Haare und Bart stutzt Elisa Vacca für Karl-Heinz in der Vesperkirche. Die schwarzen Kutten sind das Markenzeichen der Barber Angels Brotherhood.
Haare und Bart stutzt Elisa Vacca für Karl-Heinz in der Vesperkirche. Die schwarzen Kutten sind das Markenzeichen der Barber Angels Brotherhood. | Foto: jodo

Hilfe für Bedürftige

Barber Angels schneiden in der Karlsruher Vesperkirche kostenlos Haare

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Zum Abschied gibt es für Lena Müller eine Umarmung. Die Friseurin ist eine von 13 Barber Angels, die am Sonntag in der Vesperkirche am Karlsruher Werderplatz Bedürftigen und Obdachlosen kostenlos die Haare schneiden.

Einige Zentimeter von Silvias grauer Mähne sind der Schere zum Opfer gefallen. „Jetzt kann ich endlich wieder unter die Leute“, sagt sie strahlend. In den vergangenen Wochen hatte sie ihre Haare extra wachsen lassen. Der Besuch der Friseure in der Vesperkirche hatte sich herumgesprochen. Am Sonntag ist sie früh da und als eine der ersten an der Reihe.

Helfer aus ganz Baden-Württemberg und der Pfalz

Rund drei Mal pro Jahr greifen die Barber Angels in Karlsruhe für den guten Zweck zu Schere, Rasierer und Kamm. Die Mitglieder der 2016 gegründeten „Brotherhood“ (deutsch: Bruderschaft) reisen dafür aus ganz Baden-Württemberg und der Pfalz an. Lena Müller ist seit zweieinhalb Jahren dabei. Sie wollte etwas Gutes tun, konnte mit Spenden aber nichts anfangen. „Da bin ich nie sicher, wo das Geld am Ende landet. Deshalb tue ich das, was ich kann: Haare schneiden“, erklärt sie.

Provisorischer Friseursalon im Pfarrhaus

In der Vesperkirche sind die karitativ engagierten Friseure zum ersten Mal. Als sie ankommen, werden sie mit Applaus empfangen. An viele Besucher haben die Verantwortlichen unter der Woche Gutscheine verteilt – dran kommt am Sonntag aber auch, wer spontan möchte. Und das sind so einige.

Der erste Stock des Pfarrhauses im Hinterhof der Johanniskirche ist zum provisorischen Friseursalon umfunktioniert. Im Kreis stehen 13 Stühle, in der Mitte türmen sich auf den Tischen und in mehreren Kisten Föhne, Dosen mit Haarspray oder Gel und Bürsten. Nur die charakteristischen Spiegel eines Friseursalons gibt es hier nicht.

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Dankbarkeit zeigt sich oft

„Manchmal erleben wir bei unseren Einsätzen sehr emotionale Momente“, erzählt Lena Müller. „Einmal ist beispielsweise eine Frau vor Freude in Tränen ausgebrochen, als ich ihr die neue Frisur im Spiegel gezeigt habe.“

Von der oft großen Dankbarkeit abgesehen, unterscheiden sich die Hilfseinsätze aber nicht vom Tagesgeschäft. „Wir behandeln die Menschen wie jeden anderen Kunden auch“, sagt Müller. Andersrum ist es genauso. Manche sind beim Haarschnitt gesprächig, andere eher still. Manche haben eine klare Vorstellung, andere wollen einfach nur Veränderung.

Die meisten waren lange nicht beim Haare schneiden. Für viele ist das eine Belastung. „Bitte macht was. Ich kann das Kraut nicht mehr sehen“, äußert am Sonntag eine Frau.

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Schicksal der Menschen beschäftigt die Helfer

Karl-Heinz will vor allem kürzere Haare – und wünscht sich, dass sein wilder Bartwuchs gebändigt wird. Auf dem Stuhl vor Elisa Vacca geht das schnell in Erfüllung. Mit dem Elektro-Rasierer sorgt die ausgebildete Friseurin innerhalb weniger Minuten für Ordnung auf dem Kopf von Karl-Heinz.

Vacca ist seit gut eineinhalb Jahren Teil der Barber Angels. Das Schicksal der Menschen, denen sie geholfen hat, beschäftigt sie oft noch länger, besonders wenn sie Obdachlosen und Drogensüchtigen die Haare geschnitten hat: „Das ist schon hart. Wir fahren danach einfach heim. Sie tun das nicht.“