Frau mit Blindenstock
Die Rillen des Betonprofils in der Karlsruher City geben Elke Wagner dank Blindenstock Orientierung in der Kreuzstraße am Rand der Fläche, auf der die Stadt einen Bodenbelag für die Kaiserstraße der Zukunft testet. | Foto: jodo

Leitlinien und Kontrast helfen

Blind durch die Karlsruher City

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Leitlinien und ein starkes Gedächtnis helfen Elke Wagner, wenn sie mit ihrem Blindenstock in der Karlsruher City unterwegs ist. Der Langstock der stark sehbehinderten Lehrerin erzeugt auf den Rillen des Betonprofils ein typisches Geräusch.

Gewimmel ist schwierig für Blinde

Am Fuß der Kleinen Kirche wimmelt es am späten Nachmittag in der Kaiserstraße von Menschen. Eine Straßenbahn schiebt sich in die Haltestelle, zischend öffnet sich die vorderste Tür. Das ist Elke Wagners Stammplatz.

Hier gehe ich nicht gern allein

Die blonde Frau mit der dunklen Sonnenbrille setzt die Füße vorsichtig, vor ihr trennt der Bordstein den Gleisbereich ab. „Hier gehe ich nicht gern allein rüber“, gesteht sie. Mit gerade einmal zwei Prozent Sehkraft orientiert sie sich im lauten Durcheinander der City hauptsächlich mit Hör- und Tastsinn.

Ohren melden anrollende Bahn

Selbst mit gespitzten Ohren verpasst ein Durchschnittsmensch, was Elke Wagner erlauscht. Ihr geschärfter Hörsinn meldet nahende Schienenfahrzeuge. Sie hört auch, wo die nächste Tür ist – nicht jede zischt beim Öffnen, aber andere Fahrgäste machen sich dorthin auf. Dem Passanten, der mit Smartphone vor Augen anfangs auf Kollisionskurs ist, könnte sie allerdings nicht ausweichen. Und ein Radler, der geschwind durch eine Lücke witschen will, entgeht ihrer Wahrnehmung.

„Mal eben schnell“ geht nicht

„Mal eben schnell und spontan reagieren, das geht für mich nicht“, erklärt die Lehrerin. Nebenbei liest sie ihre Armbanduhr ab. Und zwar mit dem Zeigefinger: Das Uhrenglas lässt sich hochklappen.

Mit Details aus dem Alltag bringt Wagner Interessierten ihre lichtschwache Welt nahe. Das Vermitteln liegt ihr: Beruflich macht sie junge Menschen mit Sehbehinderung fit für ein möglichst unabhängiges Leben.

Gespür für den Weg unter der Schuhsohle

Elke Wagner ist viel allein unterwegs, zu Fuß, mit Bahn und Bus, in Karlsruhe, Stuttgart, München, regelmäßig auch in den USA. Doch schlendert sie nicht plaudernd daher, sondern registriert konzentriert etwa, was sie durch die Schuhsohle spürt. Ist sie einen Weg einmal gegangen, hat sie ihn sich fest eingeprägt.

Blindenstock
Der Langstock erzeugt auf dem Leitelement ein typisches Geräusch. | Foto: jodo

Ein Cafétisch in der Kreuzstraße ist das nächste Ziel. Die Gehsteigkante findet sich durch Tippen mit dem weißen Blindenstock aus Fiberglas. Von Geburt an stark sehbehindert, führt die Frau dieses Hilfsmittel seit der Einschulung.

Lässig pendelt der Blindenstock

Den Teleskopstab bewegt sie mit leichter Hand im Pendelrhythmus vor ihren Schuhspitzen über den Boden. Das wirkt so lässig, dass sie schon für eine Billardspielerin gehalten wurde – mit Queue. Den Griff, ein helles Blau, hat die selbstsicher auftretende und zart geschminkte Frau passend zum Farbton ihres Kleides gewählt.

Stockspitze macht Musik

Wie ein Percussion-Instrument wirkt die gerillte Leitlinie in der Pflasterfläche, wenn das Ende des Langstocks, das zu einer Mini-Halbkugel gerundet ist, über das Betonprofil schabt. Das Signal hilft, auf Kurs zu bleiben.

Kontrast ist für Sehschwache wichtig

Zur besseren Orientierung brauchen Sehschwache zusätzlich optischen Kontrast. Dunkle Steinfläche und helle Leitlinie oder umgekehrt, das nehmen Menschen mit sehr schlechten Augen wie Elke Wagner oft noch wahr.

Probefläche ohne klare Linie

Der Belag für die Kaiserstraße der Zukunft, der in der Kreuzstraße zur Probe verlegt ist, befriedigt dieses Bedürfnis nicht, kritisiert die weit gereiste Frau. Als stellvertretende Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderungen in Karlsruhe kennt Wagner gelungene Vergleichsmodelle aus Stuttgart, Würzburg und dem hessischen Hanau. Die Probefläche im Schatten der Kleinen Kirche aber bringe mit ihrem Farbton-Patchwork keine klare Linie.

Mit Methode klappt es am Europaplatz

Die Stadtbahn bringt Elke Werner heim nach Neureut. Am Europaplatz steigt sie häufig ein, aus oder um. Ausgerechnet diesen Platz, der City-Strategen nicht als Vorzeigeobjekt gilt, hat die Frau mit dem Blindenstock gut im Griff. „Ich habe eine Methode“, erklärt sie und führt sie gleich vor. Wo die Leitlinien an der Bahnsteigkante übergehen in die erhabenen Punkte der sogenannten Aufmerksamkeitsinsel, verharrt sie geduldig, notfalls minutenlang.

Warten auf die richtige Situation

Sie wartet auf eine spezielle Situation. Von links kommt eine Bahn, stoppt und steht still. Jetzt beginnt das Ein- und Aussteigen. Die Schienen vor den Augen des Fahrers zu überqueren, ist nun gefahrlos möglich bis zur Mitte des Gleisstrangs. Auf die Piste wagt sich Wagner aber erst, wenn auch eine vom Kaiserplatz kommende Bahn wartend die Mittelpassage blockiert.

Ich freue mich, wenn jemand Hilfe anbietet

Kontaktfreudig und kein bisschen empfindlich, was Ansprache oder Redewendungen angeht, ist Elke Wagner. „Ich freue mich, wenn mir jemand Hilfe anbietet, bedanke mich und nehme sie an“, sagt sie. Früher habe sie oft den Eindruck gewonnen, allein in der Stadt zu sein: „So gründlich haben mir alle Platz gemacht.“

Andere Zeiten

Die Zeit ist vorbei. Dennoch meidet die beherzte Frau mit der Sonnenbrille kein Ziel aus Prinzip.
„Die S 1 ist gerade weg“, sagt die erfahrene Pädagogin beim Abschied an der Haltestelle zum Erstaunen der sehenden Begleiterin. Am Geräusch erkennt Wagner ihre Heimatlinie.

Wird Smartphone bald zur Anzeigetafel?

Bald könne sie dank technischer Neuerung vermutlich auch selbst erkunden, wann die nächste passende Bahn fährt, ahnt die Vielfahrerin: „Die Informationen der Anzeigetafel lassen sich aufs Smartphone übertragen.“ Sie zieht ihr Smartphone aus der Handtasche und hält es mit exakt der gleichen Geste wie sehende Nutzer vors Gesicht. Denn in der Position, in der andere das Display ablesen, erfasst sie die leise Vorlesestimme des Gerätes am besten.

Über die Gestaltung der Kaiserstraße nach Abschluss der Kombi-Bauarbeiten diskutiert am Donnerstag, 14. Juni 2018, ein weiteres Mal der Planungsausschuss des Gemeinderats unter Vorsitz von Baubürgermeister Michael Obert. Die Sitzung ist nicht öffentlich.
Der Beirat für Menschen mit Behinderungen fürchtet, dass ästhetische Aspekte Vorrang vor den Normen und Anforderungen zugunsten von Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Sehbehinderung erhalten.