Viele Formen und Farben haben die „Bebber“ im öffentlichen Raum. Das Fenster gegenüber dem Café im Alten Stadion ist schon länger beklebt. Das zeigen auch die Spuren alter Sticker. | Foto: Frankenreiter

Aufkleber in Karlsruhe

„Bebber“ beherrschen die Masten der Innenstadt

Anzeige

Da „bebben“ sie. Klein, quadratisch und weiß, groß, rund und blau oder auch mal rechteckig und kunterbunt. Sie verteilen sich auf Laternenmasten, Rohrpfosten, Straßenschildern und Verteilerkästen. Manche hängen auch an Bäumen oder kleben an einem Fahrradständer. Von Stickern, Aufklebern, oder badisch auch „Bebbern“ ist die Rede.

Sie machen Werbung für Partys, einen Dojo, Websites. Mit Blickrichtung aufs Schloss klebt an einem Laternenmast in der Kreuzstraße ein Sticker, der auf regenbogenfarbenem Hintergrund auffordert „Lieb doch wen du willst“. Dazwischen immer wieder, in allen Formen und meistens blau: der Karlsruher SC. Ein verblichener Aufkleber skandiert „Karlsruhe – meine Stadt, meine Liebe, mein Verein“.

Männerdomäne Fußball trifft Sexismus-Kritik

Auch wenn diejenigen, die die Kleber anbringen, anonym bleiben, eröffnen die „Bebber“ eine Mitteilungsebene. Manche scheinen fast miteinander zu kommunizieren. An einem Laternenmast leuchtet in zartem lachsrosa ein Sticker mit Weiblichkeitszeichen und kämpferischer Faust, „Rosen sind rot, Veilchen sind blau, ich liebe es wirklich mit dir Sexismus zu zerschmettern“ ist auf Englisch zu lesen. Direkt daneben, in kräftigem Blau, ein Aufkleber der KSC-Ultras Wild Boys 2004. Männerdomäne Fußball trifft feministisch motivierte Sexismus-Kritik.

Feministisch motivierte Sexismuskritik in zartem lachsrosa trifft Männerdomäne Fußball in kräftigem blau. An der gekachelten Wand rechts sieht man bunte Schnipsel – die Überbleibsel von entfernten Klebezetteln. | Foto: Frankenreiter

Fans und Gegner

Ein Hertha-BSC-Sticker hat scheinbar Fans und Gegner. Die rauen Klebespuren auf seiner Oberfläche, die bereits Ablösungen erkennen lässt, weisen darauf hin, dass er einmal überklebt wurde. Irgendjemand hat ihn dann wieder befreit.

Schinkelleuchten sind stickerfrei

Eine Querstraße weiter sind die Schinkelleuchten der Karl-Friedrich-Straße unbeklebt. Als würde die Ehrwürdigkeit, die sie ausstrahlen, sie vor den Übergriffen der Klebefreunde bewahren – oder ist hier die Stadt besonders gründlich mit dem Entfernen? Klebt es sich auf den alten Laternenmasten vielleicht schlechter? Dafür sind die 24 Rohrpfosten auf dem Platz der Grundrechte ein paar Meter weiter umso beklebter. Die Schilder reizen scheinbar insbesondere politische Sticker-Fans aller Couleur, ihre Botschaften zu hinterlassen.

Bordell-Werbung und christliche Botschaften

Auch Verteilerkästen sind ein beliebtes Ziel für die Botschaften. Direkt gegenüber der Pyramide kleben „Äffle und Pferdle“ neben weiteren Stickern. Auf ein Milieu der „Kleber“ lässt sich durch die Sticker nicht schließen. Da „bebbt“ Werbung für eine Shisha-Bar neben politischen Aufklebern. Eine gelbe Katze mit roter Nase und psychedelischen Augen streckt ihre blaue Zunge heraus. Christliche Botschaften sind ebenso als Klebezettel im öffentlichen Raum zu finden, wie die Werbung für ein Bordell.

Veränderung des öffentlichen Raums

Auch die Stadt sucht per Sticker. Und zwar Ideengeber, die mit ihren Gedanken zur Gestaltung des öffentlichen Raums beitragen. Kein schlechter Gedanke, auf diese Art zu suchen – denn so unterschiedlich die Klebefreunde auch sein mögen, mit ihren Stickern verändern sie den öffentlichen Raum. Allerdings ist das Bekleben von öffentlichem Eigentum eine Ordnungswidrigkeit.

Legaler Riesen-Sticker

An der Haltestelle Herrenstraße wird in einem Schaufenster ganz legal ein Riesen-Sticker angebracht. Der klebt auch von selbst, ist aber viel größer als die kleinen Aufkleber gegenüber am Laternenmast. Daher sind auch zwei Menschen und eine Leiter notwendig, um die Werbung zu befestigen.

Kein Magier in Sicht

Ein schmutziger Zettel klebt an einem der Masten an der Haltestelle. „Magier gesucht? Magier gebucht“ steht darauf, garniert mit einem kleinen schwarzen Zylinder am rechten Rand. Ob der Magier sich da wohl rauszaubern lässt? Ein Kontakt ist nämlich nicht zu finden – die untere Hälfte des Zettels fehlt.

Ob der Magier sich wohl aus dem kleinen Zylinder zaubern lässt? Ein Kontakt lässt sich nämlich nicht finden. | Foto: Frankenreiter

Kreativer Burger

Durch ihre Kreativität stechen zwei „Bebber“ in der Ritterstraße hervor: Ein Paketschein wurde zweckentfremdet, von ihm blickt nun ein Pfeifenraucher mit Schildmütze in schwarz-weiß herab. Wenige Meter weiter besticht ein schmackhafter Burger in Neongrün mit pinkfarbenem Belag.

Bezug zum studentischen Leben

In Richtung KIT werden die Sticker teilweise mehr, sie verändern sich aber auch inhaltlich. Hier ist nun ein Bezug zum studentischen Leben zu erkennen. Immer noch gibt es KSC-Sticker, da auch das Stadion in der Nähe ist. Die Mehrzahl ist aber anderer Art. Vor der Mensa hängt ein Zettel, der nach Nachhilfelehrern sucht, festgepinnt mit Reißzwecken. Mehrere Reißzwecken, auch an umliegenden Bäumen, und Stecknadeln mit roten, gelben und blauen Köpfen zeigen, dass hier öfter Zettel hängen.

Mehr bunt als stahlgrau

Vor dem Café im Alten Stadion stehen bunte Biergarnituren, über ihnen Girlanden mit bunten Glühbirnen, die von Rohrpfosten gehalten werden. Auch diese sind mehr bunt als stahlgrau. Sticker äußern sich positiv über das Containern, die oft illegale Mitnahme von weggeworfenen Lebensmitteln aus Supermarktmülleimern, sprechen sich gegen Kohle und Ackergifte aus. Fast schon kunstvoll sehen die Schnipsel aus, die fächerförmig an einem A4-großen Zettel hängen, der nach einem DJ sucht. Wer einen Schnipsel abreißt und mitnimmt, kann sich per E-Mail bewerben.

Die kleben alles voll

Sebastian Schabel und Till Hunsänger haben sich gerade Heißgetränke im Café geholt. Die beiden Maschinenbaustudenten sagen, sie hätten noch nie Aufkleber befestigt. „Da wo Studenten sind, gibt es Sticker. Die kleben alles voll“, sagt Schabel. „In der Südstadt kleben auch einige“, fügt Hunsänger hinzu. Sie vermuten, dass zumindest in Uninähe vor allem die Hochschulgruppen für die Sticker verantwortlich sind. „Die machen Werbung“, so Schabel. Hinter ihm ist ein Schaukasten in die Wand eingelassen, dessen Scheiben beinahe komplett beklebt sind. Schabel weiß, dass das schon länger so ist. Was in ihm einmal zu sehen war, ist unklar. Heute könnte man das auch gar nicht mehr erkennen. Zu viele „Bebber“, große, kleine, eckige, runde, verdecken die Sicht.