Lernfreunde
Lesen und rechnen lernen die Jungen und Mädchen im Haus der Lernfreunde. | Foto: jodo

Kommunalpolitik

Bildung für Flüchtlingskinder: Lernfreunde in Karlsruhe setzen auf private Unterstützer

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Mit buntem Rechenschieber und allen zehn Fingern üben die Jungen und Mädchen das Zählen. Mathe steht auf dem Programm der Lernfreunde. Jasmin Sahin hat diese Schule für Flüchtlingskinder gegründet. Mehr als 800 Kinder nutzten seit dem Start im November 2016 das Angebot.

Dieses ist für die 51-Jährige eine Herzensangelegenheit. „Kinder sollen Kind sein dürfen“, sagt Jasmin Sahin, die doch manches mal nicht wusste, ob es weitergehen wird mit ihrem Projekt. „Wir finanzieren uns nur über Spenden“, erklärt die vierfache Mutter: „Letztlich leben die Lernfreunde jeden Monat von der Hand in den Mund. Das ist eine enorme Belastung.“

Lernfreunde werden unterstützt von „startsocial“

Jasmin Sahin hofft, dass diese stete Unsicherheit bald Geschichte ist. Dafür haben die Lernfreunde zusammen mit dem bundesweit aktiven Verein „startsocial“, dessen Schirmherrin Kanzlerin Angela Merkel ist, neu das Finanzierungskonzept Bildungsplatz entwickelt.

Firmen, aber auch Privatpersonen können ab sofort für 250 Euro pro Monat einen Bildungsplatz unterstützen und so die Betreuung eines Flüchtlingskinds ermöglichen. Dieses übt mit den ehrenamtlichen Helfern rechnen und lesen, malt und bastelt. Es frühstückt mit den anderen, bekommt Mittagessen.

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Zu Fuß zur Schule

Für einen Bustransfer reicht das Geld nicht, die Kinder laufen begleitet von Ehrenamtlichen von den Asylunterkünften zur Schule, erklärt Jasmin Sahin.

Die Tochter türkischer Gastarbeiter lebt seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland. 2010 gründete sie das gemeinnützige Kinderhilfswerk Uneson mit Sitz in Karlsruhe.

Als 2014 der Zustrom der Asylsuchenden nach Deutschland riesig war, war Jasmin Sahin in der Flüchtlingshilfe aktiv. Sie beobachtete damals, dass viele Jungen und Mädchen monatelang in den Unterkünften lebten, ohne unterrichtet zu werden.

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Der Traum vom Schulbesuch

Viele dieser Kinder träumten davon, die Schule besuchen zu dürfen. Jasmin Sahin wollte ihnen diesen Wunsch erfüllen und machte sich dran, ehrenamtlich eine Schule zu gründen. Sie suchte Räume. Und sie fand sie beim KIT auf dem Gelände der früheren Mackensen-Kaserne in Rintheim.

Mit vielen ehrenamtlichen Mitstreitern renovierte sie den Bau. Zwei Klassenzimmer wurden eingerichtet, ebenso ein Kunst- und ein Werkraum sowie ein Ruhebereich. Bücher, Hefte, Schulranzen: Die komplette Ausrüstung wurde gespendet oder mit Spendengeld bezahlt.

Kleiderkammer ist offen für jedermann

Inzwischen gibt es zudem eine Kleiderkammer, die zweimal die Woche für alle Bedürftigen öffnet, im Schnitt kommen 100 Menschen vorbei.

Rund 60 ehrenamtliche Helfer sind ständig an Bord, viele Karlsruher Schulen und die Pädagogische Hochschule unterstützen die Lernfreunde. Nie dachte Jasmin Sahin daran, das Projekt aufzugeben. Doch sie gibt zu: „An der Bürokratie kann man zerbrechen.“

Gott sei Dank war ich naiv

Rückblickend sagt sie: „Ich bin die Sache relativ frei von Sorgen angegangen. Gott sei Dank war ich naiv.“ Sie glaubt, dass die Idee der Schule für Flüchtlingskinder anfangs in mancher Amtsstube für eine Ehrenamtslaune gehalten wurde.

Jasmin Sahin
Jasmin Sahin gründete die Lernfreunde. | Foto: jodo

Später zeigte sich, dass ein solches Projekt – das 2019 den Kinderfreundlichkeits-Preis der Stadt erhielt – in den diversen Vorschriften und Vorgaben nicht vorgesehen war. „Aber die Kinder sind ja da“, so Jasmin Sahin. 30, 35 Jungen und Mädchen betreut ihr Team, zu dem ein Bundesfreiwilligen-Dienstler gehört. In der Spitze waren es 47 Schüler.

Lernfreunde gelten als Vorschule

Seit Mai 2017 gibt es zudem eine staatlich organisierte Betreuung von Flüchtlingskindern in der Felsstraße. „Ohne dass wir das wollten, gab es da eine unterschwellige Konkurrenz“, sagt Jasmin Sahin. Inzwischen ist sie sicher, dass man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Die Lernfreunde gelten als Vorschule. Die meisten Kinder, die sie besuchen, stammen aus Roma-Familien. Eine Chance, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, haben sie nicht. Jasmin Sahin reiste nach Mazedonien, nach Bosnien, Serbien und in den Kosovo, um zu sehen, warum die Menschen ihre als sicher eingestuften Herkunftsländer verlassen.

Ich habe Slums gesehen

Jasmin Sahin

Sie besuchte frühere Schüler und ihre Familien, mit fast allen ist sie bis heute im Kontakt. „Ich habe Slums gesehen“, sagt die 51-Jährige: „Die Menschen schlafen im Freien auf Pappkartons, es gibt weder Strom noch fließend Wasser.“ Es sei die Perspektivlosigkeit, die sie aufbrechen lasse.

Von den 800 Lernfreunden bisher durften am Ende nur etwa ein Dutzend in Deutschland bleiben. Kaum ein Kind besuchte nach seiner Rückkehr in den Balkan weiter eine Schule.

Es macht Sinn, was wir hier tun

Jasmin Sahin

Jasmin Sahin glaubt daran, dass ihre Zeit bei den Lernfreunden dennoch etwas bewegte, „im minimal Kleinen“: Viele lernten Deutsch, erfuhren eine Tagesstruktur.

„Ich besuchte im Kosovo zwei Mädchen drei Jahre nachdem sie bei uns waren. Sie sagten mir, dass sie später, wenn sie selbst Kinder haben, auch für sie vorlesen möchten – wie ich es für sie tat“, berichtet die Lernfreunde-Initiatorin. Sie sagt: „Ich glaube daran, dass es Sinn macht, was wir hier tun.“

Wer die Lernfreunde unterstützen möchte, kann sich per Mail melden oder spenden an Uneson, Sparkasse Karlsruhe, IBAN: DE96 6605 0101 0108 1140 59.