Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung - Ausstellung in der Städtischen Galerie Karlsruhe. Das Porträt "Rösli Weidmann mit blauem Hut" wurde 1915/16 von Wladimir von Zabotin geschaffen. | Foto: © Städtische Galerie Karlsruhe / Heinz Pelz

Zur Ausstellung in Karlsruhe

Blickkontakt!? – Wenn Frauen Gesicht zeigen

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Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung – so heißt eine neue Ausstellung in Karlsruhe. Gezeigt werden Bilder aus dem reichen Porträtbestand der Städtischen Galerie. 

Das menschliche Gesicht – es sei die „unterhaltendste Fläche der Erde“, bemerkte einst der Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg. Dass er damit richtig lag, beweist die neue Ausstellung „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ in der Städtischen Galerie Karlsruhe. Mit 140 Porträts, entstanden seit den 1850er Jahren bis in die Gegenwart hinein – Gemälde und Grafiken – zeigt die Galerie Gesicht. Und regt damit die Besucher an, sich ihrerseits 140 Geschichten auszumalen.

… wie ist das mit dem Blickkontakt?

Ein spannendes Unternehmen, weil sich im Laufe dieser rund 150 Jahre das Menschenbild radikal gewandelt hat. Und weil viele der Kunstschaffenden und der Porträtierten, mit denen man hier Blickkontakt aufnehmen kann, unserer Region eng verbunden waren (oder sind). Aber was heißt Blickkontakt? Einige der Porträtierten scheinen eher abgeneigt, den Besuchern ins Auge zu schauen. Unter diesem Gesichtspunkt haben wir uns vier Frauenbildnisse näher angesehen.

Großherzogin Luise

Ferdinand Keller: Großherzogin Luise, 1908, Porträt in der Ausstellung „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ | Foto: © Städtische Galerie Karlsruhe

 

Auge in Auge steht der Betrachter der hochadeligen alten Dame nicht gegenüber. Doch wenn sie den Kopf nur etwas wenden würde, wäre der Blickkontakt zur freundlich lächelnden Landesmutter vielleicht doch noch möglich…

Großherzogin Luise gab sich im wahren Leben ja auch bürgernah. Man kannte sie als Fürstin, die anpackt – vor allem im Badischen Frauenverein und bei der eng mit diesem verbundenen Schwesternschaft vom Roten Kreuz. Das Bildnis, gemalt vom Karlsruher Historienmaler Ferdinand Keller, steht freilich in der Tradition des höfischen Porträts – und der hohe Stand der Großherzogin gebietet Abstand. Darauf weisen Luises Krone hin, ihr Schleier, der reiche Schmuck, das aufwändige Kleid. Das Festgewand gibt, wie manche Betrachterin schmunzelnd bemerkt, den Blick auf eine großherzogliche Schulter mit verblüffend glatter Haut frei – dabei war die Fürstin um die 70, als das Bild entstand.

Aber warum blickt sie dem Betrachter nicht hoheitsvoll entgegen? Des Rätsels Lösung: Das Porträt zeigt Luise von Baden ihrem Gemahl zugewandt. Der ist auf einem zweiten Gemälde rechts von ihr dargestellt. Friedrich I. mit Rauschebart und ordensgeschmückt: ernst, würdig, gütig. Ein Landesvater, den man achten muss und lieben kann. Aus leicht erhöhter Position blickt er auf die Ausstellungsbesucher.

Kuratorin Hannah Schreiber erläutert in der Städtischen Galerie Karlsruhe das Doppelporträt von Großherzogin Luise und ihrem Gemahl Friedrich I. von Baden. | Foto: abw

Der Künstler hat die beiden Bildnisse als Doppelporträt angelegt. Und in diesem spielten sich – ungeachtet des beachtlichen Selbstbewusstseins der Großherzogin – die damaligen Geschlechtsverhältnisse: Der Mann blickt in die Welt, die Frau zu ihrem Mann.

Ferdinand Keller hatte bereits mehrere Porträts des Fürstenpaares geschaffen, er wusste, was bei Hof gewünscht war. Die Bildnisse Luises und Friedrichs, die in der Ausstellung zu sehen sind, entstanden allerdings erst ein Jahr nach dem Tod des Großherzogs.

Die Braut

Kein Blickkontakt möglich: Alexandra Berckholtz, Brautbild Karoline Friedrich geb. Heilig, 1861, Öl auf Leinwand, Porträt in der Ausstellung "Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung"
Kein Blickkontakt möglich: Alexandra Berckholtz, Brautbild Karoline Friedrich geb. Heilig, 1861, Porträt in der Ausstellung „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ | Foto: abw

Am Blickkontakt scheint die junge Frau kein Interesse zu haben: Züchtig senkt sie die Augen. Und Susanne Asche, die Leiterin des Karlsruher Kulturamts, ist wohl nicht die einzige, die sich fragt: „Ist diese Braut glücklich?“

Die Momentaufnahme von Karoline Friedrich vor ihrer Hochzeit, 1861 verewigt von der damals hoch geschätzten Porträtmalerin Alexandra von Berckholtz, mutet sehr persönlich an. Sie wirft zugleich ein bezeichnendes Bild auf die Weiblichkeitsvorstellungen des Bürgertums im 19. Jahrhundert: Häuslichkeit, Innerlichkeit und Unterordnung statt Aktion und eigenem Willen. Alexandra von Berckholtz, Tochter eines vermögenden Kaufmanns aus dem Baltikum, der 1830 mit seiner Familie nach Baden übergesiedelt war, porträtierte häufig Menschen aus ihrem nahen Umfeld.

Rösli Weidmann mit dem blauen Hut

Blickkontakt der schrägen Art: Wladimir von Zabotin, Porträt Rösli Weidmann mit blauem Hut, 1915/16, Ausstellung Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ | Foto: © Städtische Galerie Karlsruhe

Hier findet der Blickkontakt statt – auf etwas schräge Art. Die Porträtierte hat den Kopf nach rechts gedreht. Doch ihr Blick aus den Augenwinkeln geht trotzdem in die Richtung des Betrachters. Das lässt Rösli Weidmann herausfordernd, geradezu verwegen aussehen.

Die aufrechte Körperhaltung und das markante Gesicht bestätigen diese selbstbewusste Ausstrahlung. Der aus der Ukraine stammende Künstler Wladimir von Zabotin, der 1905 nach Karlsruhe kam und hier die Kunstakademie besuchte, hat das Bild 1915/16 gemalt. Mit dem Porträt nahm er den Typus der „Neuen Frau“ vorweg, der stilbildend für die 1920er Jahre werden sollte.

Doch wer um alles in der Welt war Rösli Weidmann? „Bei privaten Bildnissen wie diesem herrscht häufig eine Ungleichgewicht bezüglich der Informationen zu Künstler und Modell“, sagt die Kunsthistorikerin Hannah Schreiber, die die Ausstellung kuratiert hat: „Oft ist über das Modell kaum etwas bekannt, wohingegen es sich bei dem Künstler meist um eine öffentliche Person handelt, deren Biografie hinreichend gesichert ist.“

Immerhin bestätigt das wenige, was man über Rösli Weidmann weiß, den Eindruck, dass diese Frau sich wenig um die Konventionen ihrer Zeit scherte. Sie war eine Schweizer Sängerin und die Geliebte des Künstlers, mit dem sie eine gemeinsame Tochter hatte.

Die Kuh-Frau

Blickkontakt mit Rindviechern: Thomas Bayrle, Kuh-Frau, 1967, Porträt in der Ausstellung „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ | Foto: Städtische Galerie Karlsruhe, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das Gesicht von Marilyn Monroe war in den 1950er und 1960er Jahren allgegenwärtig. Doch wer bei dem 1967 entstandenen Porträt von Thomas Bayrle Blickkontakt zu der Schauspielerin sucht, landet bei – Rindviechern.

Der Frankfurter Pop-Art-Künstler hat das Gesicht der Medien-Ikone aus vielen kleinen Symbolen zusammengesetzt. Und wer näher hinschaut, kann die farbigen Icons als Werbefigur identifizieren: die Kuh der Käsemarke „La vache qui rit“, die Kuh die lacht.

Ob sich die Ausstellungsbesucher dem Amüsement anschließen wollen? Oder ins Grübeln kommen? Im 20. Jahrhundert haben sich völlig neue Porträtauffassungen etabliert. Und die Geschichten, die der Betrachter sich beim mehr oder weniger direkten Blickkontakt ausmalen kann, sind andere geworden. Geblieben freilich ist das Faszinosum des menschlichen Gesichts – der unterhaltsamsten Fläche der Welt.

Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung: Ausstellung in der Städtischen Galerie Karlsruhe, Lorenzstraße 27 bis 20. Januar 2019. Mehr Infos gibt es hier.