Auch die Moscheen spielen bei der Informationsverteilung über das Coronavirus eine Rolle. | Foto: Martina Holbein

Viele Fake News kursieren

Behörden in der Region klären vielsprachig über das Coronavirus auf

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Im Kampf gegen das Coronavirus ist es wichtig, jedem die aktuellen Spielregeln zu erklären. Kommunen und Behörden bemühen sich, diese auch in Sprachen wie Türkisch, Russisch oder sogar Farsi zur Verfügung zu stellen. Doch bei den Betroffenen spielen die sozialen und persönlichen Netzwerke oft eine größere Rolle als die offiziellen Seiten.

Verordnungen, die sich innerhalb von 24 Stunden ändern und Regelungen, die von Bundesland zu Bundesland und manchmal sogar von Kommune zu Kommune unterschiedlich sind: Es ist nicht einfach, während der Corona-Pandemie die Übersicht zu behalten.

Das gilt erst recht für Menschen mit geringen Deutschkenntnissen. Behörden und Kommunen bemühen sich, diesen Personenkreis mit offiziellen Informationen zu versorgen. Doch oft spielen bei den Betroffenen soziale Netzwerke einen größere Rolle – und damit potenziell auch Falschnachrichten.

„Meine Patenfamilien informieren sich überwiegend aus den sozialen Medien. Da gibt es auch viele Fake News. Die biegen wir dann wieder im persönlichen Gespräch gerade“, sagt Andrea Flackus. Die Krankenschwester arbeitet seit der Flüchtlingswelle 2016 für den Landkreis Rastatt.

Die Netzwerke von 2015 sind hilfreich

Derzeit ist sie halbtags im Gesundheitsamt tätig und engagiert sich nach wie vor ehrenamtlich in der Flüchtlingsbetreuung. Sie hat auch beobachtet, dass viele die aus der Heimat gewohnten Fernsehsender einschalten. Eine syrische Familie, um die sie sich kümmere, besorge sich auf diesem Weg die neuesten Informationen in arabischer Sprache.

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Dabei bieten die Behörden Informationen in vielen Sprachen an. Das Gesundheitsamt des Landkreises Rastatt hat Flyer zum Thema häuslicher Quarantäne unter anderem in Arabisch, Farsi, Russisch und Türkisch online gestellt.

Gisela Merklinger, die Pressesprecherin des Landratsamts, verweist darüber hinaus auf ein großes Netzwerk an Dolmetschern und Betreuern, das seit 2015 aufgebaut wurde. „Für uns ist die Kommunikation mit ausländischen Mitbürgern nichts Neues“, sagt sie.

Auf der Startseite des Corona-Portals von Stadt- und Landkreis Karlsruhe sind die Informationen bislang ausschließlich auf Deutsch aufbereitet. Wer das Portal durchstöbert, erhält erst nach zwei oder drei Klicks einen in mehrere Sprachen übersetzen Handzettel des Robert-Koch-Instituts auf Englisch, Italienisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Arabisch.

Die aktuellen Rechtsvorschriften stehen auf Englisch, Türkisch, Russisch, Polnisch und Italienisch zum Herunterladen bereit. Die Stadt Pforzheim verlinkt auf ihrer Homepage direkt zum Sozialministerium Baden-Württemberg oder dem Robert-Koch-Institut.

Die Stadtverwaltung Baden-Baden informiert auf ihrer Homepage und in Mitteilungen nur in deutscher Sprache. Pressesprecher Roland Seiter weist darauf hin, dass jeder Ausländer ein Handy habe, auf dem sich ein deutscher Text schnell in eine Übersetzungs-App für die jeweilige Sprache kopieren lasse. Die Verwaltung weist jedoch auf Aushängen etwa zur Rathausschließung auch auf Englisch hin. „Wir gehen davon aus, dass jeder Englisch zumindest als zweite Sprache einigermaßen versteht“, erläutert Seiter.

Menschen in prekären Lebensverhältnissen zu erreichen, ist nicht einfach

Iris Sardarabady,  Internationales Begegnungszentrum Karlsruhe

„Die Vorgaben müssten eigentlich in mehr Sprachen übersetzt werden“, sagt Iris Sardarabady, Geschäftsführerin des Internationalen Begegnungszentrums (IBZ) in Karlsruhe.

Die wichtigsten Informationen zum Umgang mit der Pandemie seien aber mittlerweile auch bei einem Großteil der ausländischen Mitbürger angekommen. „Menschen, die schon lang hier leben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, haben die Warnungen und Vorgaben über ihre Netzwerke mitgekriegt“, sagt Sardarabady.

Die Dynamik der Ereignisse erschwert manches

Auch die multikulturellen Hausvereine des IBZ hätten ihren Teil zur Verbreitung beigetragen. Dazu würden Flüchtlinge von den Hilfsorganisationen und die mehrsprachigen Infoblätter des Projekts „Welcome 2 Baden-Württemberg“ regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht.

„Menschen in prekären Lebensverhältnissen zu erreichen, ist allerdings nicht einfach“, sagt die IBZ-Geschäftsführerin. Diese Problematik habe jedoch nichts mit Nationalität der Klientel zu tun.

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Aus Sicht der städtischen Integrationsbeauftragten Meri Uhlig sind die meisten Menschen mit Migrationshintergrund bereits umfassend über die Gefahren durch das Coronavirus informiert. „Derzeit gibt es in Karlsruhe nur wenige Verstöße“, sagt sie.

Das gelte unabhängig von Nationalität und Herkunft. Dass sich die mehrsprachige Verbreitung der notwendigen Informationen etwas schleppend gestalte, ist nach Uhligs Einschätzung vor allem der hohen Dynamik bei der Ausbreitung des Virus und der fehlenden Kapazität für die Aktualisierung der Internetseite geschuldet.

Die Informationsportale könnten bei dieser rasanten Geschwindigkeit nicht simultan übersetzt und in mehreren Sprachen auf den aktuellen Stand gebracht werden.

Ettlingen nutzt Piktogramme

Die Ettlinger Stadtverwaltung hat auf ihrer Internetseite und auf Facebook die wichtigsten Corona-Verhaltensregeln in Piktogrammen dargestellt.

Eine mit einem roten Kreuz versehen Hügellandschaft mit Bäumen und eine Parkbank stehen beispielsweise für das Niederlassungsverbot auf öffentlichen Flächen, eine Gruppe von vier Personen, bei der zwei mit dem roten Kreuz versehen sind, für das Gebot, sich höchstens zu zweit draußen aufzuhalten – und das im Abstand von mindestens 1,5 Metern.

Die Piktogramme seien in Flüchtlings- und Obdachlosenunterbringungen in Ettlingen mit Erläuterungen in verschiedenen Sprachen aufgehängt und verteilt worden, erklärt Katharina Mai, die persönliche Referentin des Oberbürgermeisters Johannes Arnold.

Viele informieren sich bei Facebook und Co. zum Coronavirus

Auch die Ettlinger Migrantenvereine seien auf die Verordnungen und die Übersetzungen in verschiedene Sprachen hingewiesen worden. Von Problemen mit Bürgern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und deshalb Regeln für das Verhalten im öffentlichen Raum missachtet haben, kann der Kommunale Ordnungsdienst nicht berichten.

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In der türkischen Gemeinschaft von Rastatt spielen allerdings ebenfalls eher die sozialen Netzwerke und nicht die offiziellen Seiten eine Rolle. Im türkischen Supermarkt Can berichtet die Tochter des Geschäftsinhabers, die an der Kasse sitzt: „Dort werden die neuesten Entwicklungen mitgeteilt.“

Aber auch in den Moscheen werde gezielt über die neuen Regeln im gesellschaftlichen Leben informiert. Ansonsten werde der Alltag überwiegend im Familienverbund organisiert, zu dem üblicherweise mehrere Generationen gehören.

Manche Jugendliche glauben Dinge, die nicht stimmen: Die können schon Deutsch
– aber die hören da nicht drauf

Fazli Isbilen, Sprecher des Internationalen Beirats Pforzheim

Auch Olga S., eine russische Pflegekraft der Rastatter Sozialstation St. Elisabeth, sagt auf die Frage nach den Informationskanälen: „Facebook, Instagram, Twitter – da gibt es viele Möglichkeiten, vor allem wenn man sich mit dem Russischen leichter tut als mit dem Deutschen.“

Fazli Isbilen, Sprecher des Internationalen Beirats Pforzheim, sagt: „Es läuft vieles über Multiplikatoren. Ich bekomme viele Anrufe und verweise dann an die Stadt.“ Das Problem seien weniger die Kommunikationswege, sondern eher Verschwörungstheorien. „Manche Jugendliche glauben Dinge, die nicht stimmen: Die können schon Deutsch – aber die hören da nicht drauf.“