Yannick und Ismail (von links) verbindet die Leidenschaft für den Fußball. Gemeinsame Erfolge feiern sie auch mit guten Noten in Mathe.
Yannick und Ismail (von links) verbindet die Leidenschaft für den Fußball. Gemeinsame Erfolge feiern sie auch mit guten Noten in Mathe. | Foto: jodo

Im Tandem weniger allein

Beim Projekt „Perspektive Now Plus“ lernen junge Deutsche und Geflüchtete voneinander

Anzeige

Samstags gehen sie zusammen frühstücken, manchmal in den Zoo, und oft lernen sie gemeinsam. Was junge Leute eben so machen. Die 21-jährige Lisa und die 20-jährige Jainaba haben sich aber nicht etwa an der Uni kennengelernt, sondern durch das Tandem-Projekt „Perspektive Now Plus“ des ibz.

„Bei meinem Hauptschulabschluss hat sie mir so sehr geholfen“, sagt die junge Gambierin Jainaba. „Ich hatte Schwierigkeiten mit der Grammatik.“ Jetzt ist sie am Ende ihres ersten Lehrjahres zur Altenpflegerin. Eigentlich wolle sie Krankenschwester werden, doch den dazu nötigen Realschulabschluss habe sie aufgrund ihres Alters nicht mehr machen können.

Seit zwei Jahren bilden Lisa und Jainaba ein Tandem. „Wir haben uns am Anfang viel zum Lernen getroffen, jetzt ist eine richtige Freundschaft entstanden“, sagt Lisa, die in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen studiert. „Wir fahren gerne zusammen Fahrrad“, ergänzt Jainaba.

Yannik (31) und Ismail (16) verbindet ein anderer Sport: Fußball. „Ich komme vorbei, wenn Ismail Spiele hat“, sagt Steuerberater Yannik. Ismail kam vor zwei Jahren aus der Elfenbeinküste nach Deutschland. In seiner Heimat habe er nie Sport gemacht, erzählt er. Doch in Deutschland hätten ihn andere ermutigt, dem SV Beiertheim beizutreten. Ismail steht im Tor. „Wegen Manuel Neuer“, sagt er. „Ich habe ihn 2017 im Spiel Real Madrid gegen Bayern München gesehen. Er war großartig!“

Unglaublich belohnend

Doch er habe auch besser Deutsch lernen wollen und seinen Betreuer darauf angesprochen. So kam Ismail zum ibz-Tandemprojekt. „Als Zugezogener ist man immer froh, jemanden zu haben, den man ’was fragen kann“, begründet Yannik seine Teilnahme – er wollte sich engagieren und stieß durch Internetrecherche auf das ibz. Das Tandem sei für beide Seiten sinnvoll, sagt er.

„Ich genieße die Momente jedes Mal, wenn wir uns treffen.“ Wenn kein Fußball ansteht, lernen sie zusammen, Deutsch und Mathe. „Letzte Woche hat Ismail eine 1,5 in Mathe geschrieben“, freut sich der 31-Jährige.

„Es ist unglaublich belohnend, man bekommt sehr viel zurück“, findet auch Maschinenbaustudent Thomas, der mit dem 24-jährigen Ali aus Afghanistan seit Oktober 2017 ein Tandem bildet. Er habe sich unglaublich gefreut, als Ali die Bestätigung für seinen Ausbildungsplatz als Veranstaltungskaufmann bekam. Die beiden treffen sich oft auch mit anderen. „Ali hat schon oft für mich und meine Kumpels gekocht“, erzählt Thomas. Und nicht nur das. Ali hat im März ein deutsch-afghanisches Frühlingsfest für etwa 120 Gäste organisiert.

Thomas und Ali (von links) sind ein eingespieltes Team – der junge Afghane ist festes Mitglied im Freundeskreis des deutschen Maschinenbaustudenten.
Thomas und Ali (von links) sind ein eingespieltes Team – der junge Afghane ist festes Mitglied im Freundeskreis des deutschen Maschinenbaustudenten. | Foto: Jodo

„Der 21. März ist in meiner Heimat der Neujahrstag“, erklärt Ali. „Und in Deutschland ist es der Frühlingsanfang.“ Er hatte die Idee, Zeit und Lust und stellte eine Feier mit Tanz, Essen und Videovorführung im ibz auf die Beine – eine Mischung aus afghanischen und deutschen Gepflogenheiten. „Ich wollte, dass auch die Leute aus meiner Heimat, die schon so lange in Deutschland sind, sich an ihre Tradition erinnern – und dass die Deutschen sie kennenlernen.“

Probleme ohne Kontakte

Das Tandem mit Thomas ist für alles, was er tut, eine große Hilfe: „Ich habe von ihm gelernt, wie man Stellenanzeigen liest und Bewerbungsanschreiben macht. Und ich habe jemanden, auf den ich mich verlassen kann.“ Andere Geflüchtete, die keinen privaten Kontakt zu Deutschen haben, hätten große Probleme – sie könnten niemanden fragen, wie man von A nach B kommt, einen günstigen Handyvertrag findet oder wo man bestimmte Dinge einkaufen kann.

„Als ich damals ankam, stand ich am Hauptbahnhof und wusste nicht, wohin“, sagt Ali. „Es ist wirklich schwierig, wenn man die Sprache nicht so gut kann.“ Er dagegen habe die Möglichkeit, Dinge zu lernen, von denen er früher nie gehört habe. „Zum Beispiel, dass es wichtig ist, die Umwelt zu schützen. Hier wird eigentlich alles geschützt. Und nirgends liegt Müll herum!
Sprachlos verbunden
Wie wertvoll es für Zugewanderte ist, Kontakt zu Einheimischen zu haben, merkte die 23-jährige Psychologiestudentin Jule schon in ihrer Wohngemeinschaft mit einem Afghanen. Seit zwei Monaten ist sie außerdem Tandempartnerin des 20-jährigen Lamin aus Gambia, der zum Termin im ibz nicht mitkommen konnte. Und so erzählt Jule, was sie von dem jungen Mann lernt.

Eigentlich spiele Sprache für sie eine wichtige Rolle, sagt Jule. Durch Lamin habe sie gelernt, anders Verbindungen aufzubauen, zum Beispiel durch Kartenspielen. Sie empfindet ihr Engagement auch nicht als Last, im Gegenteil: „Es ist schön, zumindest ein bisschen was zurückzugeben. Denn keiner hat sich seinen Startplatz im Leben verdient. Wir hatten einfach nur Glück, in Deutschland geboren zu sein.“

Kontakt
Wer als Tandempartner am Projekt teilnehmen möchte, kann sich bei Projektleiterin Ana Bolaños unter Telefon (01 59) 03 02 60 90 oder per E-Mail an perspektive-now@ibz-karlsruhe.de melden. Ansprechpartnerin für Betriebe und Ausbildung ist Iris Sardarabady unter Telefon (07 21) 89 33 37 11 oder per E-Mail an info@ibz-karlsruhe.de.