Einsamer Abschied: Das wegen des Coronavirus geltende Besuchsverbot in Krankenhäusern trifft vor allem Sterbende und ihre Angehörigen hart. Nur in wenigen Ausnahmefällen dürfen sich Familien noch voneinander verabschieden.
Einsamer Abschied: Das wegen des Coronavirus geltende Besuchsverbot in Krankenhäusern trifft vor allem Sterbende und ihre Angehörigen hart. Nur in wenigen Ausnahmefällen dürfen sich Familien noch voneinander verabschieden. | Foto: sudok1 / Adobe Stock

Beerdigung im kleinen Rahmen

Einsames Sterben: BNN-Redakteurin erzählt vom Tod ihres Vaters in Zeiten des Coronavirus

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Ich habe Freunde, die das schon vor mir erlebt haben. Die aus eigener Erfahrung wissen, wie es ist, wenn man einen geliebten Elternteil verliert, vielleicht sogar ein Kind. Immer habe ich mich gefragt, wie sie es wohl geschafft haben, das zu ertragen. Ich habe mir vorgestellt, dass es kaum eine schlimmere Situation geben kann, als am Sterbebett eines Menschen zu sitzen, ohne den man sich das Leben kaum vorstellen kann.

von unserer Redakteurin Angela Wiedemann

Heute weiß ich, es gibt Schlimmeres, denn es ist unserer Familie passiert. Mein Vater lag schwer krank auf der Intensivstation, als die Krankenhäuser dichtmachten, und während sich sein Zustand dramatisch verschlechterte, durften wir nicht bei ihm sein. Der Gedanke, dass er in seinen letzten Tagen und wachen Stunden alleine war, schmerzt mich mehr als sein Tod.

Etwas mehr als drei Wochen ist es her, dass seine schwere Krankheit diagnostiziert wurde. Corona war in Deutschland schon angekommen, es gab allerdings nur wenige Fälle, noch weniger gesicherte Erkenntnisse, ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen war gerade positiv getestet worden.

Komplikationen nach risikoreicher Operation

Die Ärzte meines Vaters empfahlen eine risikoreiche Operation, mein Vater entschied sich dafür. Kurz vor der Operation durfte er noch einmal für ein Wochenende nach Hause, danach wurde er operiert.

Die Komplikationen begannen direkt im Anschluss. Während in Nordrhein-Westfalen die Ansteckungsraten in die Höhe schossen und in Thüringen die erste Schule geschlossen wurde, überlebte mein von der Operation stark geschwächter Vater einen Herzstillstand und kämpfte – ohne, dass wir es wussten – bereits mit einer Lungenentzündung.

Das Reden fiel ihm schwer, aber bei unseren täglichen Besuchen hielten wir ihn über die aktuellen Nachrichten auf dem Laufenden. Er, der sein ganzes Leben lesend zugebracht hatte, war nun zu schwach. Die Tage wurden ihm unerträglich lang, ohne Abwechslung und fast schlaflos. Wir organisierten unseren Alltag so, dass wir ihn zweimal täglich besuchen konnten. Hinterher ging es ihm immer besser, zumindest seelisch.

In diesen schweren Tagen erzählten wir ihm von leeren Supermarktregalen und davon, dass ganz Italien in Quarantäne geht. Wir lachten gemeinsam über Toilettenpapier-Knappheit, aber Corona machte uns zunehmend Sorgen. Wir rechneten damit, dass sich unser Vater noch einmal erholen würde, und fragten uns, wie er mit einer geschwächten Lunge die nächsten Monate überstehen sollte.

Kontakt eingeschränkt wegen des Coronavirus

An einem dieser Abende nahm uns ein Pfleger beiseite und erklärte uns, dass wir uns darauf einstellen müssten, am nächsten Tag vor verschlossenen Türen zu stehen. Danach konnten wir meinen Vater nur noch einmal besuchen.

Es ging ihm so schlecht, dass ein Oberarzt Mitleid hatte und eine Ausnahme machte. Bei dieser Gelegenheit gaben wir meinem Vater ein hastig aufgesetztes Smartphone, mit dem wir ihm wenigstens Sprachnachrichten schicken oder ihn anrufen konnten.

Mehrere Tage saßen wir voller Angst und Unruhe zuhause und sahen immer wieder nach, ob mein Vater die Nachrichten wenigstens abrief. Er nahm das Telefon immer seltener zur Hand, zum Telefonieren fehlte ihm die Kraft.

Um das Pflegepersonal nicht überzustrapazieren, disziplinierten wir uns, riefen nur dreimal am Tag an, um uns nach seinem Zustand zu erkundigen. Dieser verschlechterte sich rapide. Irgendwann rief uns seine Lieblings-Pflegerin an und erklärte uns, dass mein Vater mit seinem Einverständnis ins künstliche Koma versetzt worden sei. Reden konnten wir vorher nicht mehr.

Pflegepersonal handelte in den letzten Stunden voller Mitgefühl

Immer dankbar werde ich sein, dass wir dann wenigstens in seinen letzten Stunden bei ihm sein durften. Die Ärzte und Pfleger waren voller Mitgefühl und machten alles möglich, was überhaupt nur ging, ohne andere Patienten oder das Klinikpersonal zu gefährden.

Wir wussten ja auch nicht, ob womöglich einer von uns bereits mit Corona infiziert war. Wir versuchten aber unseren Teil zur Sicherheit aller beizutragen und so wenig wie möglich anzufassen, um keine Keime auf die Intensivstation zu verschleppen.

Als alles vorbei war und wir durch einen schönen Frühlingsmorgen, der nichts mit uns zu tun hatte, nach Hause fuhren, waren meine Hände ganz rau vor lauter Desinfektionsmittel.

Es war gerade alles organisiert, da mussten wir sämtliche Freunde wieder ausladen.

BNN-Redakteurin Angela Wiedemann über die Organisation der Beerdigung ihres Vaters

Nur kurze Zeit später erwartete uns ein weiterer Tiefschlag. Es war der letzte Wunsch meines Vaters, der sehr viele Bekannte und Freunde hatte, dass jeder, der das wollte, zu seiner Beerdigung in der Friedhofshalle kommen könnte.

Der Bestatter jedoch erklärte uns, dass wir uns auf 30 Personen beschränken müssten. Obwohl wir für die Einschränkungen Verständnis hatten, fiel es uns sehr schwer, eine Auswahl derer zu treffen, die sich persönlich von meinem Vater verabschieden dürften.

Es war gerade alles organisiert, da mussten wir sämtliche Freunde wieder ausladen. Es konnten nun nur noch die engsten Familienangehörigen kommen. Zehn Menschen begleiteten die Asche meines Vaters schließlich zu seinem Urnengrab.

Gedanken an die älteren Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind

Und wir hatten gerade noch Glück: Nur zwei Tage später hätten wir uns vielleicht entscheiden müssen, wer von uns Geschwistern dabei sein darf. Drei Personen – mehr dürfen in unserer Gemeinde nicht mehr aufeinandertreffen, selbst bei Bestattungen.

Mein Vater hatte das Virus nicht, aber seine letzten Tage haben mir und meiner Familie gezeigt, was die älteren Menschen erwartet, die in den kommenden Wochen mit Covid-19 auf den Intensivstationen der Region liegen werden. Einige werden sich erholen, einige werden aber auch sterben, und zwar allein, ohne ihre Lieben.

Zorn und Abscheu wegen Sorglosigkeit und Darwinismus-Vergleichen

Angesichts dessen erfüllt es mich derzeit mit ohnmächtigem Zorn, wenn ich sehe, wie sorglos viele Menschen immer noch mit der Gefährdung durch das Virus umgehen. Wie sie in ihren Gärten die Kinder aus der Nachbarschaft gemeinsam Trampolin springen lassen, wie sie Partys feiern oder die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lassen.

Und mit echtem Abscheu erfüllt es mich, wenn selbst ernannte „moderne Darwinisten“ erklären, es sei natürliche Auslese und das normalste der Welt, wenn eine Krankheit die Älteren und Schwachen dahinrafft. Wenn jetzt die Rede ist von mehreren Tausend Corona-Toten, dann wünsche ich mir keine zynischen Vergleiche mit der jährlichen Zahl der Influenza-Toten.

Ich wünsche mir, dass jeder sich einen Moment Zeit nimmt, um an die vielen Familien zu denken, für die danach das Leben nicht mehr wie vorher ist. Und dass jeder sich so verhält, dass nicht ein einziger älterer Mensch unnötig in Gefahr gebracht wird.