Lost Places im ganzen Land hat Benjamin Seyfang festgehalten. Oft benennt er nicht genau, wo sie sind,um Vandalismus zu verhindern - wie bei dieser "Schokoladenfabrik bei Karlsruhe".
Lost Places im ganzen Land hat Benjamin Seyfang festgehalten. Oft benennt er nicht genau, wo sie sind,um Vandalismus zu verhindern - wie bei dieser "Schokoladenfabrik bei Karlsruhe". | Foto: Benjamin Seyfang

Neuer Bildband

Benjamin Seyfang verewigt Lost Places in Baden-Württemberg

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Die Bilder erzählen Geschichten längst vergangener Zeiten – von Hotels, Wohnhäusern, Industrie- und Militäranlagen und vielem mehr in ganz Baden-Württemberg, sogenannter Lost Places. Benjamin Seyfang hat sie mit der Kamera eingefangen. Eine Auswahl seines schier unendlichen Foto-Schatzes erscheint nun in dem Bildband „Lost Places Baden-Württemberg“. Wie arbeitet er, wie findet er die Orte und was macht den Reiz daran aus?

Glanz vergangener Zeiten

„Lost Places Baden-Württemberg“ führt Leser und Betrachter an Orte, die zumeist nicht in Reiseführern zu finden sind – an Orte des Verfalls. Darunter ist durchaus auch bekanntes. Zum Beispiel der vielleicht bekannteste Lost Place im Land, das Hotel Waldlust bei Freudenstadt. Noch immer ist auf den Bildern die Pracht des früheren Grandhotels zu erkennen. Da ist ein Himmelbett wie aus Tausendundeine Nacht, das auf den ersten Blick wirkt, als wäre die Daunendecke gerade erst aufgeschüttelt worden.

Doch auf den zweiten Blick erkennt man dann doch, dass die Zeit nicht spurlos vorüberging: Schimmelflecken sind an der Zimmerdecke zu sehen, und der Boden ist auch nicht mehr ganz sauber.

Natur erobert sich Lost Places zurück

Manch andere Orte erobert sich die Natur ganz offensichtlich Stück für Stück wieder zurück – Pflanzen wachsen oder durch ein offenes Fenster hat der Wind Blätter hineingeblasen.

Am Rande einer Streuobstwiese bei Pforzheim fand Benjamin Seyfang einen verfallenden Helikopter.
Am Rande einer Streuobstwiese bei Pforzheim fand Benjamin Seyfang einen verfallenden Helikopter. | Foto: Benjamin Seyfang

Und wieder andere werden Opfer von Vandalismus und Zerstörung. Das ist auch der Grund, warum der Fotograf oft nicht genau angibt, wo die Orte zu finden sind. Für Urban Explorer wie ihn gilt die Regel: Nimm nichts mit als die Fotos, und hinterlasse ausschließlich Fußabdrücke. Er erzählt: „Viele der Orte werden inzwischen bekannter und gehen kaputt.“ Nicht jeder hält sich offenbar an den Ehrenkodex.

Die Zeit bleibt stehen

Seyfang fasziniert, dass an den Lost Places die Zeit einfach stehen bleibt. In manchen seiner Fotos wird das geradezu greifbar, wenn eine aufgeschlagene Zeitung auf einem Tisch liegt, daneben eine Flasche Wein steht, ein Geldbeutel noch auf einer Kommode liegt oder auch ein Abreißkalender ziemlich genau nachvollziehen lässt, wann dort zum letzten Mal jemand war. „Das ist Geschichte zum Anfassen“, sagt er: „Für mich ist das Fotografieren an den Lost Places wie ein Ruhepol, ich schalte ab.“

Teilweise verbringt Seyfang an diesen Orten viel Zeit. Manchmal dauere es nur eine halbe Stunde, in anderen Fällen fahre er gezielt hin, und sei dann vier bis fünf Stunden – im längsten Fall sogar acht Stunden – vor Ort.

Ein Beispiel ist ein Kino irgendwo im Nordschwarzwald. „Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, verteilten wir 300 Teelichter im Saal und illuminierten auf dieses Weise den sonst dunklen Raum“, berichtet Seyfang im Bildtext. So entsteht ein besonderer Kontrast: Die Pracht des Filmtheaters mit dem geschwungenen Balkon und den Rot- und Gold-Tönen besteht noch.

Doch Türen sind mit Spanplatten verschlossen, und auch sonst gingen die Jahre des Leerstehens nicht spurlos vorüber. Die Kerzen lassen den Saal nun neu erstrahlen. Auf anderen Bildern entsteht ebenfalls durch Teelichter oder LED-Lämpchen dieses Funkeln – in unterirdischen Stollen oder in einer ehemaligen Brauerei.

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Ein gewisses Risiko gibt es immer

Ganz risikofrei ist der Besuch der Lost Places für Seyfang nicht. „Ich achte schon darauf, auf der sicheren Seite zu sein“, sagt er zwar, und eine Person wisse immer „wann und wo“, aber es sind nun mal Orte des Verfalls.

In verlassenen Bergwerken, erzählt er, habe er immer ein Messgerät dabei, das bei gefährlichen Gasen wie Kohlenmonoxid Alarm schlage. Juristisch kann manchmal das Eis etwas dünn werden: „Oft ist kein Eigentümer feststellbar“, sagt Seyfang. Gerade bei alten Bunkeranlagen sei dies beispielsweise oft der Fall. Wenn man dann ein Grundstück betritt, handelt es sich formell um Hausfriedensbruch. Allerdings muss, damit dieser verfolgt wird, jemand eine Anzeige erstatten.

Lost Places zu finden ist nicht immer einfach

Oft ist es gar nicht so einfach, die verlassenen Orte überhaupt zu entdecken. Urban Explorer zeigen ihre Bilder zwar im Internet, eine Adresse oder Koordinaten schreiben sie aber normalerweise nicht dazu.

Manche der im Bildband verewigten Orte bestehen so schon gar nicht mehr. Die Joffre-Kaserne in Rastatt ist einer dieser Fäller. Hier entstehen mittlerweile Wohnungen.
Manche der im Bildband verewigten Orte bestehen so schon gar nicht mehr. Die Joffre-Kaserne in Rastatt ist einer dieser Fäller. Hier entstehen mittlerweile Wohnungen. | Foto: Benjamin Seyfang

Wie findet Seyfang nun seine Lost Places? „Vieles läuft über die Community“, sagt er. Wenn man sich persönlich kennt, sind Adressen kein Geheimnis mehr. Schließlich geht es nur darum, Vandalismus zu verhindern. Und es steckt viel Eigenrecherche dahinter. Stadtarchive seien zum Beispiel eine gute Anlaufstelle, um Bunker und Bergwerke zu aufzuspüren. Gerade in großen Städten lohne es sich, gezielt nach Luftschutzanlagen zu suchen.

Neuer Blick auf Baden-Württemberg

Für Seyfang hat sich das kontinuierliche Suchen ganz offensichtlich gelohnt. Denn herausgekommen ist ein Bildband, der einen Blick auf Baden-Württemberg ermöglicht, wie es ihn sonst eher selten gibt: Auch im Musterländle existieren Orte, die erst durch den Verfall einen besonderen Reiz erlangen und zeigen, was früher aktuell war und heute unter Staub verschwindet.