Die Latte hängt hoch: Sportler müssen in diesen Tagen mit einer Wettkampf-Pause klar kommen und sich auf veränderte Bedingungen beim Restart einstellen, wie hier beim Stabhochsprung-Event im Autokino Düsseldorf.
Die Latte hängt hoch: Sportler müssen in diesen Tagen mit einer Wettkampf-Pause klar kommen und sich auf veränderte Bedingungen beim Restart einstellen, wie hier beim Stabhochsprung-Event im Autokino Düsseldorf. | Foto: imago images

Wettkämpfe im Geist durchgehen

Bleibt die mentale Härte bei Spitzensportlern nach der Corona-Pause auf der Strecke?

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In der Corona-Zeit versuchen sich Spitzensportler so gut es geht körperlich fit zu halten. Doch was bedeutet die lange Wettkampf-Pause in mentaler Hinsicht. Lässt sich auch der Kopf trainieren oder kann die mentale Leistungsfähigkeit auch verloren gehen?

Wann war noch gleich ihr letzter Wettkampf? Beate Köstel stutzt, überlegt und sagt dann: „2018 war das, irgendein Weltcup.“ Wo genau der über die Bühne ging, da ist sich die Sportschützin aus dem Östringer Stadtteil Odenheim nicht mehr ganz sicher.

Nur eines weiß sie: Seitdem ist viel Zeit vergangen. Eigentlich wollte Köstel nach ihrer Babypause 2019 im März dieses Jahres wieder ins Wettkampf-Geschehen eingreifen und um ein Olympia-Ticket kämpfen, doch dann kam Corona und mit der Pandemie die große Leere – nicht nur im Kalender. „Zwischenzeitlich bin ich in ein Loch gefallen“, sagt Köstel, die 2012 in London bereits Olympia-Erfahrungen sammeln durfte.

Bleibt die mentale Wettkampfhärte wegen Corona-Krise auf der Strecke?

Aufgrund der Geburt ihres zweiten Kindes ist die 35-Jährige zwar noch einmal ein Sonderfall, grundsätzlich geht es zurzeit aber ganz vielen Athleten so wie Köstel: Die Wettkämpfe fehlen.

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An der körperlichen Konstitution lässt sich so gut es die Corona-Restriktionen zulassen im Training feilen, doch was ist mit der mentalen Fitness? Bleibt die auf der Strecke? Oder lässt sich die viel zitierte mentale Wettkampfhärte ebenfalls trainieren?

Wettkampf-Pause für viele Athleten ungewohnt

„Das Feeling für einen Wettkampf bleibt relativ stabil“, weiß der Ulmer Mentalcoach Markus Gretz, der aber auch sagt: „Für Sportler, die sich vor dem Neustart nicht auf die besonderen Umstände eingestellt haben, wird es schwierig, wieder reinzukommen.“

Der 31-Jährige, der unter anderem für den Olympiastützpunkt Stuttgart tätig ist, coacht Athleten aus unterschiedlichen Sportarten und hat festgestellt: Seine Klienten haben seit des Corona-Ausbruchs erhöhten Redebedarf. Für viele sei es ungewohnt, so lange und vor allem zu dieser Jahreszeit keine Wettkämpfe zu absolvieren.

Kanutin Brüßler nutzt Zeit, um an mentalen Techniken zu feilen

Auf dem Trockenen sitzt dieser Tage auch Sarah Brüßler. Die Kanutin von den Rheinbrüdern Karlsruhe war zuletzt im August 2019 unter Wettkampfdruck im Wasser, am Samstag darf sie sich in Duisburg immerhin bei einer internen Leistungsüberprüfung des Olympia- und Perspektivkaders mit der nationalen Konkurrenz messen.

„Das ist schon aufregend und eine andere Art von Nervosität. Man weiß nicht, wo man steht“, sagt Brüßler, die die Corona-Pause auch dazu genutzt hat, um an mentalen Techniken zu feilen.

Rat vom Mentalcoach: Wettkampf visualisieren oder simulieren

Doch welche sind hilfreich, um bestmöglich für den Restart gewappnet zu sein? „Die Athleten können die Wettkämpfe im Vorfeld visualisieren, eine Art Drehbuch schreiben und möglichst viele Reize miteinfließen lassen“, schlägt Gretz vor. Oder: „Sie können einen Wettkampf möglichst real simulieren und diesen mit der Einstellung bestreiten, als ob es tatsächlich um etwas ginge.“

Ein solcher Testlauf steht an diesem Sonntag Julian Howard bevor. Der Weitspringer tritt dann zu einem von der LG Region Karlsruhe organisierten Kräftemessen an. „Das ist durchaus sinnvoll, so etwas als Ersatzmodell zu nehmen. Man macht ja auch sonst im Training Testwettkämpfe“, sagt Thomas Baschab, der als Mentalcoach zahlreiche Spitzensportler betreut.

Es ist möglich, sich selber in diese Energie zu bringen über mentale Techniken.

Thomas Baschab, Mentalcoach

Baschab weiß auch, dass die Abstinenz von Zuschauern ein Faktor sein kann. Für Howard ist das definitiv ein Problem. „Jeder Sportler lebt davon, dass Zuschauer Emotionen übertragen. Es liegt nun an den Athleten, eine ähnliche Atmosphäre zu schaffen“, sagt der 31-Jährige.

Und Baschab betont: „Es ist möglich, sich selber in diese Energie zu bringen über mentale Techniken.“

Wettkampf-Pause kann auch eine Chance sein

Auch Schützin Köstel befürchtet, dass die Wettkampf-Atmosphäre nach dem Restart eine ganz andere sein könnte als vor Corona. Doch für sie und viele andere Athleten ist der Kampf um Medaillen oder vordere Platzierungen aber erst einmal noch Zukunftsmusik.

Die meisten Sportler werden frühestens im Herbst wieder Wettkämpfe bestreiten. Für Köstel wird es sogar erst im Jahr 2021 wieder richtig ernst. Bis dahin bleibt ihr nur, den Ernstfall zu proben und sich im Training reinzuknien.

Mentaltrainer Gretz sieht in der Zwangspause auch eine Chance: „Die Sportler haben nun Zeit, sich intensiv auf ihr Training zu konzentrieren – und an ihren mentalen Fähigkeiten zu arbeiten.“