Familie Bereitschaftspflege
In der Bereitschaftspflege beteiligt sich Familie John, hier mit Rita Kienzle (links) und Heike Withopf (rechts) vom Sybelcentrum | Foto: jodo

Unterschiedliche Hintergründe

Bereitschaftspflege – wenn eine Familie ihr Heim und Herz auf Zeit öffnet

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Manchmal erfährt es Emilian auf dem Weg vom Kindergarten heim: Zuhause erwartet ihn ein neues Kind. Der Vierjährige kennt das schon. Seine Eltern Verena John und Wolfgang Wedelich-John nehmen regelmäßig Jungen und Mädchen vorübergehend bei sich auf – was der Steppke und der Rest der Familie völlig in Ordnung finden.

Das Ehepaar aus Daxlanden, das mit Emilian, der sechsjährigen Magdalena und der 15 Monate alten Carlotta insgesamt drei eigene Kinder hat, engagiert sich als Familie in der Bereitschaftspflege.

Familie öffnet ihr Heim

Die Johns öffnen ihr Heim, ihr Herz. Sie bieten den Kindern oder Teenagern ein Zuhause auf Zeit.

Auf Dauer bleiben sie nie, das wissen alle Beteiligten – auch wenn manches Kind schon mal gerne „Mama“ sagen möchte.

Sybelcentrum koordiniert

Koordiniert wird das Ganze vom Sybelcentrum der Heimstiftung Karlsruhe: Seit zehn Jahren gehört dort Bereitschaftspflege in Familien zum Angebot. 538 Jungen und Mädchen wurden bereits auf diese Weise untergebracht.

Zehn Familien sind aktuell an Bord, ständig werden neue gesucht. In der Regel meldet sich die Stadt beim Sybelcentrum – manchmal auch der Landkreis –, wenn Bedarf besteht.

Unterschiedliche Hintergründe

Und die Gründe, warum ein Kind aus seiner Familie genommen wird, sind unterschiedlich.

„Das kann die alleinerziehende Mutter sein, die ins Krankenhaus muss und niemanden hat, der sich in der Zeit um ihr Kind kümmert“, erklärt Heike Withopf, Bereichsleiterin Inobhutnahme beim Sybelcentrum. In der Situation ist klar: Ist die Mutter wieder fit, geht es für das Kind zurück ins gewohnte Umfeld.

Klärungsphase

In anderen Fällen steht schon mal der Verdacht auf sexuellen Missbrauch im Raum. Oder auf eine komplette Überforderung der Eltern. Manchmal müssen die Ämter erst prüfen, ob das Kind zurück zu den Eltern kann, wenn diese etwa Hilfe zur Seite gestellt bekommen. Oder ob es dauerhaft woanders untergebracht werden muss.

Bereitschaftspflege greift in dieser Phase der Klärung. Manchmal zieht sich diese in die Länge, gerade wenn Gerichte beteiligt sind.

346 Tage waren bisher Rekord

Ein Kind war 346 Tage in einer Bereitschaftspflegefamilie. „Das ist die Ausnahme“, so Expertin Rita Kienzle. „Im Schnitt bleiben die Kinder 63 Tage.“

Zwischen sechs und 17 Jahren sind die Jungen und Mädchen in der Regel alt, die in Bereitschaftspflegefamilien untergebracht werden.

Familie darf Präferenzen angeben

Die wiederum dürfen Präferenzen angeben, wen sie gerne aufnehmen möchten – schließlich soll alles möglichst gut passen.

Familie John bat anfangs darum, ihr Engagement auf Grundschulkinder zu beschränken. „Am liebsten erste oder zweite Klasse“, erinnert sich Verena John. Knapp drei Jahre später lacht sie darüber. Denn „Nein“ gesagt haben sie und ihr Mann zu keinem Kind.

Familie John versorgte bisher 32 Kinder

32 Jungen und Mädchen waren es im Lauf der Zeit insgesamt, im Alter von drei bis 17 Jahren. Einmal waren gleich drei auf einmal da, Geschwister. Seit Anfang März lebt eine Achtjährige auf Zeit mit der Familie.

Einige fanden alles super

„Wir hatten Kinder, die sind bei uns reingerannt, wollten alles sehen und fanden alles super“, erzählt Verena John. Andere waren still.

Einmal passte es nicht. „Das Mädchen hörte überhaupt nicht, ließ sogar mein Baby fallen.“ Das Pflegekind wurde aus der Familie genommen. Doch das ist die extreme Ausnahme.

Viele Kinder sind sehr dankbar

„Viele Kinder sind sehr dankbar“, berichtet Heike Withopf. Da war eine 16-Jährige, die sich Jahre später bei ihren damaligen Pflegeeltern meldete, um danke zu sagen.

Ein Zehnjähriger ließ den Sozialen Dienst wissen: „Sie können auf mich zählen. Wenn ich groß bin, werde ich auch ein Bereitschaftspflegevater.“

Jeder Einzelfall wird geprüft

„Es wird in jedem Einzelfall geprüft, ob die Unterbringung in einer Familie für das Kind gut ist oder eine Wohngruppe besser passt“, erläutert Rita Kienzle.

Ganz wichtig ist: „Die Pflegefamilie ist kein Konkurrenzunternehmen zu den Eltern.“

Einige kommen sogar ohne Schulranzen

Einige Kinder kommen mit Koffer und allem, was sie zum Anziehen und für die Schule brauchen, in die Pflegefamilie. Andere haben nicht einmal ihren Ranzen dabei.

„In jedem Fall muss man flexibel sein“, erläutert Verena John, die schon mal 40 Minuten nach dem Anruf des Sybelcentrums ein Kind ab- und zu sich heimholte.

Strukturen sind wichtig

Sie arbeitet stundenweise freiberuflich, ihr Alltag ist durchorganisiert – und so gestaltet, dass ein neu aufgenommenes Pflegekind am nächsten Morgen zu seiner Schule gebracht werden kann.

Strukturen sind bei all dem wichtig. Feste Zeiten, in denen es ins Bett geht, zum Beispiel. Und in denen das Ehepaar John mal Zeit für sich hat.

Esst ihr jeden Tag zu Abend?

„Es kam vor, dass Kinder überrascht fragten, ob wir jeden Tag zu Abend essen“, erinnert sich Vater Wolfgang Wedelich-John, der einen Vollzeitjob als Informatiker hat.

Die Experten vom Sybelcentrum wissen: Es gibt Kinder, die keine Ahnung haben, wann ihnen ihre Eltern wieder etwas zu essen geben. „Einige haben keinen einzigen gesunden Zahn im Mund. Oder sie haben Läuse“, berichtet Heike Withopf.

Kontakt zu den Eltern

Verena John konzentriert sich auf die Kinder, wobei in der Regel durchaus Kontakt zu den Eltern besteht. Für die Beratung der Herkunftsfamilie sind jedoch die Fachämter zuständig.

Die Mitarbeiterinnen des Sybelcentrums wiederum stehen den Pflegeeltern als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Sie beraten ebenso, wenn jemand erwägt, sich so zu engagieren.

Auch gleichgeschlechtliche Paare kommen zum Zug

Aufgenommen werden nicht nur klassische Familien, sondern zudem Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Paare, wie Rita Kienzle erklärt.

Für das Pflegekind muss ein eigenes Zimmer zur Verfügung stehen und Zeit vorhanden sein. Vergütet wird das Engagement mit einem Tagessatz. „Es ist aber wichtig, dass dies niemand aus einem finanziellen Druck heraus macht“, betont Heike Withopf.

Nur ein Kind ist schlecht

Verena John hatte schon früh die Idee, ein Kind bei sich aufzunehmen. Als ihre erste Tochter geboren war, dachte das Ehepaar, dass es keine weiteren Kinder bekommen könnte. „Aber nur ein Kind ist echt schlecht.“

Auch als dann doch zwei weitere Babys folgten, wollte das Ehepaar helfen. Über einen Kollegen beim Stadtjugendausschuss erfuhr Verena John von der Möglichkeit der Bereitschaftspflege.

Einmal fiel der Abschied besonders schwer

Bereut hat das Ehepaar dieses Engagement nie. Wobei einmal der Abschied besonders schwer fiel: Ein neunjähriges Mädchen aus Syrien, das ohne Eltern von Schleusern nach Deutschland gebracht wurde, hätten die Johns gerne für immer bei sich aufgenommen. „Das hat leider nicht geklappt“, sagt Verena John.

Kontakt

Wer sich vorstellen kann, selbst Kinder in Bereitschaftspflege bei sich aufzunehmen, kann sich beim Sybelcentrum unter (07 21) 1 33 54 33 oder per Mail melden.

Spenden

Das Sybelcentrum der Heimstiftung Karlsruhe bietet ein vielfältiges Jugendhilfeangebot. Der Hauptsitz der Einrichtung in der Südstadt ist in die Jahre gekommen.

Nun steht eine umfangreiche Sanierung an, für die um Spenden geworben wird. Wer sich unter dem Motto „Keine kalten Füße“ finanziell beteiligen will, kann dies tun an die Sparkasse Karlsruhe, IBAN: DE22 6605 0101 0108 2575 93, hier geht es zu Online-Spende.