patrioten wurde, darüber sprach Mürb mit BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger.

Wenn Sie an die hohe Niederlage bei der zweiten Baden-Württemberg-Abstimmung 1970 denken – versetzt Ihnen das heute noch einen Stich?

Robert Mürb: Nein, denn es war eine Entscheidung der badischen Bevölkerung, die 1970 durch den Zuzug vieler Flüchtlinge eine andere war als 1956, als das Bundesverfassungsgericht sein Urteil fällte. Land und Bund wollten die Abstimmung so lange verzögern, „bis der letzte Altbadener gestorben wäre“, wie es Kurt Georg Kiesinger einmal ausgedrückt hatte.

Wie und wo haben Sie damals den Tag der Abstimmung erlebt?

Mürb: Ich war an dem Tag gar nicht in Baden, sondern in Schweden. Ich hatte Briefwahl gemacht.

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Waren Sie damals überhaupt schon solch ein kämpferischer badischer Patriot wie heute und hofften auf die Wiederherstellung des alten Baden – oder sahen Sie die Sache eher nüchtern und gefasst?

Mürb: Ich hätte es damals ideal gefunden, wenn 52 Prozent der Wähler für Baden-Württemberg gestimmt hätten – damit das Land bestehen bleibt, aber die Badener auch sagen könnten: „Wenn ihr euch nicht benehmt, machen wir uns wieder selbstständig.“ Aber dem grandiosen Werbefeldzug des Landes, den Millionenausgaben für Plakate, hatte der Heimatbund Badenerland wenig entgegenzusetzen.

Um die Badische Fahne auf dem Karlsruher Schloss gab es in der Vergangenheit häufiger Wirbel. Foto: imago-images | Foto: imago-images

Ihr Herz schlug für Baden, aber die Vernunft sprach für das vereinigte Bundesland?

Mürb: Ja, mein Herz war für Baden, aber ich war vor allem ein glühender Europäer und sah für kleine Länder keine große Zukunft im europäischen Maßstab. Damals hatten wir mit den Württembergern auch noch keine so schlechten Erfahrungen. Die Benachteiligung kam erst nach der zweiten Abstimmung.

Baden-Württemberg vereinnahmt Jogi Löw

An welche Affronts gegen Baden denken Sie da vor allem?

Mürb: An die Kreisreform, die alte Grenzen verwischen sollte. An die Umwandlung der Regierungspräsidien Nord- und Südbaden in die RPs Karlsruhe und Freiburg. Und später waren die bittersten Erfahrungen die Fusionen der Energiebetriebe, Banken und Versicherungen, die durchweg zugunsten des Standorts Stuttgart ausgingen. Alles, was mit Baden zu tun hatte, wurde abgeschafft. Und noch heute ist es so: Wenn ein Badener Erfolg hat, dann spricht das Land vom erfolgreichen Baden-Württemberger, aber der erfolgreiche Württemberger wird als solcher gewürdigt. Das beste Beispiel ist Jürgen Klinsmann, der als „württembergischer Fußballstar“ gefeiert wurde – aber der Badener Jogi Löw ist der „baden-württembergische Fußballtrainer“.

Sie sind also erst durch Frustrationen in der Zweckehe mit Württemberg zum energischen Baden-Vorkämpfer geworden?

Mürb: Ja, ich bin für Gerechtigkeit. Wenn ein Teil den anderen übervorteilt, auch in Familien, dann finde ich das nicht in Ordnung. Wir wären als selbstständiges Baden nicht nur finanziell weiter, sondern zum Beispiel auch politisch, in der Trinationalen Metropolregion mit Frankreich und der Schweiz.

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Meinen Sie, das kleine und schmale Land Baden hätte alleine einen ähnlichen Wohlstand erlangen können wie das vereinte Baden-Württemberg?

Mürb: Durchaus. Bereits in den 1950er-Jahren bestätigte das sogenannte Luther-Gutachten, dass Baden selbstständig ein finanzpolitisch solides Bundesland gewesen wäre. Heute läge es an sechster Stelle unter den 16 Bundesländern, Württemberg an fünfter Stelle. Und die Zukunftsbranchen liegen in Baden. Das hat Lothar Späth schon Mitte der 80er-Jahre vorausgesagt: Die Konzentration auf die Automobil-Branche in Württemberg war ihm zu einseitig.

Welcher Ministerpräsident war denn aus Ihrer Sicht am unfairsten gegenüber den Badenern?

Mürb: Neben Kiesinger war es Erwin Teufel, der in seiner Politik vor allem auf den Wettbewerb der Landeshauptstädte schaute. Er verglich Stuttgart mit München und sah den großen Nachholbedarf. Er zentralisierte auf Teufel komm raus – zu Lasten aller anderen Landesteile. Er erkannte nicht – so wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder –, dass ein moderner Staat dezentral organisiert werden muss.

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Erwin Teufel haben Sie in Rage gebracht, als Sie ihm beim Festakt „150 Jahre Badische Revolution“ in Karlsruhe eine Unterschriftenliste gegen den Stuttgarter Zentralismus vorlegten. Freuen Sie sich heute noch über diese gelungene Provokation?

Mürb (lacht): Ja, das muss ich sagen. Auch die Anderen, die dabei waren, amüsieren sich heute noch darüber. In seiner Rede lobte Teufel die Bürger, die damals nicht obrigkeitshörig waren, sondern ihr Schicksal in die Hand genommen haben. Als wir danach zu ihm kamen und sagten: „Wir sammeln Unterschriften gegen den übertriebenen Stuttgarter Zentralismus“, da ist er laut geworden. Er hat gerufen „Separatisten“, „Volksverführer“ und ist wütend abmarschiert. Das war eine tolle Werbung für uns.

Millionen für die Wilhelma, nichts für den Karlsruher Zoo

Sie führen seit vielen Jahren akribisch Buch darüber, wie viel Geld das Land an den badischen und den württembergischen Landesteil überweist. Haben Sie immer noch Anlass zum Schimpfen – oder geht es heute gerechter zu?

Mürb: Es geht zum Teil heute gerechter zu. Das fing schon mit Herrn Oettinger an. Er hat erkannt, dass wir in vielem Recht haben. Ministerpräsident Kretschmann hat das fortgeführt. Wir merken, dass er sensibel auf unsere Briefe reagiert. Aber es gibt immer noch viele Ärgernisse. Für Kultur zum Beispiel, für Theater und Bibliotheken, wird in Stuttgart anteilig immer noch mehr Geld ausgegeben als in den anderen Großstädten. Und das Land bezuschusst die Stuttgarter Wilhelma mit Millionen, den Karlsruher Zoo nicht. Oder das Beispiel der Schlösser: Heidelberg und Schwetzingen bringen die meisten Einnahmen, doch die meisten Investitionen fließen nach Ludwigsburg.

Bei einem Besuch des Ministerpräsidenten Kretschmann wurde die badische Flagge auf dem Karlsruher Schloss eingeholt und die baden-württembergische gehisst. | Foto: Borchardt-Wenzel

Durch die Corona-Krise werden die staatlichen Gelder knapp. Erwarten Sie neue Verteilungskämpfe zwischen den Landesteilen?

Mürb: Ich fürchte es, ja. Ich will auch mal mit Herrn Kretschmann darüber reden: Wie kann man institutionalisieren, dass es gerecht zugeht? Es ist ärgerlich, dass sich immer wieder engagierte Laien wie wir darum kümmern müssen. Das wäre eine  Aufgabe für den Rechnungshof.

Was schätzen Sie: Wie lange wird die Baden-Frage überhaupt noch eine Rolle spielen? Immerhin sind selbst die Badener, die heute 68 Jahre alt werden, schon im vereinten Baden-Württemberg geboren.

Mürb: Die Baden-Frage hat eine Bedeutung, solange es ungerecht zugeht. Die Regionen sind die nähere Heimat der Menschen. Und wenn eine dringend benötigte Umgehungsstraße in Württemberg gebaut wird, aber die in Baden nicht, dann ist das schon von Bedeutung für die Menschen.

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