In Angst erstarrt vor der Aufsicht sieht Hans-Peter Burghof die Mitarbeiter der Banken. Das dürften sie aber nicht sein, damit Unternehmen in Not rasch geholfen werden kann. Burghof fordert die Bankenaufsicht auf, die Zügel zu lockern. | Foto: dpa

Hans-Peter Burghof

Banken-Experte kritisiert Europäische Zentralbank in der Coronakrise

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Für falsch hält Hans-Peter Burghof es, wie die Europäische Zentralbank (EZB) auf die Corona-Krise reagiert hat. Vor allem kleine Betriebe seien von der Pleite bedroht. Ihnen müsste sehr schnell geholfen werden, sagt der BWL-Professor und Bankenexperte im BNN-Interview.

Die Aufsichtsbehörden müssten die Kreditberater nun freier agieren lassen. Vermögenden Kunden und Unternehmen, die nun auf Abschaffung der Minuszinsen für ihre Geldanlagen setzen, macht Burghof keine Hoffnung. BNN-Redakteur Dirk Neubauer hat sich mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen der Universität Hohenheim unterhalten.

Die Europäische Zentralbank verlangt von Geschäftsbanken nach wie vor Strafzinsen, falls diese Geld bei ihr parken. Durch die Corona-Krise werden die Geschäftsbanken nun verstärkt Kredite an Unternehmen vergeben. In ihren Bilanzen könnten sich dadurch Einlagen und Kredite ihrer Kunden ausgleichen – bislang gibt es meistens einen Einlagenüberhang. Dann müssten die Banken auch weniger Geld mehr bei der EZB parken. Wird in der Folge der EZB-Strafzins für die Banken abgeschafft?

Hans-Peter Burghof: Nein, die EZB hat ja beim Auftreten der Krise reflexhaft die geldpolitische Kanone wieder herausgeholt. Sie will das Geld auf alle Fälle billig halten. Das ist der falsche Weg. Wir haben keine konjunkturelle Krise, wir haben eine ganz andere Krise, die wirtschaftliche Prozesse unterbricht.

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 Was sollte die EZB tun?

Burghof: Vor allem kleine Unternehmen sind von der Pleite bedroht. Wir müssen die Hilfen also schnell in die Fläche bringen. Wir brauchen dazu die Banken. Die Bankmitarbeiter sind aber in Angst erstarrt vor der Aufsicht. Hier müssten die EZB und die BaFin als weitere Aufsichtsbehörde dringend die Regulatorik lockern. Kreditberatern und Kreditsachbearbeitern muss jetzt wieder der Freiraum für mutige Entscheidungen ermöglicht werden. EZB und BaFin müssen den einzelnen Mitarbeitern in der Bank die Kompetenz geben, Entscheidungen zu treffen, die eben nicht alle bürokratisch abgesichert sein können.

 

Der Strafzins wird nicht abgeschafft. Da bin ich mir ziemlich sicher

Noch mal zurück zu den Negativzinsen. Gibt es durch das neue Umfeld keine Entlastung für Banken und somit für die vermögenden Kunden, an die bislang Strafzinsen weitergereicht werden?

Burghof: Der Strafzins der EZB wird nicht abgeschafft. Da bin ich mir ziemlich sicher. Er wird nur weniger relevant werden für die Banken. Aber machen Sie sich nichts vor, die Zinsspanne ist für Banken nicht besonders hoch. Banken tragen in der Krise ein höheres Risiko, brauchen also jede Einnahmequelle.

Banken werden froh sein, dass sie Strafzinsen für vermögende Privatkunden und Unternehmen etabliert haben, zumal das Niveau der Strafzinsen ja auch nicht auskömmlich für sie ist. Und die Banken brauchen Eigenkapital-Reserven für die drohenden Verluste durch höhere Kreditausfallrisiken, die sie nun eingehen. Letzteres, weil Eigenkapital aus Gewinnen und Gewinne aus Margen entstehen. Sie haben zwar gut Eigenkapital aufgebaut, das kann aber schnell abschmelzen.

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Anderes Thema: die Hilfsprogramme. Kleinfirmen mit bis zu fünf Beschäftigten sollen 9.000 Euro für drei Monate direkten Zuschuss bekommen, bei Firmen mit bis zu zehn Beschäftigten sind es 15.000 Euro. Das ist doch ein Klacks, der ihnen kaum weiterhilft. Oder sehen Sie das anders?

Burghof: Das ist ein Notbehelf der ersten Art. Ich denke, dass das schon vielen kleinen Gewerben sehr hilft. Das ist die erste Runde, weil wir schnell etwas tun müssen. In einer zweiten Runde müsste man da etwas differenzieren, da gebe ich Ihnen Recht. Für den einen Kleinbetrieb sind 9.000 Euro viel Geld, für einen anderen gar nichts.

Über die staatliche KfW-Bankengruppe sollen Notkredite vergeben werden. Nur: Die müssen ja auch wieder zurückbezahlt werden. Wird dies die meisten Unternehmen überfordern?

Burghof: Nein, ich denke, das wird die meisten nicht überfordern, falls sich die Krise in einem überschaubaren zeitlichen Fester hält. Die Zinsen der Hilfskredite sind sehr gering, die werden vom Staat hochgradig subventioniert …

… und die Tilgung?

Burghof: Wenn einem das Wasser so zum Hals steht, denkt man über die Tilgung erst mal nicht nach. Es hängt mit davon ab, ob es später einen wirtschaftlichen Aufholprozess gibt. Dann wird die Tilgung für die meisten Unternehmen kein Problem sein.

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Kreditberater und Kreditbearbeiter der Banken und Sparkassen stehen Gewehr bei Fuß, schieben Sonderschichten. Sie klagen aber, noch keine Detailinfos zu den KfW-Hilfen zu haben. Läuft nicht die Zeit davon?

Burghof: Es ist wichtig, dass Banken und Sparkassen darauf hinweisen. Wir müssen jetzt sehr, sehr schnell sein. Die Illiquidität kommt rasch. Die grundsätzlichen Rahmenprogramme der KfW sind vorhanden, sie sind aber noch sehr grob. Es muss unkompliziert gehen. Dann können die Banken und Sparkassen agieren. In dieser Not hilft kein Fintech oder sonst was. Wir brauchen jetzt normale Banken.

Gar keine Rolle in der öffentlichen Diskussion spielen bislang Verbraucherkredite. Wenn Menschen nun arbeitslos werden oder kurzarbeiten müssen, kommen sie in Schwierigkeiten, ihre Kredite zu tilgen oder Leasingraten zu bezahlen …

Burghof: Das ist vollkommen richtig. Die Ausfallrisiken werden steigen, in den vergangenen Jahren waren sie sehr gering. Wie gravierend, das hängt davon ab, wie wir die Krise meistern und wie schnell die Forschung einen Impfstoff oder ein Medikament gegen das Coronavirus bereitstellt.